Es tut gut, wenn beim 9. Darmstädter Jazzforum, das bis einschließlich Sonntag dauert, Avantgardisten wie David Murray und Henry Grimes noch eine Hauptrolle spielen. Denn die Biennale der Jazzforschung hat in diesem Jahr die eigentümliche Beziehung von Jazz und Pop zum Thema, entsprechend lässig auch der Titel "Verrat!!! .oder Chance?"Neid und Gier, Haltung und Mission, Produktion und Misserfolg - alles wichtige Diskurskonstanten auf dem Weg zu großer Kunst, und was sich wirklich verkaufen lässt, klingt ja bekanntlich oft gar nicht so umwerfend. Wenn man nur mal schaut, wie sich der Jazzmarkt nach dem Motto "wer nichts absetzt, fliegt raus" binnen kürzester Zeit verändert hat, mag sich fragen, welche Orientierungsmuster davor schützen können, den kreativen Spirit nicht zu verlieren.Der Altsaxofonist David Sanborn kennt sich da aus, und wem ad hoc nur seine kommerziellen Smooth-Jazz-Platten einfallen, den könnte eine Aufnahme erfreuen, die unlängst beim Münchner Winter & Winter Label wiederveröffentlicht wurde. "Diminutive Mysteries", 1993 erstmals erschienen, war eine Hommage des Saxofonisten Tim Berne an seinen Lehrer Julius Hemphill. Nebelklänge, seriell Abstraktes, Unbekanntes, Riten und gekrümmte Liebeslinien prägten die Musik dieser Session aus der New Yorker T-Shirt-Avantgarde, und dass Melodien der Improvisation nicht schaden müssen, war schon damals keine neue Erkenntnis - schon gar nicht für Berne und seine Musiker.Bei dieser wilden Sound-Collage zum, ja, Mitsummen und Hinhören, hatte sich nun einer eingeschlichen, den man doch ganz woanders vermutete: David Sanborn. Nicht in der Rolle des Vorzeige-VIPs, sondern als Saxofonist, wie man ihn noch nicht mal von seinen Miles-Davis-Tagen her in Erinnerung hatte. Als Pendant zu und im Chorus mit Berne bläst er hier Sopranino und Alt, frei, lyrisch, laut, die ganze Palette.Da Sanborn auch schon 1964 mit Julius Hemphill gejamt hatte, damals noch als young cat in St. Louis, bevor alles anfing, hatte Berne ihn gebeten, bei dieser Würdigung eines der einflussreichen Soundrevolutionäre der Great Black Music mitzumachen. Hemphill (1938 bis 1995) selbst spielte bei dieser Session nicht mit. Er hatte dem Nachwuchs lediglich ein paar Notenfetzen überreicht: nun macht mal.Eigentlich war Tim Berne ja seinetwegen nach New York gekommen, um zu lernen, fasste überhaupt erst den Entschluss, Musiker zu werden, als er Hemphills Album "Dagon A.D." hörte. Missverständlich, im Sinne eines afroamerikanischen Besitzanspruchs, war seine Message zumindest für Berne und Sanborn nicht: "Als Saxofone für die afrikanischen Amerikaner verfügbar wurden, bekamen sie neue Ausdrucksmöglichkeiten", sagte Hemphill, "niemand hat diese Instrumente vorher so gespielt wie wir, und so sind sie nicht mehr dieselben, die sie einmal waren".Von Hemphill jedenfalls konnte man neben Wissenswertem über Kompositionslehre, Studioaufnahmen, Promotion, Handzetteldesign und Magie auch etwas über das Altsaxofonspiel lernen. Und Sanborn hat sich während einer beispiellosen Karriere im amerikanischen Musikgeschäft immer zu den Basics, zu Blues und Rhythm & Blues, bekannt: "Technik kann man immer erwerben, aber der Sound ist deine Identität". David Sanborn tritt heute im Doppelkonzert mit Lizz Wright im Kammermusiksaal der Philharmonie auf (20 Uhr).