Der Schreibtisch von Wilhelm Pieck steht seit gestern wieder in dessen Wohnhaus am Majakowskiring 29 in Pankow. Kunstwissenschaftler Hans-Michael Schulze hat den Tisch aus dem Stadtmuseum geholt - für eine Ausstellung über das "Städtchen", wie das DDR-Regierungsviertel in Pankow hieß. Während Schulze die letzten Vorbereitungen für die Ausstellung traf, wurde am Verwaltungsgericht über das Haus entschieden: Die Alteigentümer erhalten die zweistöckige Villa zurück. Von 1945 bis zu seinem Tod 1960 hatte Präsident Pieck in diesem Haus gewohnt - mitten im "Städtchen". Zu seinen Geburtstagen empfing er hier prominente Nachbarn wie den späteren DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht und Ministerpräsident Otto Grotewohl. Die wohnten gleich um die Ecke - wie viele andere DDR-Politiker auch. Damals umgab eine Mauer das Städtchen, und Posten schoben Wache. Heute stehen viele Häuser leer. Auf den Straßen sind kaum Menschen unterwegs und Parkplätze gibt es genügend - ein seltenes Bild für Berlin. Nur zwei prominente Bewohner leben noch hier: die 97-jährige Lotte Ulbricht, Ehefrau von Walter Ulbricht, und Egon Krenz. Die Häuser, die im Besitz der DDR-Regierung waren, gingen nach der Wiedervereinigung an den Bund über. Die Behörden hatten gehofft, dass sich auch Bonner Umzügler und Diplomaten für die Häuser interessieren. Doch die Bonner fanden bessere Gegenden, und die neuen Botschaften siedelten sich in der Nähe des Regierungsviertels an. Der französische Botschafter hat seine Residenz am Majakowskiring 5 verlassen, die Inder haben ihre Botschaft 1994 aufgegeben. Nur die Polen nutzen das Haus Nummer 47 weiterhin. Im März wird hier das Wissenschaftliche Zentrum der Polnischen Akademie der Wissenschaften eröffnet. Noch ohne Nachnutzer ist das einstige Gästehaus der DDR-Regierung am Majakowskiring 2, ein pompöses Haus mit weißen Säulen, das den DDR-Oberen auch als Wahllokal diente. Schilder von Immobilien-Firmen kleben an den Fenstern. Auch das Nachbargebäude steht leer. Hier waren zu DDR-Zeiten die "Gefolgsleute" der Staatsgäste untergebracht. Der Sprecher der Oberfinanzdirektion, Helmut John, spricht dennoch von einer "massiven Nachfrage nach Objekten" im Städtchen. Und es hat sich verändert: Das Haus, in dem Otto Grotewohl lebte, ist heute Literaturwerkstatt und wurde der Jewish Claims Conference zugesprochen. Das Haus von Johannes R. Becher wurde verkauft und befindet sich in Privatbesitz. Bei etlichen anderen Gebäuden sind Rückübertragungsansprüche noch nicht entschieden - zum Beispiel beim Haus Nummer 60, einem alten Stasi-Bau, in dem derzeit die Forstinspektion sitzt. Der Alteigentümer hat vor Gericht in erster Instanz verloren. Der Prozess um das Pieck-Haus endete mit einer gütlichen Einigung. Die Villa gehört nun den Töchtern des ursprünglichen Besitzers. Sie haben die DDR in den 50er-Jahren verlassen. Bis dahin hatte Pieck Miete an sie gezahlt. Nach seinem Tod wurde das Haus ohne Wissen der Erben enteignet und als Gästehaus des Oberbürgermeisters genutzt. Der Richter hatte bei der Verhandlung erklärt, dass die Enteignung ein klarer Fall von Machtmissbrauch seitens der DDR-Behörden gewesen sei.Was die Erben mit dem Haus vorhaben, ist noch nicht klar. Ihr Anwalt Peter Greffin sagt: "Es wird nichts übereilt und niemand rausgeschmissen." Ausstellung über das "Regierungsstädtchen": So 11-19 Uhr, Di 14-18 Uhr, Majakowskiring 29.Das "Städtchen" // Bis Anfang der 60er Jahre lebte die DDR-Staats- und Parteiführung in einem eigenen Viertel rund um den Majakowskiring in Pankow - von den Berlinern "Städtchen" genannt.Zu den prominentesten Bewohnern des Städtchens gehörten Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl, Walter Ulbricht, Erich Honecker, Egon Krenz und Horst Sindermann.Als die Siedlung Wandlitz errichtet wurde, wurde das Regierungsviertel in Pankow aufgegeben.BERLINER ZEITUNG/PABLO CASTAGNOLA In dieser Villa am Majakowskiring 29 lebte Wilhelm Pieck bis 1960. Jetzt gehört sie wieder den Alteigentümern.