Neue CDs mit alten Volksliedern sind im Trend. Was früher ein randständiges Produkt für sentimentale Senioren oder Deutschland-Touristen war, erscheint nun mit beträchtlichem Marketing-Aufwand für eine große Zielgruppe, wobei nur selten der Anspruch fehlt, mit dem jeweiligen Tonträger das deutsche Volkslied zu retten.Alles fing mit einem Überraschungserfolg an: Die A-cappella-Gruppe Singer Pur erhielt 2007 einen "Echo Klassik" für ihr Volksliedalbum mit dem alarmierenden und komischerweise englischen Titel "SOS - Save our Songs". Zwei Jahre später räumte eine Volkslied-CD des Leipziger Calmus-Ensembles den gleichen Preis ab. Seitdem ist kein Halten mehr: Ob Kammerchor oder Barocksängerin mit Lautenist, alle müssen das deutsche Volkslied vor dem Vergessen bewahren.Was da allerdings gerettet werden soll, ist naturgemäß ständigem Wandel unterworfen und verweigert sich einer Kanonisierung. Die Furcht, dass die guten alten Lieder durch minderwertige neue ersetzt werden, ist dabei so alt wie der Ausdruck "Volkslied" selbst: "Ein halbes Jahrhundert noch und es ist zu spät!" alarmierte Johann Gottfried Herder 1775 seine Zeitgenossen, nicht ahnend, dass die heute bekanntesten deutschen Volkslieder erst einige Jahre später entstehen sollten. Doch während Herder "nur" den vermeintlich unverfälschten Ausdruck der deutschen Volksseele in Gefahr sah, scheint heute die Praxis des Singens selbst bedroht zu sein. Pädagogen und Wissenschaftler warnen seit einiger Zeit, dass immer weniger Kinder eine Melodie nachsingen können. Viele probieren ihre Singstimme erstmals aus, wenn sie mit 14 Jahren vergeblich versuchen, Popstar zu werden. Manche Erzieher haben keine Ahnung, was man mit Kindern und einer Gitarre anfangen könnte.Stillhormone wären hilfreichFür Abhilfe soll, unter anderem, eine Initiative von SWR und Carus-Verlag sorgen. Nach dem großen Erfolg zweier "Wiegenlieder"-CDs samt Liederbuch folgt nun eine Volkslied-Sammlung. Buch und CD strahlen Achtsamkeit und Qualität eines Holzspielzeugs von Manufactum aus und sollen offenbar den hohen Wert des Liedguts illustrieren. Derartige Liederbücher für Kinder hält der Buchhandel zwar seit Jahrzehnten bereit, und manche davon sind weniger hässlich illustriert als das des Carus-Verlags. Dafür enthält dieses eine Mitsing-CD, auf der die Melodien instrumental vorgespielt werden. Aber ob es wirklich Familien gibt, die zum Playback aus dem CD-Player Volkslieder anstimmen? Sinnvoller erscheinen da schon die aus den Einnahmen des Benefiz-Projekts geförderten Vereine und Stiftungen, die ehrenamtliche Sing-Paten an Kindergärten vermitteln.Auch auf dem separat erhältlichen Album wird schlicht und zu einfacher Begleitung gesungen, allerdings vorwiegend von professionellen Sängern. Einzig das kleine Ensemble Wir Kinder vom Kleistpark, das den Kanon "Bruder Jakob" darbietet, erinnert daran, das Volkslieder auch etwas mit Laiengesang zu tun haben.Wirklich hören möchte man das alles eigentlich nicht. Zu harmlos die Auswahl der Lieder, zu schlicht die Darbietung. Überhaupt muss man wohl reichlich Stillhormone im Blut haben, um die Sorgfalt, die Harmonie und die Demut, die aus jedem Ton und jedem Buchstaben dieses Benefiz-Projekts schreien, ertragen zu können.Weniger gefällig, als die Hülle vermuten lässt, ist hingegen die Neuveröffentlichung "Deutsche Volkslieder" des Windsbacher Knabenchors, bei der auch Ensembles