Seit Langem gibt die Sonne Astrophysikern ein Rätsel auf: Wie kommt es, dass an der Oberfläche des Gestirns nur etwa 5 500 Grad Celsius herrschen, sich darüber aber eine mehrere Millionen Grad heiße Atmosphäre ausdehnt? Physikalisch betrachtet erscheint es absurd, dass die relativ kühle Oberfläche für eine derartige Aufheizung der Atmosphäre sorgen soll. Ebenso gut könnte man behaupten, dass Wasser von einer 50 Grad heißen Herdplatte zum Kochen gebracht werden kann. Gleich mehrere Forschergruppen konnten jetzt mithilfe des japanischen Weltraumteleskops Hinode nachweisen, dass nicht die Oberfläche selbst, sondern Magnetfelder, die aus der Sonnenoberfläche ins All hinausragen, die Korona aufheizen. Sie berichteten kürzlich im Fachjournal Science darüber.Die Aufnahmen von Hinode (japanisch: Sonnenaufgang) ermöglichten es, die heiße Atmosphäre, die bei einer totalen Sonnenfinsternis als leuchtende Korona sichtbar ist, im Ultraviolett- und im Röntgenbereich zu studieren. In diesen Spektren wird das heiße Gas besonders gut sichtbar. Forschergruppen aus Großbritannien, Japan und den USA fanden dabei im Magnetfeld der Sonne klare Hinweise auf einen Vorgang, den Physiker Reconnection (deutsch: Wiederverbindung) nennen. Darunter verstehen sie den plötzlichen Zusammenschluss benachbarter Magnetfeldlinien. Bei diesem Vorgang schlagen die Felder wie Peitschenriemen durch das sie umgebende Gas. Dabei wird Energie freigesetzt, die das Gas erhitzt und bis zu hunderttausend Kilometer hohe Gasfontänen (siehe Foto) von der Sonnenoberfläche in den Weltraum schleudert.Doch möglicherweise gibt es noch eine zweite Hitzequelle in der Korona: die Alfvén-Wellen. Diese Plasmawellen entstehen, wenn Magnetfelder ein heißes Gas zum Schwingen bringen, wodurch es sich weiter aufheizt. Sie wurden vor vierzig Jahren bei Laborversuchen von Hannes Alfvén entdeckt. Der schwedische Physiker sagte voraus, dass es die Wellen auch in der Sonnen-Korona geben müsse - aber bisher ließen sie sich dort nicht nachweisen. Gleich drei Forschergruppen glauben nun, Hinweise auf solche Wellen in der Korona gefunden zu haben. Dazu gehören Bart de Pontieu und seine Kollegen vom Lockheed Martin Solar and Astrophysics Laboratory in Palo Alto (Kalifornien). Ihren Ergebnissen zufolge besitzen die Wellen genug Energie, um die Korona auf mehrere Millionen Grad Celsius zu erhitzen.In einem Kommentar in der gleichen Ausgabe von Science bezeichnen Robertus Erdélyi und Viktor Fedun von der britischen University of Sheffield die neuen Entdeckungen als einen großen Fortschritt für die Sonnenforschung. Allerdings weisen sie auch darauf hin, dass die Beobachtungsdaten noch nicht eindeutig seien. Schließlich gebe es auch andere Wellenformen, die den Alfvén-Wellen ähnelten. Erdélyi und Fedun schlagen deshalb vor, die Hinode-Daten nun mithilfe von zwei anderen Sonnenteleskopen namens Stereo zu überprüfen. Das könnte Klarheit bringen, denn die Stereo-Teleskope haben Messinstrumente an Bord, die sich für die Identifizierung der lang gesuchten Wellen eignen.Science, Bd. 318, S. 1572, 1574, 1577------------------------------Foto: Auf dieser Aufnahme des Weltraumteleskops Hinode sind Gasfontänen zu sehen, die von der Sonnenoberfläche aus weit ins All geschleudert werden.