BERLIN, 18. Februar. Wie eine große, geknickte Tonplatte ist das Wohnhaus an der Schlesischen Straße 1-8 im Berliner Stadtteil Kreuzberg geformt. Zur Straßenkreuzung hin verläuft der Giebel in einer sanften Rundung und auch im Hof verzichtete der portugiesische Stararchitekt Alvaro Siza Vieira auf einen rechten Winkel. Die Fassade des Eckgebäudes verläuft nicht geradlinig, sondern bezeichnet eine kaum wahrnehmbare Wellenform. Leichter SchwungDiese organische Bauweise fällt den meisten Betrachtern jedoch gar nicht auf. Denn wer nur flüchtig an dem Haus, das zur Internationalen Bauausstellung 1984 errichtet wurde, vorbeigeht, der sieht lediglich die Fenster. Nicht die einzelnen Fenster fallen auf, ihre Anordnung provoziert. Siza hat sie in einem kompromisslosen Raster in die Wände hineingebrochen und dadurch eine so genannte Lochfassade geschaffen. Die Abstände zwischen den einzelnen Fenstern sind sowohl nach oben, als auch zu den Seiten und den Ecken gleich groß. Diese Monotonie fällt am stärksten auf. Der Kommentar "Bonjour Tristesse", den ein Sprayer an den Giebel gesprüht hat, wurde zum Namensgeber des Hauses. Der Kontrast zu der leichten Schwingung der Fassade hebt die Uniformität nur noch stärker hervor. Und zusammen mit dem Verzicht auf jede Form von Schmuck erweckt das Gebäude den Eindruck, es handele sich um einen Büroblock. Tatsächlich nimmt es aber 46 Wohnungen auf. Vor zwanzig Jahren, als das Haus gebaut wurde, veränderte man allerdings die Pläne Sizas vor allem im Innenbereich stark, um die Förderrichtlinien des sozialen Wohnungsbaus zu erfüllen. Es sollten mehr Wohnungen geschaffen werden als der Architekt geplant hatte. West-Berlin litt vor der Wende unter extremer Wohnungsnot. Heute dagegen wären die Bauherren wohl froh darüber, sie hätten den Visionen Sizas vertraut. Denn seine Planung entpuppt sich als hellsichtig - auch wenn er 1984 wohl die Wende kaum vorhersehen konnte. Er hatte aber so geplant, wie sich der Bedarf heute darstellt. Pro Etage waren vier große Wohnungen vorgesehen, die über vier Treppenhäuser erreichbar sein sollten. Nun sind daraus sieben kleine Wohnungen pro Geschoss geworden. Außerdem wollte der Architekt schon damals einen Altenclub als soziale Einrichtung schaffen, auf den aber ebenfalls verzichtet wurde. Realisiert wurden von seinen vorausschauenden Plänen lediglich die zehn Seniorenwohnungen. ------------------------------Foto: Das Gebäude an der Schlesischen Straße in Berlin-Kreuzberg fällt durch seine geschwungene Fassade auf.