Durch Zwangsräumungen vor fünf Jahren vom Ursprungsort Potsdamer Platz vertrieben, leben die Rollheimer seit Juli 1991 auf einem etwa 4,5 Hektar großen Gelände, dem ehemaligen Pionierzeltplatz Karl Marx in der Wuhlheide. Schüler des Steglitzer Beethoven-Gymnasiums haben die Bewohner besucht.Die Wagenburg, wie der Platz oft genannt wird, liegt in der Nähe des FEZ. Wagenburg - ein Begriff, den die mobilen Anwohner eigentlich nicht gern hören. Rollheim oder Wagendorf sind ihnen als Bezeichnung ihres Wohnortes lieber.Seit einiger Zeit gibt es auf dem Gelände mehrere Container mit sanitären Anlagen, so daß sich einige Leute zusammenschließen und eigene abschließbare Toiletten benutzen können. Außerdem gibt es Waschmaschinen und Trockner, die von allen Bewohnern benutzt werden. Für soziale Kontakte unter den Rollheimern entstand eine Begegnungsstätte, in der man Fitneß betreiben, Tischtennis spielen, Fernsehen und Musik hören kann. Außerdem gibt es eine Bar.Auf dem Platz in der Wuhlheide leben etwa 130 Erwachsene und 20 Kinder. Eigentlich ist der Platz nur für 80 Menschen konzipiert, also überfüllt. Die Bewohner des Wagendorfs kommen aus den verschiedensten sozialen Umfeldern: Rund ein Drittel hat ein festes Einkommen, geht also regelmäßig arbeiten. Die verbleibenden zwei Drittel beziehen Sozialhilfe oder Arbeitslosenunterstützung, wenige verzichten auf sämtliche staatliche Hilfen. Wie in einem eigenen Dorf leben die Bewohner gemäß ihrer persönlichen Lebenseinstellung zusammen: Es gibt ein Punk-, ein bürgerliches, ein Künstler- und ein sozial schwaches Viertel. Es gibt Leute in diesem Wagendorf, die einfach nur ihre Ruhe haben wollen, andere wollen alles zu einem Projekt mit viel Öffentlichkeitsarbeit ausarbeiten. Wieder andere suchen in der Siedlung eine Zuflucht vor der Obdachlosigkeit. Die Reaktionen auf unseren Besuch waren sehr unterschiedlich: Während so mancher in seinem Wagen blieb, kamen andere Rollheimer, unter anderem "Kerze", auf uns zu und erlaubten uns, einen Blick in ihr Zuhause zu werfen. "Kerze" lebt in zwei Bauwagen, von denen einer als Kinderzimmer, der andere als Küche und Schlafzimmer ausgebaut ist. "Kerze" wollte nicht länger 600 Mark für ihre Zwei-Zimmer-Wohnung bezahlen und zog aus diesem Grund ins Wagendorf. Sie fühlt sich wohl bei dem Gedanken, daß ihre Kinder jetzt spielen können, ohne sich der Gefahr auf der Straße auszusetzen.Das Zusammenleben auf engstem Raum und die Pauschalabgabe von 60 Mark für Müll, Wasser und Strom bringt viele Probleme mit sich und sorgt nicht nur auf den monatlichen Versammlungen für Kontroversen, da sich viele dort lebende Menschen benachteiligt fühlen, wenn andere mit einem höheren Strom- oder Wasserverbrauch den gleichen Preis zahlen wie jene, die einen geringen Verbrauch aufweisen. Auch ist der Preis nicht von der Anzahl der Wagen abhängig: Wenn jemand zwei Wagen besitzt, muß er trotzdem nur 60 Mark im Monat bezahlen. "Doch Streit gibt's hier nicht wenig, manchmal geht's ganz schön hart her", so Werner Hampf, der uns durch das Dorf geführt und die Einzelheiten erläutert hat. Doch auch, wenn Streitigkeiten zwischen den Bewohnern nicht selten vorkommen, so halten sie meist nicht lange an, da man sich zwangsweise über längere Zeit hinweg doch ständig über den Weg läuft.Die drei Grundgesetze, die sogar schriftlich festgehalten werden, lauten: Keine Gewalt, keine harten Drogen, kein Diebstahl. Selten kommt es vor, daß sich die Rollheimer in der Wuhlheide nicht an die vorgegebenen Regeln halten, denn im Gegensatz zur East Side Gallery bilden sie eine harmonische Gemeinschaft, die im großen und ganzen friedlich und ohne Kriminalität funktioniert. +++