Im Herbst 1946 kam der Publizist Kurt Stern aus dem Exil nach Berlin zurück und schrieb Tagebuch. Seine Eindrücke waren bedrückend – die Trümmerlandschaften, klar. Aber er bemerkte auch, was blühte. Die Geschenkartikel in den provisorischen Läden – Aschenbecher, Vasen, Tabakdosen, Zigarettenspitzen. „Nie so viele Raucherartikel gesehen wie jetzt, da es 6 Zigaretten im Monat gibt“, notierte er. Er sah Spielzeug aus Pappe und Holz, aber vor allem künstliche Blumen und „allerhand andere Kinkerlitzchen und Schund“. In den Nachkriegsjahren ging es ums nackte Überleben. Jeder handelte mit dem, was er hatte, aber Kurt Stern schlug dem Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands vor, mit Artikeln über Kitsch und Kunst für Geschmacksbildung zu sorgen. Dort war man auch schon auf den Kitsch zu sprechen gekommen.

Der Architekt Max Taut wollte, dass Künstler mit dafür sorgen, dass kein Kitsch mehr produziert werde. Der Kunstwissenschaftler Gerhard Strauss aus der Volksbildungsverwaltung wollte zur Geschmacksbildung der Käufer eine „Kitschausstellung lancieren“. Der Plan scheiterte am Mangel an Bedarfsartikeln. Man fragt sich, ob es keine anderen Sorgen gab in der Nachkriegszeit. Doch – trotzdem zeigten sich Künstler und Intellektuelle entschlossen, gegen Kitsch vorzugehen. 1947 hieß der Titel einer Ausstellung im Schloss in Weimar „Gegen die Ausbeutung des Volkes durch Kitsch“. Wobei es den Initiatoren wohl um mehr ging als um Geschmacksbildung, nämlich um das Ganze.

Denn die Situation war einzigartig: Der Zusammenbruch Nazi-Deutschlands beflügelte offenbar bei Künstlern, Formgestaltern und Architekten im Osten Deutschlands Hoffnungen auf einen kulturellen Neuanfang. Wo die Städte in Schutt und Asche lagen, auch die bürgerlichen Herren- und Damenzimmer – wann, wenn nicht jetzt sollte die Frage gestellt werden: Wie wollen wir leben? Mit welchen Möbeln und Gegenständen wollen wir uns einrichten?

Museum und Ausstellungen mit Reproduktionen

Mit der Schulreform im Herbst 1945 und der Einführung des Fachs Kunsterziehung wurde eine alte Forderung der Kunsterziehungsbewegung aufgegriffen. Institute für Kunsterziehung würden sich um die Lehrer-Ausbildung kümmern. Wenn Künstler und Politiker dasselbe wollten, nämlich eine Alternative zum Kapitalismus statt der Profitlogik der Warenproduktion nachzujagen, sollte es doch gelingen, auch die Dinge unter neuen Prämissen zu produzieren: zweckmäßig, verlässlich, materialsparend und schön. Das, so die Annahme, würde auch die Sinne der Menschen schulen, ihr Bedürfnis nach Schönheit wecken.

Das war die Hoffnung, mit der auch der niederländische Architekt Mart Stam nach Ostdeutschland kam. Hier wollte er sein Ideal von der industriellen Produktion verwirklichen, Gebrauchsgegenstände von schlichter Schönheit herstellen, gediegen und dauerhaft, für den Bedarf von Massen. Von der Industrie erwartete Stam entgegen der „früheren Konkurrenzmentalität“ eine der Allgemeinheit verpflichtete Produktionsethik. Damit war er ein Verbündeter für Gerhard Strauss, der in der Zeitung Neues Deutschland Vorschläge unterbreitete, wie man die Herstellung von kitschigen Gegenständen verhindern könne. Ihm schwebten Beiräte in Produktion und Handel vor, Gütesiegel für gelungene Produkte.

