In kaum einer Debatte ist derzeit so viel Heuchelei im Spiel wie im Spionageskandal um die Aktivitäten der amerikanischen und britischen Geheimdienste in Europa.

Da fährt zum Beispiel der Bundesinnenminister im Sommer – nach den ersten Enthüllungen über die massenhafte Bespitzelung deutscher Bürger – in die USA, um dort angeblich auf den Tisch zu hauen. Tatsächlich finden sich die schärfsten Worte aus seinem Mund in den Presseerklärungen für die deutschen Medien. In den Staaten wollte er dagegen nicht durch allzu viel Gepolter die gute Zusammenarbeit seiner deutschen Spione mit den US-Kollegen gefährden. Das mag ja nötig sein – aber dann muss die Regierung auf die Chuzpe haben, den Deutschen das zu sagen.

Wenig später erklärte Merkels Kanzleramtschef – und Zuständiger für die deutschen Geheimdienste – den NSA-Skandal für beendet. Tatsächlich stellte sich wenig später heraus, dass ihn die Grundrechte der deutschen Bürger nur deutlich weniger interessierten als die geheimen Gespräche seiner Chefin am Handy.

Hacker muss in Haft

Zuletzt versuchten Transatlantiker und US-Gesandte wie der Botschafter in Deutschland, die ganze Aufregung als großes Missverständnis hinzustellen. Die Deutschen seien eben pingeliger als die Amerikaner, wenn es um Datenschutz gehe und die US-Behörden wohl etwas naiv. Dass die US-Behörden sehr genau wissen, wie heikel Datenklau ist, zeigte sich am Freitag: Da wurde ein Hacker, der strategische Informationen einer US-Politikberaterfirma an Wikileaks weitergegeben hatte, zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.

Schließlich der Bundestag: Er debattiert an diesem Montag über die Konsequenzen aus der Affäre. Eine wichtige davon vergessen die meisten Abgeordneten leider: Die Enthüller solcher Skandale müssen besser geschützt werden. Das gilt nicht nur für Edward Snowden. Auch in Deutschland werden Whistleblower nach wie vor als Denunzianten behandelt – und schaden sich selbst, wenn sie der Allgemeinheit nutzen. Der Bundestag hätte die Macht, das zu ändern. Er sollte sie nutzen.