Es ist noch nicht lange her, da wollten zwar alle was mit Medien machen, aber niemand was mit Daten. Daten waren den Jungs mit den dicken Brillen und den Samsonite-Koffern vorbehalten. Dann wurden der Computer und das Internet erfunden, und auch koffer- und brillenlose Menschen entdeckten neue Formen der Darstellung, Verknüpfung und Nutzung noch der entlegensten Datensammlungen. Die New York Times hat sich in letzter Zeit durch aufwändige interaktive Grafiken zu Themen wie "Was die verschiedenen Bevölkerungsgruppen mit ihrer Zeit anfangen" hervorgetan, der britische Guardian startete im März 2009 das "Guardian Datablog" mit dem Untertitel "Facts are Sacred". Darin stellt die Redaktion ihre für Artikel zusammengetragenen Daten der Öffentlichkeit zur Verfügung und bittet darum, etwas Interessantes damit anzufangen und dem Guardian wiederum davon zu berichten.Je mehr die Bürger sich daran gewöhnen, dass Informationen über alles Mögliche gratis, leicht erhältlich und benutzerfreundlich aufbereitet sind, desto verständnisloser reagieren sie, wenn ausgerechnet die mit Steuergeldern finanzierten Datensammlungen unzugänglich bleiben. Warum sollten Daten keine Gemeingüter wie beispielsweise Straßen oder die Verteidigung unserer Sicherheit am Hindukusch sein? Diese Frage stellen in letzter Zeit immer mehr Organisationen. "Daten müssen als öffentliches Gut gelten", erklärten der KI-Forscher Nigel Shadbolt und der gerade zum Open-Data-Berater der britischen Regierung berufene WWW-Begründer Tim Berners-Lee am 18.11. in der Times.Der britische Guardian betreibt seit 2006 eine Kampagne für den freien Zugang zu Daten, deren Erhebung ganz oder teilweise aus Steuerzahlergeldern finanziert wurde, und in Deutschland gründete sich im Oktober das OpenData Network, ein Verein, der sich für "den freien und ungehinderten Zugang aller Bürgerinnen und Bürger zu allen Daten aus Politik, Verwaltung und Wissenschaft" einsetzt. In manchen Bereichen kommt die Open-Data-Bewegung derzeit gut voran. Drei Beispiele aus dem November 2009: In den USA erschloss Google die Sammlung juristischer Präzedenzfälle, auf denen das angelsächsische "Common Law" basiert. Außerdem integrierte Google die von der Weltbank kürzlich über eine Programmierschnittstelle frei zur Verfügung gestellten Daten aus der Datenbank der "World Development Indicators" in sein Suchangebot. Und der britische Premierminister Gordon Brown kündigte an, das amtliche britische "Ordnance Survey"-Kartenmaterial werde ab April 2010 größtenteils kostenlos zugänglich gemacht - auch für die kommerzielle Nutzung.Die Frage, ob dadurch dem Staat Geld entgeht oder er sogar sparen kann, ist nicht leicht zu beantworten. Das britische Kartenamt hatte zuvor erklärt, dem Staat würden bei einem solchen Modell über die nächsten fünf Jahre Kosten bis zu einer Milliarde Pfund entstehen. Eine Studie im Auftrag des Finanzministeriums hingegen kam zu dem Schluss, dass die Umstellung nur 12 Millionen kosten, aber 156 Millionen einbringen werde. Schließlich waren es nicht zuletzt die Gemeinden, die für die Nutzung der - teilweise von ihnen selbst erhobenen - Kartendaten teuer bezahlen mussten. In den USA führt man den Erfolg der im Vergleich zu Europa viel stärker ausgebauten wirtschaftlichen Nutzung von Wetterdaten darauf zurück, dass diese Daten größtenteils gratis verfügbar sind. (In Deutschland verpflichtet das Wetterdienstgesetz den Deutschen Wetterdienst, Geld für seine Daten zu nehmen, obwohl der sie eigentlich auch lieber frei zur Verfügung stellen würde.) Edward Johnson, Direktor für strategische Planung beim US-Wetterdienst NWS, ist der Meinung, dass die US-Regierung unterm Strich durch Ankurbelung der Wirtschaft mehr Geld mit ihren Wetterdaten verdient, als durch Verkauf der Daten zu holen wäre.Die Grundidee, Daten als basale Form der Wirtschafts- und Konjunkturförderung bzw. notwendige Rahmenbedingung wirtschaftlicher Prosperität zu betrachten, scheint noch relativ unerforscht zu sein. Vielleicht wird man eines Tages auf unsere datenlosen Zeiten zurückblicken, wie man heute Zeiten oder Länder ohne Rechtssicherheit, Grundbücher und Dokumente betrachtet. Der Begriff "Data Mining" jedenfalls bekäme eine ganz andere Sinnfälligkeit, wenn sich die Ansicht durchsetzt, dass im Datenbestand einer Volkswirtschaft diverse ungehobene Schätze schlummern.