BERLIN. "Es gibt keinen Fortschritt beim Bau des Unionsstaates mit Belarus." Gleichgültig kommentierte Russlands Präsident Wladimir Putin dieser Tage die Perspektiven der russisch-weißrussischen Integration. Entgegen den Ankündigungen der Vergangenheit distanzieren sich beide Staaten derzeit voneinander. Seit kurzem gibt es wieder eine Zollgrenze, zunächst für Transitwaren. Zwischen beiden Ländern bestand seit 1995 keine sichtbare Grenze mehr, das konservativ-sowjetische Regime von Präsident Wladimir Lukaschenko zählte zu den treuesten Alliierten Moskaus. Mit der Wiedererrichtung der Zollgrenze reagierte Minsk vor allem auf den neuen Kurs des russischen Konzerns Gasprom. Der hatte im Mai verkündet, ab 2007 die Gaspreise für Weißrussland an den Marktpreis anpassen und auf mehr als 200 US-Dollar pro 1 000 Kubikmeter Gas erhöhen zu wollen - also das Fünffache des jetzigen Preises.In den russischen Medien häufen sich Prophezeiungen, wonach der weißrussischen Wirtschaft eine Katastrophe bevorstehe. Das Moskauer Blatt Kommersant schrieb, mit der geplanten Preiserhöhung ginge die Hälfte der weißrussischen Firmen Pleite und die Inflation steige auf 18 Prozent.Seit 1994 betrieb Lukaschenko eine Politik der engsten Integration seines Landes mit Russland und redete über die Vereinigung. Damals spotteten die Weißrussen, in den bilateralen Beziehungen mit Russland herrsche das Prinzip "Gas gegen Küsse". Lukaschenko kam regelmäßig nach Moskau, küsste den russischen Präsident Boris Jelzin und erklärte sogar: "Ich bin bereit, auf den Knien nach Russland zu kriechen". Für sein Streben nach einem Unionsstaat sahen Lukaschenkos Gegner aber vor allem einen Grund: Das Interesse des Weißrussen, Präsident dieses riesigen Unionsstaates zu werden.Günstig für den UmsturzMit Boris Jelzin regierte damals ein kranker Mann im Kreml. Ein solcher Aufstieg des jüngeren und dynamischen Lukaschenko schien daher nicht ausgeschlossen. Inzwischen aber ist Wladimir Putin russischer Präsident, Lukaschenko hat seine Anziehungskraft für die Russen verloren. Früher wollte Lukaschenko die Vereinigung, aber Russlands Eliten nicht. Jetzt strebt der russische Präsident nach Zusammenschluss - und Lukaschenko blockiert.Im Mai schrieben russische Zeitungen, dass Putin die billigen Rohstofflieferungen durchaus mit der Bildung eines gemeinsamen Staates verknüpft - zu Moskaus Bedingungen. Lukaschenko hält es jedoch für besser, Präsident eines unabhängigen Landes zu sein, und nicht Verwalter einer russischen Teilrepublik, auch wenn diese Billiggas erhält.Doch die billigen Rohstoffe gaben Lukaschenko bislang die Möglichkeit, ein Sozialsystem zu finanzieren, das zu einer der Stützen seiner Popularität geworden ist. Nun werden die Preise steigen, auch Sozialleistungen sind bedroht. Damit entsteht eine günstige Situation für den Umsturz. Das Ende der "letzten Sowjetrepublik" kommt näher.------------------------------Foto : Auf Distanz: die Präsident Lukaschenko und Putin (vorn).