PUTLITZ. Das Ende ist nah. Dafür gibt es ein sicheres Zeichen, sagt Ingo Weiß, der Mann im Führerstand des Biodiesel-Triebwagens: "Selbst am Sonntag stehen die Bahn-Fans schon um acht Uhr an der Strecke, um die Züge zu fotografieren." Es sind die letzten Züge auf den 17 Kilometern zwischen Putlitz und Pritzwalk. Mit dem Verkehr auf der Nebenbahn, die sich in der Prignitz durch feuchte Wiesen und kleine Wälder zieht, geht es zu Ende. Am 9. Dezember, 20.01 Uhr, kommt in Putlitz zum letzten Mal ein Zug der Regionalbahnlinie 70 an. Dann ist es dort mit dem regulären Personenverkehr vorbei - wie auf vier weiteren Strecken in Brandenburg.Der Triebwagen nach Putlitz, der in Pritzwalk abfahrbereit brummt, sieht so aus, als gehöre er nicht zum Club. Gerade sind aus vier Richtungen Züge eingetroffen und halten nebeneinander. Doch wer zum Bahnsteig "Put 1" will, wo sich eine windschiefe Bank und ein Mülleimer unter freiem Himmel verlieren, muss schon etwas laufen. Weiß steht im Abseits. Aber er fühlt sich nicht so. Die Putlitzer Bahn werde gebraucht, sagt der Mann von der Prignitzer Eisenbahn GmbH (PEG).Die alte Frau und der Bahnhof"Morgens und mittags ist der Zug voll mit Schülern", erzählt er. "Es wären noch mehr, wenn der geplante Bahnsteig in der Nähe der Pritzwalker Schulen gebaut worden wäre. Aber dafür ist es jetzt wohl zu spät." Ein anderer Haltepunkt ist dagegen noch fertig geworden: eine Sandaufschüttung neben der Wiese, auf der sich im Sommer die Nachfolger der Hippie-Bewegung zur Goa-Party treffen. "Dann fuhren wir wegen der vielen jungen Leute mit den alten Raketen, unseren Schienenbussen. Da waren Fahrgäste aus Argentinien und Kanada dabei."Dann sind da noch die Senioren, die dem Zug nach Putlitz, der mal mit Tempo 10, mal mit Tempo 50 Krähen und Kühe aufscheucht, treu geblieben sind. Solche wie einst Elly Zeggel aus Kuhbier. "Elly - das war bei uns im Ort die Bahn", sagt Axel Gruschka, der mit Ehefrau, Freunden und Rotkäppchen-Sekt im Zug den Abschied von der Strecke begeht. 43 Jahre hatte sie im Bahnhof gearbeitet, Fahrkarten verkauft, Rüben und Kartoffeln für den Versand gewogen. Als die weißhaarige Frau 1987 in Pension ging, wollte sie von ihrem Arbeitsplatz nicht lassen. "Sie hat alles sauber gehalten, ohne Bezahlung," so Gruschka. Inzwischen erlitt Elly Zeggel einen Herzinfarkt. Nun bohnert keiner mehr den Boden im roten Haus am Gleis. Aber die Altersgenossen der Frau, die so lange für den Bahnhof sorgte, steigen dort noch ein und aus. Noch.Bereits 1992 sah es so aus, als wäre die Bahn tot. "Damals wurde die Brücke über die Dömnitz weggespült", sagt Weiß. "Doch die Leute an der Strecke erreichten, dass es weiterging." 1996 übernahm der Prignitzer Thomas Becken, ein früherer DB-Lokführer, mit drei Mitstreitern und einem damals schon 41 Jahre alten Schienenbus aus Bayern den subventionierten Betrieb.Während der Bundesbahn-Methusalem über die bröselnden Betonschwellen knatterte, verkaufte der damals 29-Jährige Schokoriegel und Kaffee. Becken ging im Sportverein, in Schulen und Kitas hausieren. Das sprach sich bis Berlin herum. Weiß: "Bald waren Fernsehteams an Bord, um uns zu filmen." Die heute 110 Jahre alte Bahn wurde zum Kern des PEG-Imperiums, das sich längst auch in anderen Bundesländern ausgebreitet hat und nun der britischen Arriva gehört.Steuergrab oder Notwendigkeit?Doch es hat alles nichts genützt. Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg zählte auf der Strecke auch nach 2000 nur 90 bis 150 Fahrgäste pro Tag. "Für die Linie ist perspektivisch kein wesentlich höheres Fahrgastpotenzial zu erkennen" - dieses Resümee besiegelte das Schicksal, nachdem der Bund im Frühjahr seine Regionalisierungsmittel gekürzt hatte. Brandenburg muss zwischen 2007 und 2010 auf insgesamt 142 Millionen Euro Zuschuss verzichten. Ein Teil der Kürzung wird durch Umschichtungen im Landesetat ausgeglichen. Dennoch sieht Verkehrsminister Reinhold Dellmann (SPD) keine Alternative zur Abbestellung schwach ausgelasteter Züge. Kritik von Verkehrsexperten, dass das Land durch die Ausschreibung von DB-Regionalexpresslinien auf diesen Kahlschlag hätte verzichten können, verhallte. Keine Aufregung, so der Verkehrsverbund: Anstelle der Züge werden Busse fahren. Wenn auch nicht immer so oft.So herrscht Endzeitstimmung in Putlitz. Neben dem Bahnhof vergammelt ein Lufthansa Airport Express, den die PEG einst auf Vorrat gekauft hat und nun Jugendlichen als Party-Location dient. Die Schlagerpreise der Gaststätte "Zur Endstation" - ein "Bahnarbeiterfrühstück" kostet 2,50 Euro - können die Tristesse nicht mildern. Ingo Weiß fährt seinen Zug nach Pritzwalk zurück. 14 Fahrgäste begleiten ihn."Diese Bahn ist ein Steuergrab", sagt Axel Gruschka. "Eigentlich müsste sich die Strecke lohnen, so viele Jugendliche, wie hier mitfahren", entgegnet Tobias Rott, der zu seiner Lehrstelle fährt. "Vor neun Jahren habe ich hier angefangen", erinnert sich Ingo Weiß. Am 9. Dezember fahren noch einmal die alten bayerischen Schienenbusse von damals. "Dann ist Schluss. Schade."------------------------------Aus für fünf LinienNicht nur zwischen Pritzwalk und Putlitz ist bald Schluss. Um jährlich zehn Millionen Euro zu sparen, bestellt das Land Brandenburg auf vier weiteren Linien zum 10. Dezember den Regionalverkehr ab. Insgesamt sind 88 Kilometer Strecke betroffen. Die Begründung: Der Bund zahlt den Ländern weniger Regionalisierungsmittel. Damit werden Zugfahrten subventioniert. 2005 bekam Brandenburg 402,8 Millionen Euro.Der Gasthof zur Eisenbahn in Ringenwalde, in dem es prämierte uckermärkische Küche gibt, ist bald ebenfalls nicht mehr per Zug erreichbar. Die Regionalbahn OE 63 von Joachimsthal nach Templin Stadt, an der Ringenwalde liegt, entfällt. 125 bis 145 Fahrgäste pro Tag seien zu wenig, heißt es. Ersatz: Buslinie 515. Nach Milmersdorf werden weiterhin Güterzüge fahren, das Reststück bis Templin will die DB anderen Unternehmen anbieten - und bei fehlendem Interesse stilllegen.Neuruppin ist doppelt betroffen. Die Bahn nach Neustadt (Dosse) mit täglich 250 Fahrgästen und die Strecke nach Herzberg (Mark) mit 150 lokalen Reisenden pro Tag verlieren auch noch den Reisezugverkehr. Güterzüge rollen schon nicht mehr. Auch von diesen Schienenwegen will sich die DB trennen. Schlechte Anschlüsse und die Konkurrenz durch den Busbetrieb des Kreises machten der Bahn nach Neustadt zu schaffen.Auch der schöne Bahnhof Tiefensee ist vom zweiten Advent an nur per Bus erreichbar. Die Bahn von Werneuchen dorthin liegt dann brach.------------------------------Foto: (2) Endstation für den Zug nach Putlitz: Bald fährt keine Bahn mehr von Pritzwalk in die Prignitz-Gemeinde.