Der April ist ein heikler Monat für die Rockmusik. Es war April, da sie zum ersten Mal die Massen ergriff, und im April wurde sie dann auch zum ersten Mal wieder begraben. Das Stück, mit dem Letzteres geschah, heißt: "April". Zwischen beiden Ereignissen lagen immerhin noch fünfzehn Jahre. Heutzutage hat sich der Takt, in dem die Popmusik lebt und stirbt und lebt erheblich verkürzt. Wie unerklärlich alles begann. Am 12. April 1954 spielte Bill Haley mit seinen Comets einen Titel namens "Rock around the clock" ein. Wer es genau nimmt, kann also in ein paar Tagen den 50. Jahrestag des Rock'n'Roll feiern. Wer Stil beweisen will, wartet bis zum Sommer, wenn sich am 5. Juli jener Tag jährt, an dem Elvis ein halbes Jahrhundert zuvor in den Sun-Studios von Memphis "That's All Right" gesungen hat. Aber das ist nun wirklich eine ganz andere Geschichte. Während sich der frühklassische Elvis seine Sensationalität bis zum jüngsten Tag bewahren wird, kann man sich nur wundern, was Menschen, die inzwischen um die siebzig seien müssen, einmal dazu bewogen hat, vor lauter Freude über Bill Haleys Musik das Mobilar des Sportpalastes zu zerlegen. Bill Haley verkörpert eines jener Phänomene, die sich wohl nur aus einem sehr konkret bestimmten Zeitgefühl heraus begreifen lassen. Ähnlich wie Harpo. Erinnert sich noch jemand an Harpo? Wie er mit Melone und Stöckchen durch Ilja Richters Disco schlurfte und ihm bei den hohen Tönen die Stimme brach. Gruselig - aber in einem historischen Moment offenbar auch notwendig. Wer weiß, was man sich im Jahre 2054 über Max Mutzke erzählen wird. In ästhetischer Hinsicht war Bill Haley der Max Mutzke des vorigen Jahrhunderts. Unauffällig in seiner Erscheinung und banal im Künstlerischen. Doch reichten Bill Haley zwei Minuten und acht Sekunden, um die Welt aus den Angeln zu heben. Deep Purple brauchten immerhin gut zwölf Minuten, um sie wieder einzuhängen. Auf ihrer dritten Langspielplatte, die im April (!) 1969 fertig wurde, entschuldigten sich die englischen Hardrocker auf einmal für ihren Hardrock. Der Organist John Lord musste irgendwie seinen sinfonischen Druck loswerden und verschrieb der bis dahin unauffälligen Band eine so genannte Rocksuite, die noch viele und vor allem viel furchtbarere Rocksuiten unbefugter Epigonen nach sich zog. So gesehen ist dieses "April", mit dem die Mesalliance zwischen Rockinstrumenten und Orchester begann, die Sternstunde des künstlerischen Niedergangs eines kompletten Genres; verhängnisvoll für die primitive Rockmusik aber in seiner Anmaßung auch wundervoller Kitsch. Schön schlimm - wie der April.