Tohuwabohu in der Musikschule Köpenick. Und das an einem ruhigen Sonnabend vormittag. Dicht gedrängt sitzen etwa 30, vorwiegend sehr junge Menschen in einem Raum, der den Titel "Saal" kaum verdient. In den Händen halten sie alle ein Zupfinstrument, unterschieden nur durch Größe und Saitenzahl. Mandole, Mandoline, Gitarre.Von Mißmut angesichts des knappen Platzes allerdings keine Spur. Die Stimmung ist heiter, entspannt, und spätestens beim romantischen Überschwang der Ouvertüre "Die Heimreise" des Berliner Komponisten Konrad Woelki strömt ein Hauch orchestralen Klangs durch das Zimmer In der Friedrichshagener Straße wird geprobt. Ernsthaft geprobt. Denn das Zupforchester Köpenick bereitet sich auf einen besonderen Auftritt vor. Im Mai dieses Jahres fährt das Ensemble nach dem Gewinn der Landesausscheidung Berlin zum vierten deutschen Laienorchester-Wettbewerb ins thüringische Gera - mit großen Hoffnungen.Bis dahin hat der "Spiritus rector" und Dirigent des Zupforchesters, Walter Neugebauer, noch einiges zu tun. Neben dem Pflichtstück, der "Spanischen Serenade" von Kurt Schwaen, müssen die (von Neugebauer selbst erstellte) Bearbeitung von Debussys Klavierstück "Little Negro", eine Komposition von Carl Stamitz sowie je ein zeitgenössisches und romantisches Werk einstudiert werden. Den Musikern scheint das nichts auszumachen. Das Zupforchester ist "in", die Atmosphäre gut, und die Erfolge der Vergangenheit - neben zahlreichen Auftritten zählt dazu vor allem eine CD-Produktion - motivieren zusätzlich. Dies ist vor allem ein Verdienst des Mannes, der seit Jahrzehnten an der Musikschule Köpenick lehrt und sich vehement für die Ensemble-Arbeit einsetzt. Das 66jährige Multitalent Walter Neugebauer, seit seiner Pensionierung freischaffend an der Musikschule tätig, lebt für die tönende Kunst. Symbolisch ist an der Tür zu "seinem" Zimmer ein Aufkleber angebracht: "I love Zupfmusik".Ein Beispiel für diese Freude an der klassischen und modernen Zupfmusik, die der Pädagoge und umtriebige Organisator unbeirrt vermittelt: Seine Konzertmeisterin Claudia Freier, die jetzt als freiberufliche Musikerin und Lehrerin arbeitet, hat er schon als Kind im Zupforchester betreut. 1967 übernahm Neugebauer als stellvertretender Leiter der Musikschule das fünf Jahre nach dem Krieg gegründete Orchester, das vor der Wende "ausgezeichnetes Volkskunstkollektiv der DDR" war. Die Stempel auf den Noten künden davon. Doch vieles hat sich in den Jahren verändert. "Auch in Köpenick müssen wir befürchten, daß die Sparzwänge negative Veränderungen nach sich ziehen", sagt Neugebauer.Schon jetzt hat das vom weiblichen Geschlecht dominierte Zupforchester Sorgen: Während die Gitarre noch zu den bevorzugten Instrumenten gehört, sieht es beim Mandolinen-Nachwuchs düster aus. Hier gibt es kaum Neuanmeldungen. Die Konkurrenz anderer Freizeitangebote ist groß. Fast übergroß. Was da hilft, ist Optimismus. Und den besitzt Walter Neugebauer. Tohuwabohu hin oder her. +++

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