In Thüringen mit seiner Bauhaus-Tradition wollte der Gestalter Horst Michel, Professor an der Weimarer Hochschule für Baukunst, Künstler in die Gestaltung von Industrieprodukten einbeziehen. Nur, was Beiräte aus Fachleuten und Konsumenten für gut befänden, sollte den Weg auf Messen finden. In Berlin sollten die Spitzenerzeugnisse in einem Deutschen Warenbuch veröffentlicht werden, wie es etwa der Deutsche Werkbund aufgelegt hatte. Der Handel – HO und Konsum – sollte nur Produkte verkaufen, die mindestens das Warenzeichen der Landeskommission trugen. Man kann lachen über diese Konstruktion zur Durchsetzung von Maßstäben zur Produktgestaltung. Man kann sie auch als Utopie lesen, wie sich eine Gesellschaft darüber verständigt, was sie produzieren und wie sie leben will.

Johannes R. Becher schlug ein Museum und Ausstellungen mit Reproduktionen vor. Sie sollten Menschen den Zugang zu bildender Kunst erleichtern und zeigen, dass eine gute Reproduktion allemal schöner ist als ein Ölschinken mit röhrendem Hirsch. Brecht und Kollegen von der Akademie der Künste wünschten sich in Schulbüchern auch Beispiele für Kitsch und schlechten Stil. Willi Sitte hatte einen Bauern gemalt, gebeugt trug er auf seinem Buckel das Schloss Wernigerode – Ministerpräsident Otto Grotewohl nannte das politisch plump.

Zwerge stören den Aufbau des Sozialismus nicht

1956 nahm der Kulturbund noch einmal Anlauf, mit Hochschulen, dem Künstlerverband und der Industrie auf einer Konferenz die Produktion von zweckmäßigen und formschönen Gebrauchsgütern zu erörtern. Karl Kneschke war einer der Initiatoren. Er stammte aus einer böhmischen Arbeiterfamilie und litt unter der Kränkung, mit Kitsch abgespeist worden zu sein, wo er Zugang zu den Künsten suchte. Er ertrug es nicht, dass er in der Porzellanmanufaktur Meißen kein Geschirr ohne Dekor für den Kulturbund zu kaufen bekam. Geschirr ließ sich längst massenhaft und billig produzieren – er hatte den Verdacht, Dekor verdecke fehlerhafte Stellen, täusche Kostbarkeit zu überhöhtem Preis vor. Was ihm Kenner der Materie bestätigten. Das meinte wohl auch die Ausstellung „Gegen die Ausbeutung des Volkes durch Kitsch“.

Die Innenarchitektin Karola Bloch hatte sich um die Einrichtung von Läden zur Wohnberatung bemüht und festgestellt, dass es „zur Erziehung und Lenkung des Geschmacks“ die Unterstützung der Ministerien brauchte. Aber die waren der Einladung zur Konferenz nicht gefolgt. Die Akteure gegen den Kitsch hatten sich vorgestellt, ein Beirat zur Produktgestaltung könne agieren wie die Hauptverwaltung Film oder Literatur und über die Produktion etwa von Geschirr entscheiden. Ausgerechnet Gartenzwerge sollten sie eines anderen belehren.

Im Vorfeld hatte sich das Institut für angewandte Kunst ein Bild von der Produktion von Gartenzwergen machen wollen. Die Thüringer Fabrikanten aber empörten sich, verweigerten den Versand von Mustern: Gartenzwerge seien keine Kunst, da sei nichts zu überprüfen. Nur der Produktionsplan werde über den Haufen geworfen. Der Plan, die Kennziffern, die Exportauflagen – das waren die Dinge, die die Produktion in volkseigenen wie privaten Betrieben bestimmten. Und Gartenzwerge brachten Devisen. Der SED-Chefideologe Alfred Kurella sagte 1958, Gartenzwerge würden an die Märchenwelt anknüpfen und den Aufbau des Sozialismus nicht stören.

Natürlich gab es auch die zweckmäßigen, schönen Gegenstände für den täglichen Gebrauch. Die Sammlung industrielle Gestaltung hatte mal ihren Platz in der Kulturbrauerei. Acht Jahre nach der letzten Ausstellung, acht Jahre nach der Übernahme der Sammlung durch das Bonner Haus der Geschichte darf man gespannt sein, was es über die Formgestaltung in der DDR zu sagen hat. Im November soll die Ausstellung „Alltag in der DDR“ öffnen.