Die DDR-Oberen feierten ihren Staat als zu den zehn größten Industrienationen der Welt gehörig. Doch der überwiegende Teil der Industrie war marode. In der Chemieindustrie zum Beispiel kam es zu zahlreichen Unfällen, bei denen unter anderem erhebliche Dioxin-Mengen freigesetzt wurden. Die Stasi fertigte darüber penibel Aufzeichnungen an -- streng geheim. Erstmals in einer Tageszeitung Teile daraus -- eine Dokumentation von Professor Emanuel Heinisch.·Am 15. 1. 1961 kurz vor 10 Uhr ereignete sich in den Deutschen Solvey-Werken in Westeregeln, Kreis Staßfurt, eine Brandhavarte, bei der u. a. 500 Tonnen Naphtalin verbrannten sowie nicht mehr genau ermittelbare Mengen des DDR-PCBProduktes "Orophen" (PCB siehe Lexikon). Da es sich in Westeregeln um eine PCB-Herstellungsanlage handelte, kann davon ausgegangen werden, daß die enstandenen Dioxinmengen vergleichbar groß waren. Der Vorgang wurde als "Geheime Verschlußsache" eingestuft, außer den unmittelbar Betroffenen erfuhr niemand etwas davon.Jahrzehntelang und in großen Mengen wurde in der DDR auch Lindan hergestellt und verarbeitet, nicht nur in Bitterfeld, sondern auch in Magdeburg, Chemnitz und Berlin (dort bis 1987). Die dabei angefallenen Abprodukte (dezent als "A-Charge" deklariert) wurden gleichfalls verkippt. Auch all jene Vorgänge, die mit dem Verbringen solcher Industrieabfälle in Zusammenhang standen -- von den Mengen über die Zusammensetzung bis zum Deponleort -- wurden streng geheim gehalten. Zu drei dieser Deponien war Wissenschaftlern aufgrund eigener Untersuchungen dennoch Näheres bekannt:· In den Tagebaurestlöchern "Antonie" und "Freiheit" zwischen Sandersdorf und Kreppin (bei Bitterfeld) wurden etwa 70 000 Tonnen Abprodukte der Lindan-Fertigung des Chemiekombinates Bitterfeld (CKB) verkippt. Sie standen dort mit dem Grundwasser in Kontakt.· In der Grube "Regina", Gemeinde Schiffmühlen, Kreis Bad Freienwalde, gelangten etwa 40 000 Tonnen des gleichen Materials von Berlin-Chemie.· In die Steinbrüche Emden, früherer Kreis Haldensieben, einem Landschaftsschutzgebiet, gelangten zirka SO 000 Tonnen von Fahlberg-List. An diesem Ort hat ein Doktorand der Akademie der Wissenschaften etwa 20 Jahre lang Analysen von Boden, Pflanzenmaterial, Milch sowie Grundwasser vorgenommen. Auf Dioxine konnten die Untersuchungen nicht ausgedehnt werden, weil dazu das geeignete Instrumentarium fehlte. Aber sehr große Mengen von dem Lindan verwandter Schadstoffe konnten nachgewiesen werden. · Am 9. 8. 1988, knapp zwei Jahre nach der aufsehenerregenden Brandhavarie bei der SANDOZ-AG in Basel, wo größere Mengen Löschwasser den Rhein verseuchten, gab es fast den gleichen Unfall in der DDR. In Schönebeck an der Elbe brannte eine Lagerhalle des Betriebsteils Hermania des VEB Fahlberg-List, in der 812 Tonnen Pestizide lagerten. Wieder gelangte das Löschwasser in einen Fluß, diesmal die Elbe. Auch dies wurde zur geheimen Verschlußsache erklärt. Einige mutige Chemiker aus dem Analytiklabor des VEB Fahlberg-List und der zuständigen Wasserbehörde in Magdeburg stellten dennoch Analysen des Elbwassers von Schönebeck bis Boizenburg an.Das Ergebnis war die Ermittlung des Konzentrationsverlaufes mehrerer Pestizide in der Elbe von Magdeburg bis Boizenburg. Die Werte waren extrem hoch.· Eine Serie weiterer "Vorkommnisse" hat scheinbar zunächst nichts mit Dioxingefahr zu tun: die reihenweise Havarie von Hochspannungstransformatoren. Allein zwischen 1979 und 1983 explodierten im Elektroenergienetz der DDR 37 solcher 110 000-Volt-Trafos. Das Gefährliche an diesen Vorfällen war jedoch, daß dabei jeweils große Mengen Transformatorenöls verbrannten. Und speziell solchen Ölen waren PCB zugesetzt, um die Isolierfähigkeit und andere Eigenschaften zu verbessern. Man kann davon ausgehen, daß auch bei diesen Bränden größere Mengen Dioxin in die Umwelt gelangten, an Stellen, wo sie heute gewiß niemand vermutet.Zurück zur eigentlichen Chemieindustrie. Hier gab es zahlreiche weitere Havarien, wenn auch nicht unbedingt mit PCB-Beteiligung und Dioxingefahr:BAm 6. 11. 1954 explodierte in der Farbenfabrik Wolfen der Autoklav 7 des Nitrobetriebes. Drei Arbeiter erlitten tödliche, zwei schwere und 15 leichte Verletzungen.· Am 8. 8. 1959 brach gegen 9.25 Uhr im VEB Leuna-Werke "Walter Ulbricht", Betriebsdirektion Erdöl-Olefine, Bau 941, neue Erdöldestillation, ein Brand aus, in dessen Verlauf neben anderen Einrichtungeti des apparatetechnischen Teils auch Produktpumpen und elektrische Ausrüstungen sowie Meß-, Steuer- und Regeltechnik erheblich beschädigt bzw. zerstört wurden.·Am 24. 11. 1960 kam es gegen 13.45 Uhr im VEB Teerchemie Erkner in der Pyridin-Abteilung zu einer Explosion mit Brandentwicklung. Der Sachschaden betrug etwa 250 000 Mark.· Am 4. Januar 1963 ereignete sich in den Chemischen Werken Buna/ Merseburg, Bau F 59 (PVA-Anlage), eine Explosion. Drei Personen wurden schwer verletzt. Der Sachschaden betrug rund 300 000 Mark. In der Anlage wurden Vlnylacetat und Vinylperoxid (beide Gefahrenklasse A 1) zu Polyvinylacetat polymerisiert.· Am 12. Januar 1970 kam es im Chemiekombinat Buna, Bau H 55, zu einer Raumexpiosion, bei der eine Arbeiterin und ein Arbeiter tödlich und zwei Arbeiterinnen schwer verletzt wurden.· Am 4. Februar 1976 explodierte im Sprengstoffwerk Schönebeck, Produktionsbereich Nitroaromatenanlage, ein Aggregat. Hierbei erlitten zwei Betriebsangehörige tödliche und zwei weitere schwere Verletzungen.Dies ist nur der Anfang. Die Gauck-Behörde hat inzwischen weiteres Material zusammengestellt, das der wissenschaftlichen Auswertung bedarf. Soviel läßt sich heute sagen: Die Zahl der Störfälle in der DDR mit umweltrelevanten Folgen muß sehr hoch gewesen sein, sehr wahrscheinlich deutlich höher als In der Bundesrepublik.Leuna 11, ¶966.