des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin beteiligt waren. Hinter dem Cover mit viktorianischen Engels-Kindlein verbirgt sich eine hochwertige Chormusik-Sammlung, ergänzt um kurze Instrumentalnummern, vorwiegend für Blechbläser. Kein Rettungsgetöse, dafür kunstvolle Chorsätze, mit präziser Phrasierung, sauberster Diktion und ausgewogenem Klang interpretiert. Doch so wenig an den einzelnen Nummern auszusetzen ist: Der unglaublich homogene Chorklang und das überwiegend schwermütige Liedgut sorgen schnell für melancholische Langeweile.Zwischen der seriösen Chormusik-CD der Windsbacher und der trotz allem glaubwürdigen Mitsing-Initiative des Carus-Verlags wirkt das Nachahmer-Produkt reichlich halbherzig. "Geh' aus, mein Herz" ist das zweite Album der Volkslieder-Serie aus dem Hause Sony. Professionelle Sänger präsentieren hier vorwiegend Kunstlieder, die später zu Volksliedern wurden, oder vielleicht hätten werden können, wie Schuberts "Forelle". Zwar dürfen die Sänger, die zum Teil auch beim Konkurrenzprodukt mitgewirkt haben, im - na klar - aufwändig gedruckten und romantisch bebilderten Beiheft vom "frischen Zugang zum Volkslied" schwadronieren, doch ist von Frische nicht viel zu hören. Die Brahms- und Schubert-Versionen klingen hier so, wie man sie schon tausendfach vernommen hat. Zum Mitsingen lädt der Kunstliedgesang wohl kaum ein, jedenfalls nicht mehr, als andere Aufnahmen von "Leise flehen meine Lieder" auch.Die singende FamilieDer Markt für von Profis eingesungenes, mehr oder minder traditionelles Liedgut ist offenbar noch nicht gesättigt: Der Carus-Verlag plant nach den Alben mit Wiegen- und Volksliedern ebenso edle Sammlungen von Kinder- und Weihnachtsliedern. Das Echo anderer Labels wird nicht lange auf sich warten lassen. Wer um alles in der Welt kauft das alles? Es ist wohl das neue Bürgertum, das den Soundtrack zum geölten Holzfußboden erwirbt. Aber warum mit deutschen Volksliedern, noch dazu fast ausschließlich mit den romantischen?Im Beiheft zu "Geh' aus, mein Herz" geht es um die Idylle als "Ort der Sehnsuchtsprojektionen" romantischer Volksliedautoren. Zu dieser Idylle, in der wir unsere Sehnsüchte erfüllt sehen, ist inzwischen anscheinend die Volkslied-singende Familie selbst geworden. Das Bionade-Biedermeier pflegt die Meta-Idylle: Nicht das idealisierte Landleben, sondern eine Gesellschaft, die wenigstens davon zu singen weiß, erscheint als heile Welt, von der man einen Abglanz ins Kinderzimmerregal stellen möchte. In dieser heilen Welt spielen Lieder aus anderen Kulturen bezeichnenderweise keine Rolle. Zwar glaubt heute niemand mehr an den "unverfälschten Ausdruck der deutschen Volksseele", aber die Sehnsucht nach einer überschaubaren Lied-Kultur, in der man sicher sein kann, dass das heimatliche Haus im schönsten Wiesengrunde steht, lässt man sich doch gern in ein Kinderbibel-artiges Liederbuch verpacken.-----------------------Volkslieder Vol. 1. Klaus Mertens, Juliane Banse, Julian Prégardien, Peter Schreier u. a. Carus Verlag, 2010Deutsche Volkslieder. Windsbacher Knabenchor, Karl-Friedrich Beringer, Ensembles des DSO Berlin. Sony Classical, 2010Geh' aus, mein Herz - Deutsche Volkslieder II. Angelika Kirchschlager, Stella Doufexis, Hanno Müller-Brachmann u. a. Sony Classical (erscheint am 12. 11. 2010)------------------------------Foto: Idylle, wie fürs Volkslied gemacht: Carl Spitzwegs "Schmetterlingsjäger".