Einer der peinlichsten Irrtümer der Berliner Justiz wird heute vor dem Landgericht verhandelt. Sechs Jahre saß Michael Mager unschuldig im Gefängnis - für eine Tat, die der Serienmörder Thomas Rung verübte.Als die Jugendrichter am 14. März 1984 ihr Urteil fällten, plagten sie keine Zweifel: Der 22jährige Mager sei schuldig des Mordes an der Rentnerin Melanie Scharnow, die im August 1983 in ihrer Neuköllner Wohnung ausgeraubt und erwürgt worden war. Zwar bekannten die Richter, daß der Ablauf der Tat nicht mehr genau festzustellen gewesen sei. Aber für die Verurteilung reichten ihnen die Indizien aus, die Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft beisteuerten.Ein Fingerabdruck Magers war in der Wohnung der Ermordeten entdeckt worden. Ebenso Schuldscheine, aus denen die Kriminalisten das Mordmotiv ableiteten: Ein Streit um Geld. Am folgenschwersten aber wog für Mager ein Geständnis, das er in den stundenlangen Vernehmungen abgelegt hatte. In seinem letzten Prozeß beteuerte der Angeklagte zwar: "Ich bin unschuldig." Doch niemand glaubte ihm. Zehn Jahre später muß ihm geglaubt werden. Der Serienmörder Rung gestand den Mord an Rentnerin Scharnow - und brachte die Ermittler in Verlegenheit. "Fieberhaft" überprüften sie Rungs Angaben. Schon kurz nach der Tat hatte Rung zu den Verdächtigen gezählt. Damals waren sich die Ermittler "sicher" gewesen, daß Rung "aufgrund der Tatortspuren" nicht der Mörder sein konnte. Das müssen die Ermittler nun revidieren. Sie haben den Falschen angeklagt. Dieser Fehler ist ihnen nicht nur bei Mager passiert. Im Mordfall Susanne Matthes brachten die Ermittler 1985 einen 26jährigen vor Gericht, einen an Schizophrenie leidenden Mann. Er wurde freigesprochen und in eine Nervenklinik eingewiesen. Dem Gericht kamen Zweifel an seiner Schuld. Es erkannte "unzureichende Indizien". Zu Recht. Auch diese Tat gestand zehn Jahre später Thomas Rung. Der Fall Mager zeige die Risiken eines normalen Strafverfahrens, schreibt Rechtsanwalt Rainer Elfferding in seinem Antrag zur Wiederaufnahme des Verfahrens. Er spricht von Versäumnissen, die in der Justiz täglich vorkämen. Keiner der damals Beteiligten machte sich Gedanken über den 22jährigen. Einen Mann mit geringer Intelligenz und labil, der den Vernehmungen nicht standhielt, der nach immer gleichen Fragen "aus Erschöpfung" die Tat eingeräumt haben will, der damals seine "Ruhe haben wollte", wie der heute 33jährige Mager der Berliner Zeitung sagte. Mager gab in seinem Geständnis an, mittags bei der Rentnerin gewesen zu sein, sie geschlagen, aufs Bett gelegt und ausgeraubt zu haben. Auch heute noch hält die Staatsanwaltschaft an Teilen dieses Geständnisses fest. Sie geht davon aus, daß Mager zumindest wegen Raubes zu Recht verurteilt worden ist. Auch dieser Vorwurf wird in dem heutigen Prozeß zur Sprache kommen. Von den verhängten acht Jahren verbüßte Mager sechs. Erkennt das Landgericht erneut auf Raub, wird ihm die dafür verbüßte Haftzeit nicht mit 20 Mark pro Tag entschädigt.Noch eine andere Frage muß geklärt werden: Inwieweit trug Mager zu seiner Verurteilung selbst bei? Kann ihm zur Last gelegt werden, daß er den Vorhaltungen der Polizei nicht standhaft widersprach? Wenn er die Haft selbst verschuldet hat, entfällt die Entschädigung. +++