Ganze 812 Jahre in genau 43 Minuten: So lange dauert die Zeitreise auf der Rückbank eines Tuk-Tuk, 43 Minuten tropisch heißer Fahrtwind, der Geruch von verbranntem Zweitakt-Gemisch und Frangipani in der Nase, vorbei an Reisfeldern, in denen Büffel stehen, vorbei an barfüßigen Mönchen, 43 Minuten vom wuchtigen Portal von Angkor Wat bis zum Viroth's und seinem flaschengrünen Pool. Im Jahr 1150 weihten sie Angkor Wat ein, das Gebäude des Viroth's 1962.Heute ist nichts mehr wie es damals war, Kambodschas berühmte Tempelanlage ist längst kein Ort mehr für heilige Männer, und das Viroth-Hotel war bis vor ein paar Jahren ein Büro-Gebäude. Wo jetzt der Pool zwischen Bananenstauden leuchtet, lag der Parkplatz. "Ein Jammer", sagt Fabien Martial, "das hat das Ensemble ruiniert." Für Ensembles aller Art hat er ein Gefühl. Architektur ist Martials Leidenschaft, Hotellerie sein Geschäft, und als er damals vor dem Zweigeschosser in der Wat Bo 658 von Siem Reap stand, konnte er den Swimmingpool beinahe schon sehen."Nach diesem Haus", sagt er, "habe ich lange gesucht." Die Beton-Fassade glatt und nackt, fast wie ein Rohbau, lichte Streben, freie Treppen, rechte Winkel. Ein Gebäude luftig wie ein Kartenhaus und dabei kraftvoll wie ein Bunker, nach allen Seiten offen und doch nicht einsehbar. "New Khmer Architecture", sagt Fabien Martial, "ein Musterstück."Die Zeit, aus der das Gebäude für das Viroth-Hotel stammt, ist Kam- bodschas vergessene Moderne -die Jahre zwischen 1953 und 1970, als das Land endlich unabhängig und noch nicht im Würgegriff der Roten Khmer war, die 1975 an die Macht kamen. Prinz Sihanouk beflügelte damals einen Baustil, der Elemente der europäischen Moderne mischte mit Architektur-Traditionen Südostasiens und der strengen Geometrie der Tempelanlagen um Angkor Wat.Unter dem Label "New Khmer Architecture" entstand etwa der National Sport Complex oder die Bibliothek des Fremdspracheninstituts in Phnom Penh -Gebäude wie Raumschiffe, kantig, klar, licht- und luftdurchflutet. Viel ist nicht geblieben von Kambodschas Ausflug in die architektonische Aufklärung, geschleift von den Roten Khmern, untergegangen im Billig-Baustil der 90er, mitunter zugeklebt mit Asia-Kitsch und taiwanesischen Drachenköpfen aus Beton. Im Viroth's aber feiert die "New Khmer Architecture" eine kleine Renaissance, bis hinein in die sieben Gästezimmer. Fabien Martial, der Hotelier mit französischen Wurzeln, hat jeden Raum ein wenig anders gestalten lassen und doch im gleichen Stil: minimalistisch aber nicht unterkühlt, glatte Steine, Samt und Leinen. "Unsere Gäste sollen spüren, wo sie sind und trotzdem Abstand bekommen vom Trubel um die Tempel."Zurück aus Angkor WatWegen der Tempel kommen sie nach Siem Reap, der Stadt unweit von Angkor Wat und seinen mystischen Ruinen. Ein kilometerweites Labyrinth zwischen Grabstätten und Heiligtümern, mitunter überwuchert von Feigenbäumen, ein riesiger, verwunschener Zauberwald. Mit vollem Kopf und müden Gliedern kehrt man heim nach einem Tag in Angkor Wat, und wie gut, dass es nur 43 Minuten mit dem Tuk-Tuk sind. Klare, weiße Linien, Pause für die Augen, und der Blick wird frei -für eine neue Zeitreise am nächsten Tag.------------------------------SERVICEAngkor WatNovember bis Februar ist Hauptreisezeit in Kambodscha. Wer die Tempelanlage von Angkor Wat mit weniger Trubel besichtigen will, fährt am besten im März oder April. In den Mittag- und Abendstunden hat man die Heiligtümer dann fast für sich.Das Hotel Zimmer ab 90 US-Dollar (circa 66 Euro), Reservierung empfohlen. Hotel Viroth's, 658 Wat Bo Street, Siem Reap.www.viroth-hotel.com------------------------------Foto: Abstand vom Trubel um die Tempel: Poolbereich des Viroth-Hotels.