ROTTERDAM, 15. März. Fußball ist eine Kopfsache, heißt es. Auch der Fan entsinnt sich dieser Tage jener Weisheit. Nur hat der Anhänger aber ein eigentümliches Gedächtnis. In Deutschland diskutieren sie noch immer über das Wembley-Tor der Engländer im Weltmeisterschafts-Finale von 1966. In den Niederlanden hingegen lautet die Frage: Strafstoß oder nicht? Wurde Bernd Hölzenbein im WM-Endspiel 1974 in der entscheidenden Szene vom Holländer Wim Jansen wirklich elfmeterreif gefoult? Hölzenbein gab die Antwort unlängst selbst. Auf einer Veranstaltung des Goethe-Instituts in Rotterdam sagte er in Anspielung auf Wembley: "Wenn ein englischer Schiedsrichter einer deutschen Mannschaft schon mal einen Straftstoß gibt, dann war es doch wohl ein Elfer. " Da hat er Recht.Nur in den Niederlanden sieht man die Sache anders. Im Vorfeld des 30. Jahrestages erinnert sich mancher dort wehmütig des WM-Turniers von 1974 - und der gemeinen Niederlage. Schon dass das schöne holländische Offensivspiel um Johan Cruyff, genannt voetbal totaal, gegen den schnöden deutschen Ergebnisfußball verlor, wird als Ungerechtigkeit empfunden. Dass dann aber auch noch ein geschundener Strafstoß zum Auslgeich führte - einfach ungeheuerlich. Immerhin, in den Niederlanden wurde Hölzenbein durch jene Szene berühmt. Er gilt als Erfinder der Schwalbe. Denn mit diesem schönen deutschen Wort bezeichnen die Niederländer seit dem WM-Finale den Umstand, dass es manchen Kicker im Strafraum auch ohne Einwirkung des Gegners zu Boden zieht. Andererseits macht eine Schwalbe allein noch keinen Weltmeister: Auf Hölzenbeins Vorarbeit zum Ausgleich folgte Müllers Siegtreffer zum 2:1. Den entscheidenden Pass gab Rainer Bonhof.Titel aberkennen!Der aber sei damals gar nicht spielberechtigt gewesen, behauptet jetzt der Niederländer Harry Walstra. Der Fußballfan sammelt alles über das WM-Turnier von 1974. Nun ist er angeblich auf Ungereimtheiten gestoßen. Er will endlich Gerechtigkeit und fordert: "Der DFB-Elf muss der WM-Titel nachträglich aberkannt werden. " So geht das Finale in die Nachspielzeit. Der Grund: Rainer Bonhof wuchs zwar im niederrheinischen Emmerich auf, seine Eltern waren aber Niederländer. "Ich hatte den schönen, schwarzen holländischen Pass", erinnert sich Bonhof. Den hatte er auch noch, als er im September 1969 sein erstes Juniorenländerspiel für den DFB bestritt, übrigens gegen Holland. Das Spiel endete 1:1, ausgerechnet Bonhof schoss den deutschen Treffer. Ausgerechnet er, der junge Mann mit dem schönen, schwarzen niederländischen Pass. Das sei ein klarer Verstoß gegen die Statuten, klagt Walstra: Bonhof hätte nach seinem unerlaubten Seitenwechsel für Länderspiele gesperrt werden müssen. "Das Finale von München ist ungültig und muss mit 3:0 für die Niederlande gewertet werden" sagt Walstra. "Am schönsten wäre, Franz Beckenbauer persönlich bringt den Pokal nach Amsterdam. " Prinzip der Verjährung?Wenig wahrscheinlich. Aber auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat nun offiziell nachgeforscht. Auf Anfrage teilte der Verband mit, beide Juniorentrainer hätten sich damals vor dem Spiel über Bonhof verständigt. Ganz unbürokratisch, über Ländergrenzen hinweg. Im übrigen stellt der DFB fest: "Sollte nun jemand andere Kriterien anlegen, gilt sicherlich das Prinzip der Verjährung. " Das klingt nun sehr bürokratisch. Ein Spiel dauert 90 Minuten? Mitnichten. Für Harry Walstra dauert dieses Spiel länger. Nicht aber für Bonhof. Er sagt zu der Posse um den Pass: "Die Niederländer können nur das Trauma ihrer Niederlage nicht verwinden. " Auch zum umstrittenen Strafstoß hat Rainer Bonhof eine klare Meinung: "Schon wegen der bloßen Unachtsamkeit musste man damals Elfmeter geben. " Keine Milde also für den armen Herrn Walstra. Man mag Bonhofs Haltung verstehen in dieser globalisierten Zeit. In einer Zeit, in der er, der deutsche Niederländer und niederländische Deutsche, als Nachwuchstrainer der schottischen Nationalmannschaft arbeitet. Und in denen der Bremer Brasilianer Ailton gegen viel Geld für Katar stürmen will. Bonhofs Lohn für seine Einbürgerung war eher ideell: Seine Eltern bekamen deutsche Pässe. Und er, nun ja: einen WM-Titel.Trost für die Niederlage von damals gibt es für die Niederländer in diesen Tagen übrigens nur vom früheren deutschen Nationalspieler Günter Netzer. Der sagte dem niederländischen Fußballmagazin Johan in Anlehnung an seine technische Spielweise: "Ich bin ein Holländer. " Welch eigenmächtige Einbürgerung auf dem grünen Rasen. Herr Walstra, übernehmen Sie!"Am schönsten wäre, Franz Beckenbauer persönlich bringt den Pokal nach Amsterdam. " Harry Walstra.Foto: München, 7. Juli 1974, WM-Finale: Bernd Hölzenbein (v. ) stürzt im Strafraum der Niederländer zu Boden, es gibt Elfmeter für Deutschland - zu Unrecht?