Elmore Leonards erste Regel des Schreibens lautet: "Beginne ein Buch nie mit dem Wetter." Ich bin ein Verehrer Leonards, aber ich habe nicht nur einen meiner Romane mit dem Wetter begonnen (gerechtfertigterweise natürlich), ich werde auch diesen Text mit dem Wetter beginnen, denn es war einfach zu verrückt:Ein heftiger Schneesturm tobte, als ich in Frankfurt vor drei Wochen ins Flugzeug stieg. Dreieinhalb Stunden später landete ich in unserer ersten Hitzewelle des Jahres, 30 Grad am Morgen in Tel Aviv. Leonard kann sagen, das sei nur eine Anekdote, bedingt durch die 2000 Kilometer zwischen den Orten. Aber natürlich ist da mehr dran. Der Wetterunterschied hat grundsätzliche Konsequenzen. Er ist vermutlich der Grund dafür, dass ihr mehr Alkohol trinkt als wir, oder dass wir heißblütiger sind als ihr.Abgesehen vom Wetter: Ist es bei Euch wirklich anders als bei uns? Ich sitze in einem deutschen Zug und höre einen englischen Musiker auf einem amerikanischen iPod, während mein finnisches Handy in meiner italienischen Jeans vibriert. Der einzige Unterschied zu Israel besteht darin, dass ich dort statt in einem deutschen Zug in einem deutschen Auto sitzen würde. Ist es also wirklich eine andere Welt?Sie ist es. Aus dem Zugfenster sehe ich nicht nur Schnee und Wälder, sondern auch Windräder, viele davon, über das ganze Land verteilt. Ich nehme an, sie erzeugen Energie durch Wind, und ich erinnere mich an ein Gespräch einige Tage zuvor, mit einem Freund, der für das israelische Energieversorgungsunternehmen arbeitet. Er sagte mir, dass wir in Israel den Hauptteil unserer Energie aus Kohle erzeugen, was sehr viel teurer als Erdgas ist und umweltschädlich. Wir könnten mehr Erdgas mit Pipelines aus Ägypten importieren, aber wir haben immer noch Scheu, uns auf unsere Nachbarstaaten zu verlassen; lange Zeit fürchteten wir zudem, dass Erdgas-Pipelines zum Anschlagsziel werden könnten. Aus dem gleichen Grund bauen wir auch keine Atomkraftanlagen.Das meinen wir, wenn wir sagen, wir würden zu gerne ein "normales" Leben führen wie die Europäer. Ich bin mir nicht sicher, ob Ihr Leben Ihnen normal erscheint, aber immerhin erzeugen Sie Ihre Energie nicht mit alten, dreckigen, teuren Methoden, nur weil diese das Anschlagsrisiko verringern.Es gibt weitere, kleinere Unterschiede, die ich während meiner Reise entdeckt habe, Dinge, die ich in Israel nicht sehen würde: Klassische Musik, die ohne Unterlass aus Lautsprechern am Hamburger Hauptbahnhof gespielt wird; Prostituierte im Hamburger Rotlicht-Viertel, die wegen der Kälte wie Skilehrer angezogen sind; dutzende von Menschen, die jede Nacht zur Lesung eines in ihrem Land unbekannten Autors kommen, in Städten so groß wie Berlin oder so klein wie Worms und Buchholz; Menschen, die auf offener Straße in Frankfurt Crack rauchen; Veranstaltungen, die nicht zur angegebenen Zeit beginnen.Letzteres war ein Witz, um Ihre Aufmerksamkeit zu prüfen. Wie Sie sich vorstellen können, fangen Veranstaltungen in Israel kaum jemals pünktlich an.Anders als zuhause waren vor allem die Reaktionen auf mein Buch "Ein schönes Attentat". In Israel wurde es mit einigem Argwohn betrachtet. Das lag zum einen daran, dass einer der Protagonisten Palästinenser und Mitglied einer Terrorgruppe ist und zudem Teile der Geschichte in der ersten Person geschildert werden. Zum anderen - und sogar stärker noch - hat viele der Umstand verstört, dass ich mich mit der schrecklichsten Phase der Terrorangriffe zu Beginn des Jahrzehnts beschäftigt habe: das ist keine Zeit, an die man sich erinnern möchte. Der Roman war einigermaßen erfolgreich, aber nicht wie mein voriger Comic-Thriller über Israelis, die in Amerika vor der russischen Mafia davonrennen.In Deutschland waren die Reaktionen aufgeschlossen, die Menschen neugierig, offen und interessiert, sie bestätigten mir, dass dieses Buch berechtigt und wichtig ist. Das war sehr herzerwärmend. Selbst inmitten eines Schneesturms.Übersetzt von Lutz Lichtenberger.Assaf Gavron wird Sonnabend, 19 Uhr, im Rahmen der deutsch-israelischen Literaturtage, die das Goethe-Institut und die Heinrich-Böll-Stiftung ausrichten, mit Ulrich Peltzer und Michael Zamir im Roten Salon lesen und über innere Sicherheiten diskutieren.

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