Auf diese Ausstellung muss man sich eine Weile einlassen, denn zunächst ist nichts als Verwirrung. Was nur soll dieser düstere, mit grünem Stoff ausgeschlagene Salon, wo hier doch sonst weiße Regale eine minimalistische Ladenatmosphäre verbreiten? Und dann die ganzen Reproduktionen berühmter moderner Kunstwerke von Picasso bis Duchamp? Einschließlich ihrer Rahmen - oder der Sockelplatten bei den Skulpturen - sind alle Arbeiten von einer dünnen, malerisch bewegten Wachsschicht bedeckt.Wo sind wir eigentlich? Wer den Künstler H.N. Semjon kennt und seinen Fetisch Wachs, wer seit Jahren verfolgt hat, wie er seinen "KioskShop" als halb realen, halb imaginären Laden betreibt, in dem die alltäglichen Produkte von der Milchtüte zur Tageszeitung unter dem milchig-transparenten Weiß zu Artefakten werden, der kennt das Verfahren. Konzeptuelles und Pop Art treffen in Semjons Langzeitkunst aufeinander. Er befragt die Dinge auf ihren Kunstwert und schafft sich mit seinem Laden eine Art Living Sculpture; mit Beuys ist dies auch eine soziale Plastik.Die Wachsschicht nimmt den Objekten die Härte, transformiert die Konturen zu einer Malerei, die eigentlich keine ist - die Realität wird zur Fiktion. Eine Erfindung ist auch das private Kunstkabinett, das jetzt in Semjons Kunstkiosk Einzug gehalten hat. Aber Halt, eigentlich ist es zu empfehlen, sich zunächst von Semjon die Geschichte von Dr. Carl Theodor Gottlob Grouwet erzählen zu lassen. Es gibt auch einen schönen Text über den feingeistigen Papierfabrikanten aus dem Bergischen Land, der seit 1904 eine bedeutende Sammlung der internationalen Moderne aufbaute und sich im Jahr 1909 in seiner Berliner Wohnung am Savignyplatz den lang gehegten Traum erfüllte, einen Kunstsalon einzurichten.Wie alle großbürgerlichen Feingeister des Kaiserreichs zog es auch Grouwet immer wieder nach Frankreich. 1904 erlebte der 25-jährige Erbe, der Kunstgeschichte und Literatur studierte hatte, im Pariser Herbstsalon sein Erweckungserlebnis für die Avantgarde. Er erwarb Werke von Medardo Rosso und Odilon Redon, ein Jahr später erlebte er den Skandal der ersten "Fauves"-Ausstellung mit und begeisterte sich für Henri Matisse. Auf seinen Geschäftsreisen durch ganz Europa bis hin nach Moskau und New York suchte er den Kontakt zu allen Kunstzirkeln der Moderne. Und er kaufte: Picasso und van Gogh, Malewitsch und Kandinsky, die deutschen Expressionisten und die amerikanische Einzelgängerin Georgia O'Keefe und vieles mehr. Picassos "Demoiselles d'Avignon" wurden ihm vor der Nase weggeschnappt, ebenso ging es ihm mit Meisterwerken von Duchamp und Brancusi.Nun hängt Grouwets Sammlung vor uns, hinter dem Wachs entrückt wie eine verschwommene Erinnerung. "Konstruktion der Moderne" heißt die Installation, die auch die Konstruktion einer Fantasie ist. Das kann gute Konzeptkunst: eine berührende Geschichte erzählen und uns den Kopf ein wenig verwirren. Wie schön, wenn alles wahr wäre.KioskShop Berlin, Schröderstraße 1 (Mitte). Verlängert bis 21. August, Do/Fr 17-19, Sa 14-19 Uhr.------------------------------Foto: Blick in Carl Grouwets Kunstsalon