Typisch Franz Josef Wagner. Schließt vergangenen Sonntag seine Kolumne in der "Welt am Sonntag" mit den Worten: "Auf dem Höhepunkt aufhören ist Gold. Gilt übrigens auch für Kolumnisten." Und verschwindet in den Urlaub. Gut möglich, dass dem "B.Z."-Chefredakteur dieser Satz trotz all seiner Sorgen noch mal ein wenig Freude bereitet hat. Dass er sich vorgestellt hat, wie seine Redaktion und die ganze Branche über die Bedeutung dieses einen Satzes rätseln würden.Ging es ihm mal wieder nur um eine gute Pointe in der hundertsten Rechtfertigung seines harschen Umgangs mit dem Schwimmstar Franziska van Almsick ("B.Z."-Titel: "Franzi van Speck: Als Molch holt man kein Gold")? Oder war das bereits ein verspielter Hinweis in eigener Sache, der das Ende seiner Karriere im Hause Springer andeuten sollte? Gewiss hat der 57-Jährige wissen müssen, dass er den Gerüchten um den Rauswurf mit der Pointe Nahrung geben würde. Immerhin hatte die "Süddeutsche Zeitung" tags zuvor geschrieben, man höre da "so komische Sachen" aus seiner Redaktion: Sportreporter hätten wegen Wagners Titelei mit Kündigung gedroht, der Chef selbst sei überraschend in die Ferien gefahren und ein führendes Redaktionsmitglied der "Welt" bereite sich schon auf die Nachfolge vor. Am Mittwoch meldete der Branchendienst "rundy" gar, der 33-jährige stellvertretende Chefredakteur der "Welt", Claus Strunz, werde Wagner nachfolgen - obwohl Strunz erst zwei Tage davor auch als künftiger Chef der "Welt am Sonntag" gehandelt worden war.Tatsächlich kursiert in der Zentrale des Springer-Verlags in Hamburg seit Anfang der Woche das Gerücht, Wagner sei beurlaubt worden - mit sofortiger Wirkung. In seinem Sekretariat wollte man davon jedoch nichts wissen: Richtig sei, dass Wagner im Urlaub weile. Es handle sich dabei aber nicht um Zwangsurlaub, sondern um seinen lang geplanten jährlichen Segelurlaub. Am Freitag bestätigte eine Springer-Sprecherin gegenüber der "Berliner Zeitung" jedoch ein Zitat des "B.Z."-Geschäftsführers Harald Wahls, das als Bestätigung des Rauswurfs gelesen werden darf: "Es ist jetzt eine Stelle auf unserem gemeinsamen Weg erreicht, wo ich nicht mehr mitgehen mag", hatte Wahls gegenüber "kress" gesagt. Und Wahls, so hieß es, werde den Verlag jedenfalls nicht verlassen. Zu Wagners Nachfolge will man sich bei Springer jedoch nicht äußern.Der Mann, der seit seiner Zeit als "Bunte"-Chef in der Branche als "Gossen-Goethe" und "Meister des Zwölf-Zeilen-Romans" gilt, ist also mit seinem "Traum vom Metropolen-Boulevard" gescheitert. Wagner habe zu viel vom "neuen Berlin" geschrieben, und dabei die alten Arbeiterviertel und damit die Stammklientel der "B.Z." vernachlässigt, heißt es im Hause Springer. Als Gründe für seinen Abgang werden auch sein Hang zum Märchenerzählen und sein rüder Umgangston genannt. Etliche Mitarbeiter haben gekündigt, zuletzt der stellvertretende Lokalchef Veiko Kunkies und Wagners Berater Leo Prinz. Im zweiten Quartal hat Berlins auflagenstärkste Zeitung nicht mal mehr 260 000 Exemplare verkauft - bei Wagners Amtsantritt 1998 waren es noch knapp 290 000 gewesen. Wagner selbst schien der Schwund kalt zu lassen. "Unsere Verkaufsniederlagen sind nicht von Belang, solange wir nicht deren Urheber sind," sagte er neulich. Der Verlag war offenbar anderer Meinung.