Andreas Müller hat früher gekifft. Das wäre wohl kein Problem, denn nach Schätzungen haben bis zu 30 Prozent aller Deutschen in ihrem Leben schon Cannabis konsumiert. Aber Müller ist Richter, Jugendrichter. Ausgerechnet. Zudem ist Andreas Müller, 54 Jahre alt, aus dem Emsland, einer der bekanntesten Jugendrichter der Republik. In seinem Gericht in Bernau vor den Toren der Hauptstadt ist er auch für viele Berliner Fälle zuständig.

Jetzt hat der Richter ein Buch geschrieben. „Kiffen und Kriminalität – Der Jugendrichter zieht Bilanz“ ist im Verlag Herder erschienen und seit Freitag auf dem Markt. Müller spricht sich darin für die Legalisierung von Cannabis aus, einer bis heute trotz mancher Duldung verbotenen Droge.

Andreas Müller streitet gerne. Als Vertrauter der berühmt gewordenen, 2010 gestorbenen Neuköllner Jugendrichterin Kirsten Heisig war und ist er ein Vertreter einer harten Linie gegen jugendliche Gewalttäter. Müller setzt sich für rasche Verurteilungen ein, weil nur dies Eindruck auf die Täter machte. Deshalb hält er auch den sogenannten Warnschussarrest für richtig, ein bis zu vier Wochen langer Arrest, ergänzend zu einer Jugendstrafe auf Bewährung. All diese Thesen vertritt er auch in Fernseh-Talkshows und hat sich damit bei etlichen Richter-Kollegen, aber auch Staatsanwälten und nicht zuletzt Jugendsozialarbeitern unbeliebt gemacht.

Wider die Sozialromantik

Vor zwei Jahren hat Müller sein erstes Buch geschrieben: „Schluss mit der Sozialromantik – ein Jugendrichter zieht Bilanz.“ Darin nimmt er sich die Sozialromantik zur Brust, die er bei linksliberalen Innen- und Justizpolitikern über viele Jahrzehnte ausgemacht hat. Deren Laissez-faire-Haltung gegenüber jugendlichen Schlägern oder Räubern habe Intensivtäter – und deren Opfer – erst geschaffen.

Nun sieht Müller eine ähnlich „ideologische Sichtweise“ in der Drogenpolitik, nur dass es im Fall der Cannabis-Prohibition konservative Sozialromantiker seien, die blockierten – diejenigen, die behaupteten, mit Verboten ließe sich das „Freiheitsrecht auf Kiffen“ unterbinden. „Dabei wissen die es besser“, sagt er und meint insbesondere die Berliner Senatoren Frank Henkel (Innenressort), Mario Czaja (Gesundheit) und Thomas Heilmann (Justiz, alle CDU).

Müller sagt, Cannabis-Konsum lasse sich eben nicht verbieten. Eine Kriminalisierung und Verfolgung von Anbau, Handel und Besitz führe dazu, dass man die positiven Effekte einer Legalisierung verschenke. Schließlich ließe sich mit einer kontrollierten Abgabe eine Altersbeschränkung einhalten, denn, so Müller: „Ich bin vehement dagegen, dass Jugendliche kiffen.“

Das mag auf den ersten Blick überraschen. Doch gerade als ehemaliger Konsument wisse er sehr wohl, so Müller, wie wichtig Verantwortung für sich selbst gerade beim Cannabis-Konsum sei. „Man muss wissen, was man tut.“ Das sei nicht anders als beim Alkohol, einer seiner Meinung nach deutlich gefährlicheren Droge. In seinem Buch zitiert Müller eine Studie, wonach 70000 Todesfälle pro Jahr in Deutschland auf missbräuchlichen Alkoholkonsum zurückzuführen seien. Kein einziger stehe in direktem Zusammenhang zu Cannabis.

Der eigene Bruder im Knast

„Menschen saufen sich zu Tode, und wir kriminalisieren Cannabis“, schreibt Müller und könnte damit seine Familiengeschichte meinen. Im Buch schreibt er, dass sein Vater am Alkohol zugrunde ging. Und dass sein – mittlerweile gestorbener – älterer Bruder, ein Heroinjunkie, teils wegen kleiner Cannabis-Mengen immer wieder verurteilt worden war, statt ihm mit Therapien zu helfen. Diese Erfahrung hat den Jüngeren seit seiner Jugendzeit geprägt. „Es ist heftig, als 15-Jähriger einen Bruder im Knast zu haben“, sagt er. Seitdem wisse er, dass die deutsche Drogenpolitik falsch sei. Deshalb jetzt dieses Buch.

Darin wirft der Richter zum Beispiel den Senatoren Henkel, Czaja und Heilmann verfassungswidriges Verhalten vor, wenn sie im Görlitzer Park in Kreuzberg eine Null-Toleranz-Politik durchsetzen und die in Berlin geübte Praxis, wonach der Besitz in Ausnahmen von bis zu 15 Gramm Cannabis straffrei ist, außer Kraft setzen. Das führe zu einer Kriminalisierung von Käufern und Verkäufern, habe aber keine positive Effekte.

Immerhin hat jemand, der wegen Cannabis vor Müllers Tisch landet, gute Chancen, glimpflich davonzukommen. „Ich versuche immer die Verfahren einzustellen und bin dabei auch ziemlich gut.“ So müsse er nach dem Betäubungsmittelgesetz zwar schuldig sprechen, könne aber oft von einer Strafe absehen.

Dieser juristische Kniff ändert freilich nichts an der Haltung von Richter Müller: Es werde bislang zu viel Energie in die Verfolgung von Cannabisbesitz investiert. Diese Energie fehle dann etwa bei der Aufklärung von Einbruchserien in seiner Wohngemeinde Glienicke/Nordbahn, direkt an der nördlichen Stadtgrenze, wo er mit einer seiner Töchter lebt. „Dabei sind doch Einbrüche in der Nachbarschaft das Problem der Menschen. Und nicht, ob irgendwo irgendeiner einen Joint raucht“, sagt er.