Um die Zukunft der Ukraine sollte es gehen. Die „Ukraine: gemeinsam denken“, so das Motto der Veranstaltung, die am Wochenende amerikanische, europäische, ukrainische und russische Intellektuelle in Kiew zusammenführte. Das setzt zumindest voraus, das Land, der Staat habe eine Zukunft, und es gäbe so etwas wie ein ukrainisches Gemeinwesen. Einige berufene wie unberufene Zeitzeugen meinen ja, nichts dergleichen erkennen zu können.

Die Diskussion aber bestimmte ein Gespenst der Vergangenheit: der Krieg. Der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder jedenfalls beschwor die Gefahr eines europäischen Krieges. Russland sehe sich als Rivale Europas, seinen Plan einer Eurasischen Union als Gegenprojekt zur EU und die Europäer als Feinde. Die Ukraine sei lediglich eine Blaupause für den sich anbahnenden größeren Konflikt: „Das Eurasia-Projekt möchte Europa exakt so aussehen lassen, wie die Ukraine im Moment: allein, ohne genügend Freunde, fragmentiert, zerlegt, von außen angegriffen. Die Ukraine ist ein Testfall für die EU als Ganzes.“

Snyder, einer der profiliertesten Kenner der sowjetischen Geschichte, ließ seine Zuhörer nicht etwa an eigenen dunklen Träumen teilhaben. Es sind vielmehr die des überaus einflussreichen russischen Vordenkers der Eurasischen Union, Alexander Dugin. Der 1962 geborene Gründer und rechtsradikale Chefideologe der Eurasischen Bewegung greift eine Idee der 1920er-Jahre wieder auf und führt sie im 21. Jahrhundert fort. Dugins Ziel: ein russisch-eurasischer Herrschaftsbereich von Wladiwostok bis Lissabon.

Synder: Ziel ist Bruch zwischen EU und USA

Nach Überzeugung des deutschen Historikers Andreas Umland haben Dugin und seine Ideen Zugang zu höchsten russischen Regierungs- und Parlamentskreisen. Dieser Gefahr müsse der Westen geschlossen entgegentreten, glaubt Snyder, denn „das Eurasia-Projekt zielt auf den Bruch zwischen den USA und Europa, auf die Fragmentierung Europas“.

Eigentlich haben Snyder und Leon Wieseltier, der Herausgeber von New Republic, die Veranstaltung geplant, um etwas vom Diskurs und vom Aufbruch des Maidan hinüberzuretten, bevor es endgültig in einem neuen Ost-West-Konflikt untergeht, schreibt Cathrin Kahlweit in der Süddeutschen Zeitung. Man habe Russen und Ukrainer eine Stimme und ein Forum geben wollen. Am Ende aber seien es doch vor allem die Westeuropäer gewesen, „die sich an der EU abarbeiteten“. In Kiew dagegen habe man „die Hoffnung auf mehr als rhetorische Unterstützung offenbar aufgegeben“.

Der Wiener Standard zitiert den früheren tschechischen Außenminister Karel Schwarzenberg und spricht von der „Rückkehr des Krieges nach Europa“. Russlands Präsident habe zunächst einen unterschwelligen Krieg gegen die Ukraine geführt, erklärte Schwarzenberg in Kiew. Als die Zeit reif gewesen sei, habe Putin dann begonnen, das Land zu zerlegen. Zu erkennen, was geschehen ist, empfahl auch der deutsche Historiker Karl Schlögel. Es gelte Begriffe zu klären: „Annexion als Annexion, Krieg als Krieg und Lüge als Lüge zu bezeichnen.“