Wenn Olaf Dähmlow im Yorckschlösschen Dinge zeigen soll, die von Anfang an da waren, hält er inne. Er muss nachdenken, suchen. Obwohl er seit mehr als 30 Jahren in diesem Lokal arbeitet. "So ist das, wenn man schon so lange hier ist, man nimmt das gar nicht mehr so wahr", sagt er mit seiner tiefen, verrauchten Stimme. Die Einrichtung ist gewachsen, mit ihm zusammen, sagt er. Die roten Samtvorhänge, die Kronleuchter, die Plakate von Musikerlegenden wie James Brown und Ray Charles, die nikotingelben Wände, bei denen manche Gäste teure Patinafarbe vermuten.So sieht es aus im Yorckschlösschen, dieser Kreuzberger Kneipe an der Biegung der Yorckstraße nahe dem Mehringdamm. Diese Institution, vergleichbar mit dem Quasimodo oder dem A-Trane, feiert in diesen Tagen 30-jähriges Bestehen als Jazz-Lokal. Unter dem Namen Yorckschlösschen existiert das Lokal aber bereits seit 1885, damals wurde es als Wiener Kaffeehaus eröffnet. Während der Nazizeit soll es ein SA-Lokal gewesen sein, später stinknormaler Trinkertreff.Erzählt man dagegen die jüngere Geschichte des Yorckschlösschens, so erzählt man auch die Geschichte von Wirt Dähmlow. Anfangs hat er hier geputzt, dann war er Kellner, später Geschäftsführer, schließlich kaufte er die Kneipe und das ganze Haus dazu. Inzwischen wohnt der 58-jährige Vater von zwei erwachsenen Söhnen auch dort.1978 hat der gebürtige Niedersachse, der in der Pfalz aufwuchs, das Yorckschlösschen erstmals betreten. "Das war eine gewöhnliche Schnapsnasen-Eckkneipe." Mit Linoleumfußboden und leeren Tischen. Dähmlow brauchte Geld, er wollte Bühnenbild studieren. Im Lokal suchten sie einen, der sauber macht. "Für 30 Mark am Tag." Dem Endzwanziger gefielen Milieu und Atmosphäre. "Mich faszinierte diese wilde Mischung aus Künstlern, Möchtegern-Künstlern und Kleinkriminellen."Die Idee, Live-Konzerte zu machen, entstand vor genau 30 Jahren. Sonntags traten nun regelmäßig Bands auf, so entwickelte sich das Markenzeichen - Jazz und Blues live. Dähmlow stand inzwischen hinterm Tresen. Weil er zuverlässig war und keinen Alkohol trank, sollte er mehr machen. Geschäftsführer wurde er 1980. "Es waren harte Zeiten." Es gab täglich drei Schlägereien, Pokerrunden, Drogengeschäfte. "Und es wurde grauenhaft gesoffen. Dagegen sind wir heute eine Milchbar", sagt Dähmlow. Es war die Zeit, als die Kreuzberger Nächte noch so waren wie im Gassenhauer der Gebrüder Blattschuss. "Aus West-Berlin kam man ja nicht raus. Also traf man sich in der Kneipe."Doch der neue Geschäftsführer wollte keine Schlägereien mehr, kein Glücksspiel. Er verhängte Hausverbote, rief auch mal die Polizei. So was machte man damals eigentlich nicht in Kreuzberg. Probleme regelte man selbst. Doch Dähmlow wollte seine Konzession behalten. Und er wollte den Jazz - die Musik, die er seit seiner Jugend liebt, derentwegen er regelmäßig nach New Orleans reist. Dabei blieb er immer Hörer, für seine eigene Karriere als Sousaphon-Spieler - eine Art Tuba - fehlte ihm die Zeit.Heute wird es auch noch oft laut im Yorckschlösschen, an fünf Abenden in der Woche gibt es Live-Konzerte. Manchmal schwofen dann 120 Gäste über die Dielen. "Wenn die Leute zwei Stunden lang selbstvergessen tanzen, stehe ich in meiner Ecke und bin glücklich."Der Wirt ist in allen Jahren ein "Freund der Kaschemme" geblieben, wie er es nennt, auch wenn es längst nicht mehr zugeht wie in den Achtzigern. Inzwischen darf nicht mal mehr geraucht werden. Im Publikum sitzen jetzt mehr Touristen. Und auch der Wirt ist nicht mehr nur Wirt. Er organisiert Feste beim Berliner Jazzsommer und bringt eine eigene Live-CD-Reihe raus. Vor vier Jahren hatte er mal genug von der Kneipe, wollte aufhören. Er verpachtete das Lokal. Doch das Geschäft lief nicht ohne ihn. Da mochte er nicht tatenlos zusehen. Er übernahm wieder, "mit neuer Energie". So soll es weitergehen.------------------------------Jubiläum "30 Jahre Yorckschlösschen" mit Live-Konzerten von heute bis Sonntag, Yorckstraße 15.Programm unter: www.yorckschloesschen.de------------------------------Foto: Das Haus ist mehr als 120 Jahre alt.Foto: In Olaf Dähmlows Yorckschlösschen wurde schon mal ein "Tatort" gedreht. Und nur der Chef hat das Privileg, hier vormittags mal eine Zigarette zu rauchen.