Im Spätsommer 1928 kam eine ganze Gruppe von Presseleuten zum Fototermin ins Theater am Schiffbauerdamm, darunter eine junge Fotografin. Lotte Jacobi hatte nur wenig Zeit, die Schauspielerin Lotte Lenya, die gerade die Rolle der Prostituierten Jenny in der "Dreigroschenoper" probte, abzulichten. Eine erschwerte Bedingung für die 32jährige Fotografin, die großen Wert darauf legte, ihre Modelle in deren Eigenart zu erfassen und darum stets den Dialog mit ihnen suchte. Schließlich hielt sie ihr Gegenüber, in der selbstbewußten Pose der aufgeklärten, distanziert wirkenden "Neuen Frau" fest: mit forschem Bubikopf, schwarz umrandeten Augen und hart konturierten Lippen, in der Hand die damals für emanzipierte Frauen unvermeidliche Zigarette. Das Foto sollte der Fotografin wenig später Weltruhm einbringen. Ähnliches passierte mit Lotte Jacobis Porträt von Käthe Kollwitz und mit jenem des lässig eine verschlissene Lederjacke tragenden Albert Einstein, das sie 1937 in Princeton aufnahm. Einen Teil jener berühmt gewordenen Künstler- und Intellektuellen-Porträts, dazu vor allem Milieustudien aus der Welt des Theaters zeigt nun das "Verborgene Museum" in seinen Räumen im Charlottenburger Hinterhof. Insgesamt 80 Arbeiten aus den Berliner Jahren - 1927 bis 1935 - und den späteren im amerikanischen Exil, wo Lotte Jacobi 1990 starb.Die Auswahl der gezeigten Bilder aus dem Berlin der 20er und frühen 30er Jahre hat sie selbst mit getroffen, ja treffen müssen. Als sie 1935 aus Nazi-Deutschland fliehen mußte, konnte sie unmöglich alle Platten und Negative mitnehmen, die in ihrem Atelier entstanden waren. Zwar rettete sie ihre gesamten Aufnahmen von der 1932 und 1933 unternommenen Reise durch zwei Sowjetrepubliken, doch viele Bilder aus ihrer bedeutendsten Schaffenszeit, den Berliner Jahren, mußte sie zurücklassen. Sie gingen verloren. Was die Jacobi aber instinktsicher aussortierte, genügt, um einen Blick auf die politische und künstlerische Avantgarde jener Jahre zu haben. Es sind die kaum einem Stil unterzuordnenden Porträts von Lil Dagover, Grete Mosheim, Heinrich George, Emil Jannings, Carl Zuckmayer. Das extravagante Flair dieser Zeit aber halten besonders ihre Tanz-Fotografien fest.Um Zutritt zu all den exotischen Schauplätzen des Großstadtlebens zu erhalten, nutzte sie die Kamera wie andere eine Eintrittskarte fürs Theater. Denn dorthin genau hatte es sie schon als Jugendliche gezogen. Der Wunsch zu spielen, blieb allerdings bis auf einige unterhaltsame Rezitationen beim Mittagessen im westpreußischen Elternhaus in Thorn erfolglos. Neugierig und selbstbewußt wie sie war, entschied sie sich kurzfristig für das Fotografenhandwerk und damit für die Familientradition, die ihr Urgroßvater begründet hatte. Dann kam der Erste Weltkrieg und alles wieder anders. Johanna Alexandra Jacobi, genannt Lotte, heiratete. Ein Zustand, der gerade für vier Monate stabil blieb bis aus der Noch-Ehefrau und Bereits-Mutter die 29jährige Studentin der "Staatlichen höheren Fachschule für Phototechnik" wurde. Für die eigensinnige Lotte eröffnete sich damit die Möglichkeit, ihre Neugier auf das Leben und auf die Kunst professionell auszuleben. Sie genoß den Umgang mit der Berliner Boheme der 20er Jahre und fotografierte deren Protagonisten. Nein, sie hielt ihre Dialoge mit ihnen in Bildern fest.Eine klare Lotte-Jacobi-Bildsprache jedoch wollte sie sich gar nicht erst zulegen. Wenn von Stil die Rede war, beharrte sie auf der Ansicht, nicht ihren eigenen ausdrücken zu wollen, sondern den der Menschen, die sie fotografierte. So überliefert sie uns den rasenden Reporter Egon Erwin Kisch, als einen in den Telefonhörer verkrochenen Journalisten mit glimmender Zigarette. Karl Kraus als verschlossenen, furchtsamen Zeitgenossen. Die beiden Kinder von Thomas Mann sind als Männer in Hemd und Schlips gekleidet - ein Suchbild, das auf den ersten Blick die Frage aufwirft: Wer ist Erika, wer ist Klaus? Dabei schaut Erika zu ihrem Bruder auf, wendet sich, wie sie es auch im Leben tat, ihm zu, während er leicht herablassend in die Kamera blickt. Hier kommt das dialogische Prinzip, auf dem alle Jacobi-Fotos gründen, ganz zum Vorschein: die Beziehung des Geschwisterpaars zueinander offengelegt vor der Linse der Fotografin.Andere zu sich selbst kommen zu lassen, war die Jacobi-Methode. Damit schaffte sie es, Gesichter zu zeigen, die im kollektiven Gedächtnis bleiben. Ihre Werke jedoch wurden in deutschen Museen seit 1937 gerade fünfmal präsentiert, dabei niemals in einem großen Berliner Haus. So gehört Lotte Jacobi weiterhin zu den Künstlerinnen, deren Retrospektive in Berlin immer noch im verborgenen (Museum) stattfindet.Petra Sorg Das Verborgene Museum, Schlüterstr 70, Di-Fr 13-19 Uhr, bis 23. März. +++

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