Kommissar Wallander ist übergewichtig und unsportlich. Er schläft zu wenig und arbeitet zu viel. Er hat eine Tochter, die ihn hin und wieder besuchen kommt. Und hin und wieder besucht Wallander seinen alten, griesgrämigen Vater. Von seiner Frau ist der Polizist seit langem geschieden. Seine sozialen Kontakte erschöpfen sich in ein paar privaten Worten, gewechselt mit Kollegen am tristen Büroschreibtisch oder in den grauen Gängen des Polizeipräsidiums.Wallander ist ein Zweifler, manchmal auch ein Verzweifelter. Ein Grübler, der nicht immer und schon gar nicht immer alle an seinen Gedanken teilhaben lässt. Als Polizist ist er hoch geachtet, aber ein mürrischer Vorgesetzter. Er leitet die Mordkommission in Ystad, die nach Malmö und Stockholm bekannteste Stadt Schwedens - spätestens seit Henning Mankell, in Afrika lebender schwedischer Schriftsteller, dort seine Kriminalromane ansiedelt. Acht Bücher gibt es inzwischen, und in allen geht es um brutal verübte Serienmorde, deren Motive, Zusammenhänge, Urheber meist tief im Dunkel einer verschlungenen Geschichte liegen. Kommissar als SchwerstarbeiterDabei sind Henning Mankells Romane nie einfache Krimige-schichten, in denen ein Kommissar recht schnell die Verdächtigen einkreist und den Täter schließlich überführt. Sie sind auch keine Thriller, in denen monströse Serienkiller scheinbar sinnlos morden und die ihre Spannung vor allem aus äußeren Effekten erzielen. Bei Mankell ist die Welt komplizierter, seine Kriminalisten sind Schwerstarbeiter. Der Romanleser nimmt an langwierigen Besprechungen im Präsidium teil, erhält ausführlichste Tatort- und Opferbeschreibungen und begleitet Wallander auf unzähligen Spuren, die oft nur ins Leere führen. Manchmal ist Wallander dem Mörder nah, ohne es zu wissen. Manchmal steht er kurz davor, den Täter zu erwischen, der schließlich doch entkommt. Dann hadert Wallander mit sich selbst, rekapituliert auf langen Autofahrten und Spaziergängen die Ergebnisse der Nachforschungen oder reflektiert über die Schwere des Seins und den betrüblichen Zustand der schwedischen Gesellschaft. In einem Roman erleidet Wallander einen Nervenzusammenbruch, der ihn für ein Jahr dienstuntauglich macht. Ihre Spannung beziehen die Romane aus dem Wechsel der Perspektive. Während die Ermittlungsarbeit aus der Sicht Wallanders geschildert wird, erlebt der Leser die Morde aus dem Blickwinkel des Täters, dessen Geheimnisse sich ihm allmählich enthüllen. Man darf es sich schwierig vorstellen, einen Roman Mankells in einen Fernsehfilm umzusetzen. Das ZDF hat es in Ko-Produktion mit dem schwedischen Fernsehen dennoch gewagt, und es ist sicher ein Glücksfall, dass Mankell selbst das Drehbuch zu dem Dreiteiler "Die falsche Fährte" geschrieben hat. Er habe die Schnitte manchmal mit einem großen Messer gesetzt, sagte Mankell nach den Dreharbeiten über das Ergebnis. Es hat dem Film nicht geschadet. Regisseur Leif Magnusson setzt Mankells Drehbuch in düstere, kalt-bläuliche Bilder um. Er vertraut ganz auf die Stärken des Films, mittels Kamerafahrten und -perspektiven, Bildschnitt und Ton eben jene depressiv-elegische Atmosphäre des Romans in Fernsehbilder zu übetragen. Dabei ist "Die falsche Fährte" wohl der am einfachsten zu verfilmende Wallander-Krimi, hat er doch einen aktuellen gesellschaftlichen Hintergrund: Kindesmissbrauch und die Verschleppung von jungen Mädchen, um sie zur Prostitution zu zwingen. Das soziale Elend macht es in diesem Fall leichter als bei anderen Romanen Mankells, die psychologische Motivation der Figuren glaubwürdig darzustellen. Die wirtschaftliche - und seelische - Not im Milieu der sozial Deklassierten wird in bedrückenden Bildern gezeigt. Zunächst steht Kommissar Wallander (Rolf Laasgard) vor einem Rätsel. Ein dunkelhäutiges Mädchen verbrennt sich vor seinen Augen in einem Maisfeld. Kurz darauf wird ein früherer Minister mit einer Axt erschlagen und skalpiert. Wenig später findet die Polizei die Leiche des Kleinkriminellen Fredmann: Seine Augen sind weggeätzt; auch er wurde erschlagen und skalpiert. Hängt eines mit dem anderen zusammen? Und wenn ja, wie?Der Zuschauer weiß zu diesem Zeitpunkt schon, dass Fredmanns minderjähriger Sohn Stefan (Henrik Persson in seiner ersten Rolle) die Taten verübt hat - aus Rache für seine jüngere Schwester Louise, die der eigene Vater an Männer verkaufte und die nun in einer psychiatrischen Anstalt vegetiert. Bis Wallander dahinterkommt, geschehen zwei weitere Morde.Lange Kamera-EinstellungenKonsequenterweise vernachlässigt der Film die Darstellung der polizeilichen Ermittlungsarbeit. Anders als die Romanvorlage, in der die Recherche der Beamten als zäher Prozess minutiös ausgebreitet wird, begnügt er sich mit den üblichen Motiven: Inspektion der Tatorte, Zeugenbefragung, Gerichtsmedizin. Im Film es ist es eine geduldige Kamera, die die Mühsal der Ermittlung zeigt: Wenn sie Ewigkeiten auf dem Gesicht des müden Kommissars verharrt, wenn Wallander quälend lange mit gezückter Pistole vor einer Treppe steht, nicht wissend, ob der Schatten der Mörder oder das nächste Opfer ist. Täter oder Opfer - das ist eine Frage, die der Film stärker noch als der Roman in der Schwebe lässt.Mankell schrieb das Drehbuch // "Die falsche Fährte" zeigt das ZDF als Dreiteiler. Die erste Folge läuft an diesem Freitag um 22. 15 Uhr. Der zweite Teil ist am Sonnabend ab 22 Uhr, der dritte Teil am Sonntag, ebenfalls ab 22 Uhr zu sehen.Der Film beruht auf dem Krimi von Bestseller-Autor Henning Mankell, der auch das Drehbuch schrieb. Regie führte Leif Magnusson. Der Kommissar Wallander wird von Rolf Lassgard gespielt.Das ZDF, das sich die deutschen TV-Rechte an den Büchern von Henning Mankell gesichert hat, will als nächstes den Wallander-Krimi "Die fünfte Frau" als Vierteiler verfilmen. Auch der Thriller "Mittsommermord" soll fürs Fernsehen umgesetzt werden.Hennig Mankell lebt vorwiegend in Maputo/Mosambik und ist in dritter Ehe mit der Theaterregisseurin Eva Bergman, der Tochter von Ingmar Bergman, verheiratet.ZDF Fassungslos muss Kommissar Wallander (Rolf Laasgard) mitansehen, wie sich ein Mädchen verbrennt.