Es gibt kaum etwas im Theater, das so unübersehbar ist wie das Bühnenbild. Trotzdem stehlen den Bühnenbildnern die Regisseure regelmäßig die Show, denn Bühnenbildner bauen, was Regisseure denken. Wenn sie gut sind, tun sie mehr. Wie Peter Schubert, über dessen neuester Arbeit sich heute im Potsdamer Hans-Otto-Theater der Vorhang hebt: "Fit in Fesseln" von Nikky Silver, Regie Silvana Kraka.An seinen immer bunt gefärbten Haaren soll man ihn erkennen. Im Mai 1989 waren sie blau. Da engagierte Ruth Berghaus den Neuling für Mozarts "Cosi fan tutte" an die Staatsoper. Es wurde eine unvergeßliche Aufführung, in der es für Mozarts Seitensprüngler bei ihrem heimlichen Rendezvous hart zur Sache ging. Sie treffen sich auf unwegsamen Felsplatten mit schroffen Kanten, an denen sich die Damen die Strümpfe zerreißen konnten, die unter Bademänteln fast nackten Herren noch mehr. Riesige Blumen waren in sämtliche Flächen des Raumes gesteckt, so romantisch wie ein elektrisches Kaminfeuer. Das Stück wurde ausgebuht, Berghaus und Schubert arbeiteten indessen noch sechsmal zusammen.Gemeinsam für gut haltenPeter Schubert wurde 1959 im thüringischen Leinefelde geboren. Nach dem Abitur verdingte er sich als Hilfsarbeiter, ehe er die Kunsthochschule in Weißensee besuchte. Bereits 1986 beginnt die künstlerische Partnerschaft mit Frank Castorf, die bis heute dauert (zuletzt "Des Teufels General"). Es folgen Inszenierungen mit Berghaus sowie mit Thomas Langhoff, Claus Peymann, Adolf Dresen. In knapp zwölf Berufsjahren hat Schubert fast fünfzig Ausstattungen geschaffen, schon zweimal wurde er in der Zeitschrift "Theater heute" zum Bühnenbildner des Jahres gewählt. Gelegentlich inszeniert er auch selbst, "nach Bildern im Kopf", wie er sagt. Und wenn es ein anderer tut, ist er als heimlicher Regisseur mit dabei: "Wir träumen uns einen Abend und versuchen dann, diesem Traum so nahe als möglich zu kommen. Der Maßstab ist, was wir gemeinsam für gut halten. Das wird gezeigt."Die Künste trennen, damit die Kunst, die Bühnenkunst aufblüht auch Schubert praktiziert Brecht: "Theater ist interessant durch die Spannungen und Reibungen zwischen den Subjekten. Ich greife oft in die Inszenierungen ein. Ich erfülle nur keine Wünsche. Die Wände verrücke ich. Niemand anders." Nicht aus Verbohrtheit, sondern weil diese Wand in diesem Stück in dieser Inszenierung nicht verrückt werden darf.Peter Schubert grenzt seine Räume gern ein, verhindert mit dem Plafond noch die vertikale Fluchtrichtung: Spielorte ohne Notausgang, in denen die Personen klein und verloren aussehen und dennoch ein menschliches Maß behaupten. Sie drängeln sich nicht vor eine Inszenierung, eher verschwimmen sie mit ihr. Wie beim "Lohengrin", den Ruth Berghaus 1991 in Graz inszenierte. Der Gralsritter stolpert in ein radikal aus dem Lot geratenes Diesseits, und von Anfang an ist klar, daß kein Wunder die gegeneinander versetzte Schachtel-in-der-Schachtel-Realität würde einrenken können.Wenn die Welt aus den Fugen ist, soll es auch die Bühne sein. Für Ibsens "John Gabriel Borkman", Castorfs letzter Arbeit an den Kammerspielen des Deutschen Theaters, baute Schubert ein zersprengtes Konglomerat aus Fenstern, Türen, Wänden, die sich sichtbar ineinander verschoben und in die nächste Szene schraubten. Mit ihnen ebenso die Schauspieler, die, völlig losgelöst, zu verwegen artistischen Equilibristen wurden. Theater das sind für Schubert vor allem eben die Schauspieler. Bei Bauproben rennt er regelmäßig auf die Bühne, probiert ihre Perspektive aus: "Ich hoffe immer, daß es dadurch besser wird." Und entwirft, um aus der Weite der Bühne wieder an die Schauspieler heranzukommen, die Kostüme immer selbst.Schuberts Lieblingskostüm sind hochgeschlossene Mäntel. Schon in Castorfs "Paris, Paris" 1989 am Deutsches Theater werden sie abgetragen. In einer Moskauer Wohnung drängen sich Fast-Flüchtlinge zwischen Haute Couture und Selbstmord und ohne genug Heizmaterial. Mit Mänteln will Schubert die Figuren nicht nur wärmen, sondern beschützen: "Wenn die Welt ringsherum zersplittert ist, müssen sie eine Einheit bleiben."Im Oktober wird Peter Schubert ordentlicher Professor an der Kunsthochschule Weißensee. Was kann man Schülern beibringen, die für einen engen Markt ausgebildet werden, der für immer weniger Produktionen immer weniger Geld hat? "Vor allem eine innere Kondition, um sich in der Arbeit selbst ernst zu nehmen und zu akzeptieren, daß es in der Kunst keine Garantien für schönes Leben und gesellschaftliche Anerkennung gibt." Die sucht er auch selbst nicht: "Mir reicht s, wenn es ein paar Liebhaber gibt. Ich mache kein Volkstheater."

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