Debatte um Religionsfreiheit und Neutralität an den Schulen. Bildungsverwaltung arbeitet seit vier Jahren an Leitfaden für Pädagogen: Gebetsraum-Urteil: Lehrer befürchten weitere Klagen

Nach dem Gebets-Urteil des Verwaltungsgerichts wächst an Schulen die Sorge, dass weitere Schüler das Recht auf ein muslimisches Mittagsgebet einklagen könnten. "Mich haben Schüler schon vor etwa eineinhalb Jahren nach einem Gebetsraum gefragt", sagt Rainer Völkel, Schulleiter des Kreuzberger Robert-Koch-Gymnasiums. 98 Prozent der Schüler sind Muslime unterschiedlicher Glaubensrichtungen. Damals habe man das mit einem Beschluss der Schulkonferenz abgewendet, so der Schulleiter.Wolfgang Harnischfeger von der GEW-Schulleitervereinigung warnte gar davor, dass bald ganze Turnhallen wegen der großen Nachfrage als Gebetsraum herhalten müssten. Diese Prognose halten viele Schulleiter für zu drastisch, schließlich würden viele islamische Jugendliche sich nur ungern einschränken. Dennoch findet auch Schulleiter Völkel das Gerichtsurteil nicht gut. "Die Schule ist ein freier Raum, wo es keinen religiösen Druck geben darf", sagt er. Schon während des islamischen Fastenmonats Ramadan würden Mitschüler, die nicht fasten, von strenggläubigen Schülern mitunter angegangen.Wer während des Ramadan einen Schokoriegel isst, bekommt schon mal Ärger, heißt es auch am Diesterweg-Gymnasium in Gesundbrunnen. Hier geht der 16-jährige Yunus M. zur Schule, der vor Gericht geklagt hatte. Hier hatte ihm Schulleiterin Brigitte Burchardt zunächst das Beten verboten. Vor ein paar Jahren hat es in der Schule schon mal einen inoffiziellen Gebetsraum gegeben. Das Projekt wurde schließlich durch eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen einzelnen Schülern beendet. Mädchen alevitischen Glaubens hatten den Raum genutzt, um ihr Gebet zu verrichten. Strenggläubige sunnitische Schüler waren damit nicht einverstanden, ihrer Ansicht nach war der Raum durch die Anwesenheit von Mädchen entweiht worden. Es kam zu einer Prügelei. Das war das Ende des inoffiziellen Gebetsraumes. Angesichts solcher Erfahrungen wirkte die Forderung des CSU-Bundestagsabgeordneten Stefan Müller, Berliner Schulen sollten gemeinsame Gebetsräume für Schüler aller Religionen einrichten, gestern eher realitätsfern. Bundespolitiker von Union und FDP begrüßten gestern das Urteil.Manche Schulleiter wie Gregor Krapp vom Neuköllner Albert-Schweitzer-Gymnasium sagen hingegen, dass das Thema Beten unter seinen muslimischen Schülern seit Jahren kein Thema mehr sei.Viele Lehrer berichten, dass Kinder von Deutschen, die zum Islam konvertiert sind, besonders strenggläubige Ansichten vertreten. Auch beim Vater von Yunus M. handelt es sich um einen Konvertiten.Die Bildungsverwaltung tut sich generell schwer im Umgang mit der wachsenden islamischen Schülerschaft: Das zeigte zuletzt die Kontroverse um den 30-jährigen Imam Ferid Heider. In der Broschüre "Islam und Schule", die seit nunmehr vier Jahren in Arbeit ist und die die Lehrer informieren soll, war auch ein Interview mit Heider. Darin forderte dieser islamische Schüler auf, sich für das Gebet "irgendein Eckchen" zu suchen und rechtfertigt das strenge islamische Recht. Einige Mitglieder des Arbeitskreises forderten daraufhin, das gesamte Interview zu entfernen. Nun soll es, versehen mit einem Kommentar, doch bald erscheinen. Die Hamburger Schulverwaltung zeigte sich indes überrascht, dass Berlin vor Gericht um Gebetsräume streitet. "Wir empfehlen unseren Lehrern, den Schülern, die beten wollen, den Schlüssel für gerade leere Klassenräume zu geben", sagte eine Sprecherin. Auch Berliner Hochschulen sind pragmatisch. Die Technische Universität hat seit 40 Jahren einen Gebetsraum für Muslime.Für eine skurrile Note in der Debatte sorgte gestern der Lesben- und Schwulenverband. Unter der Überschrift "Sexualkunde statt Gebetsraum" forderte der Verband mehr Sexualkundeunterricht, der an vielen Schulen kaum stattfinde.------------------------------Foto: Das Berliner Verwaltungsgericht hat entschieden, dass ein 16-jähriger Schüler einmal täglich sein muslimisches Mittagsgebet in einem separaten Raum seiner Schule verrichten darf. Die Bildungsverwaltung prüft weiter, ob sie gegen diese Entscheidung Berufung einlegt. In Hamburg etwa gestattet die Schulverwaltung das Beten auf Schülerwunsch.