Ob Humboldt-Pinguine in Nordchile, Kormorane und Meerechsen auf den Galapagos-Inseln oder die letzten Orang Utans auf Borneo El Niño gefährdet derzeit viele Tierarten. Manche sind akut vom Aussterben bedroht, weil Unwetter und Dürren ihre Lebensräume zerstören oder ihnen die Nahrungsgrundlage entziehen. Seit vielen Monaten löst El Niño Katastrophen zwischen Südamerika und Australien aus. Jetzt kommt erstmals eine gute Nachricht, und zwar aus Chile. Dort hat das alle vier bis sechs Jahre wiederkehrende Klimaphänomen die Küstenwüste Atacama zum Blühen gebracht und scheinbar ausgestorbene Pflanzen "wiedererweckt". Der Überbringer der erfreulichen Botschaft ist Jürke Grau, Botanik-Professor an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Er leitet auf deutscher Seite das Kooperationsprojekt "Flora von Chile", das seine Hochschule und die Universität Concepción in Chile unterhalten. Ende vergangenen Jahres war Grau in der Wüste und stieß dort auf mehrere Pflanzenarten, die teilweise seit über hundert Jahren nicht mehr gesehen worden sind. Auch völlig neue Arten, zum Beispiel die "Inkalilie", hat das Forscherteam um Jürke Grau entdeckt. Noch hat das Gewächs keine andere Bezeichnung als diesen Kunstnamen, der von Züchtern für Zierpflanzen erfunden wurde. Grau: "Über den exakten Artnamen sind wir uns noch nicht ganz schlüssig." Der Münchner Botaniker kennt die Atacama von mehreren Forschungsaufenthalten. Für ihn ist die Tatsache, daß die Wüste blüht, an sich nicht sonderlich überraschend, denn das geschieht nach fast jedem stärkeren Regen. Doch bei seinem jüngsten Besuch war er verblüfft: "Die Wüste grünte, sie war von einer dichten Pflanzendecke überzogen", schwärmt Grau. Die Ursache dafür sind die besonders ergiebigen und langanhaltenden Niederschläge. "Normalerweise", so Grau, "regnet es nur kurz, dann blüht die Wüste auf und wird danach wieder karg wie vorher." Im letzten Jahr aber habe es nach der Regenzeit im Juni erneut im August und im September geregnet.Die ungewöhnliche Wassermenge hat in der Wüste uralte Samen keimen und Knollen austreiben lassen. Verschiedene Arten der Gattungen Pantoffelblume (Calceolaria) und Spaltblume (Schizanthus) wurden von den Forschern wiederentdeckt und in ein Verzeichnis der Pflanzen Chiles aufgenommen ("kartiert"). Einer der prächtigsten Funde war die bislang unbekannte Inkalilie (aus der Gattung Alstromeria), die sich, wie es in einer Pressemitteilung der LMU heißt, "in ihrer Eleganz mit tropischen Orchideen messen kann". Die Forscher haben darüber hinaus eine ganze Reihe weiterer Pflanzen der Gattung Cryptantha entdeckt. Diese Blumen sind mit dem europäischen Vergißmeinnicht verwandt. Und in der Gattung Alonsoa, von der bis jetzt nur eine Art bekannt war, wurde eine zweite entdeckt. Diese blüht feuerrot. Ans Licht kamen auch eine neue Art des Rittersterns (Hippeastrum) und eine Art aus der Gattung Fortunatia, beides Lilienverwandte.Derartige Wüstenpflanzen haben sich vielerorts an jahrelange Dürreperioden angepaßt, indem sie widerstandsfähige Knollen, Zwiebeln oder Samen entwickelten. Manche dieser Samen sind erst keimfähig, wenn sie zuvor mehrere Jahre im trockenen und heißen Wüstenboden lagen. Der "Jahrhundert-El-Niño" hat dieser Tage viele von ihnen zum Leben erweckt. In sehr schwacher Form kommt das Phänomen, dessen Name auf das spanische Wort für "der Kleine" zurückgeht und auf das Christkind anspielt, regelmäßig um die Weihnachtszeit vor. Doch alle vier bis sechs Jahre verstärkt sich der Effekt: Die kalte Küstenströmung wird von warmem Wasser verdrängt. Es kommt zu heftigen Stürmen und Niederschlägen entlang der Westküste Südamerikas.Dort, im Norden Chiles, befindet sich die trockenste Wüste der Erde. Der Grund dafür ist das eigentümliche Klima an der Küste Chiles. Vom Pazifik her streicht insbesondere im Südwinter zwar warme und feuchte Luft in Richtung Land, die eigentlich Regen bringen müßte. Aber der Ozean vor Chile ist meist von einer kalten Meeresströmung beherrscht. Wenn die erwärmte Luft über kaltes Wasser streicht, kondensiert der Wasserdampf in der Luft zu Nebel ähnlich wie hierzulande über herbstlich-kühlen Seen. Dieser Effekt wird noch verstärkt durch das Aufsteigen der Luft an den Küstenbergen, die dann oft wolkenverhangen sind. Dennoch regnet es kaum. An den Westseiten der Berghänge hat sich dadurch eine schüttere Vegetation ausgebildet, doch im Gebiet dahinter herrscht extreme Dürre. Allenfalls werden obere Bodenschichten vom Nebel etwas befeuchtet, was aber nur dazu führt, daß sich eine harte Erdkruste über die Atacama legt.Der Südrand dieser Wüste, ein Gebiet siebenhundert bis tausend Kilometer nördlich von Santiago de Chile, war Ziel der Expedition von Jürke Grau. Der Wissenschaftler ist Direktor des Botanischen Gartens in München. Seit etwa zehn Jahren erarbeitet er mit Forschern aus Chile eine Dokumentation der dortigen Pflanzenwelt. Ein Band der auf sieben Bände angelegten "Flora von Chile" ist bereits erschienen. In den nächsten Bänden wollen die Wissenschaftler auch die Neuentdeckungen beschreiben. Einige davon hat Grau mit nach München genommen, um sie in seinem Botanischen Garten zu züchten. Aber: "Die Inkalilie wollten wir nicht ausgraben, und Samen hatte die Pflanze noch nicht. Daher haben wir sie nur fotografiert und an Ort und Stelle gelassen." Den Fundort gibt Jürke Grau nicht preis. Er will unbedingt verhindern, daß jemand die Neuentdeckung pflückt oder ausgräbt.