Wozu sich keine der großen Bühnen der Hauptstadt bisher entschließen konnte: eines der bislang acht Stücke der Autorin Dea Loher auf die Bretter zu bringen, obwohl die Loher als "Ausnahmetalent unter den deutschen Jungdramatikern" gilt, hat nun das Theater 89 gewagt: Gabriele Heinz setzte das Stück "Adam Geist" in der Ausstattung durch Annette Braun in Szene. Seine Uraufführung hat es 1998 in Hannover erlebt, wo es von Andreas Kriegenburg inszeniert wurde, der sich als Regisseur um das Werk der Dramatikerin verdient gemacht hat (1995 "Das fremde Haus", 1997 "Blaubart", 1998 in Verbindung mit "Adam Geist" den Erstling der Loher "Olgas Raum"). Mit dem Dramatikerpreis der Stadt Mülheim ausgezeichnet, wurde "Adam Geist" in Mannheim und Karlsruhe nachgespielt.Woyzeck-NachfahreIn offener dramaturgischer Struktur wird die Geschichte eines jungen Mannes dargestellt, der, was immer er will, und er will nur Gutes und Gerechtes, ins Gegenteil umschlägt und ihn schließlich verzweifeln lässt. Als Opfer ist er wider seinen Willen auch Täter, ohne Georg Büchners Unheilfrage: "Was ist es, was in uns stiehlt, hurt, mordet.", beantworten zu können. Dieser Bezug ist nicht an den Haaren herbeigezogen, denn deutlich schreibt die Loher in der Nachfolge von "Woyzeck". Sie will als Dramatikerin hoch hinaus: "Nicht Arbeitslosigkeit und Strahlenverseuchung, sondern Gewalt, Schuld, Verrat, Freiheit - nicht Sozialreportage, sondern Tragödie", lässt sie verlauten, sei das Ziel ihres Schreibens. Deshalb wurde ihr der späte Heiner Müller, der in anthropologischen Existenzialismus abhob, zum unerreichten Vorbild.In "Adam Geist" ist sie am stärksten, wo sie sich in ihrer Charakterisierung des Helden, der von Familie und Gesellschaft ausgegrenzt wird, in der Nachfolge der Neorealisten vom Schlage des frühen Kroetz, von Sperr und Fassbinder, der "Minderleister"-Dramatik eines Turrini bewegt. Je mehr sich Adam aus dem "Milieu" von bornierter Dörflichkeit, Kleinstadtmief, aus dem Milieu von kleinen Dealern und "Giftlern" entfernt, um so aufgesetzter, bemühter, zum Exemplum gerierend wird die Vorführung des Passionswegs des Helden. Hat er zuerst am Grab der Mutter ein Mädchen vergewaltigt und (vermutlich) erstochen, so wird er durch "Giftler" um seinen Freund, einen Stadt-Indianer, gebracht und rächt sich durch ein Sägenkettenmassaker, gerät in die Fremdenlegion, desertiert, weil er nicht mehr gehorchen will, gerät an Neonazis, die ihn gleich zum Sekretär erheben, schließlich in den Balkankrieg, tötet dort seinen mörderischen Freund, sucht bei einer wundertätigen Madonna nach Erleuchtung, erfährt sie nicht und greift nach dem Strick.Letztes Abendmahl?Am schwächsten ist die Darstellung dieses Außenseiterschicksals dort, wo die Autorin ihre Figuren in poetischer Bildhaftigkeit ("Der Tod fällt mir wie Schnee auf die Augen") reden lässt. Lange, reflexive Monologe hemmen den Fortgang. Im Theater 89 blicken die Zuschauer von drei Emporen auf einen Riesentisch mit Riesenstühlen, ohne dass sich das als sinniges Bild etwa für ein "letztes Abendmahl" so recht erschlösse, weil er sich auch als Grab öffnen lassen muss, an dessen Rand der Held das Mädchen vornimmt. Die meisten Spieler haben sich in mehreren Rollen zu bewähren. Die durchgehende Schwäche besteht darin, dass der Darsteller des Adams, Eberhard Kirchberg, alles zu bezeigen vermag, nur nicht die Naivität eines tumben Toren. Am unglaubwürdigsten ist die versuchte Anwerbung Adams als Fascho-Sekretär. Zur stärksten Szene wird die mörderische Söldnerszene, die mit der Erschießung des falschen Kameraden durch Adam endet. Was an schauspielerischer Energie geboten wird, ist eindrucksvoll, aber Adam Geist aus der Flasche des Weltgeists - das verflüchtigt sich doch zu sehr.