Ein Ochsenkopf und ein Ahornblatt auf grünem Grund bilden das Wappen der Gemeinde Kaisborstel, wo Günter Kunert wohnt. Heute vor 80 Jahren wurde er in Berlin geboren, "ein innerstädtisches Erzeugnis". Doch nicht Stadt, "Übermächtiges Grün umgibt mich" schreibt er im Gedicht. Es heißt "Google Earth" und verhandelt nichts weniger als Kunerts Platz in der Welt, nachzulesen in dem neuen Buch "Als das Leben umsonst war". Sein "Residuum" wird zwar vom Satelliten erfasst, aber nur in Fingernagelgröße, "Damit ich auch fernerhin/ unerkennbar bleibe." Von dort schickt er Jahr um Jahr Wörter aus, kurze tiefsinnige Kommentare zur Zeit. Er ist einer der wichtigsten deutschen Dichter der Gegenwart.Ein guter JahrgangBlatt und Farbe des Wappens also passen zu Kunerts naturnahem Leben. Allein das Tier wäre besser eine Katze, Kunert schätzt diese stolzen Wesen. Mit sieben Katzen verlässt er im Jahr 1979 die DDR. Begleitet wird er außerdem von seiner Frau, dem Leser seiner Bücher längst vertraut durch Zueignungen wie "Marianne gewidmet, die außer der Lektüre meiner Texte auch noch mich selber erträgt." In seiner Autobiografie "Erwachsenenspiele" erzählt er von ihrem Kennenlernen: "Nach meiner Verneinung auf die Frage, ob ich Mitglied der FDJ sei, atmet sie auf, um sofort zu erstarren: ,Aber der SED.'" Etwa 25 Jahre später, im Januar 1977, wird ihm diese Mitgliedschaft aberkannt, denn er gehört zu den Erstunterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns.Der Jahrgang 1929 ist ein sehr wertvoller für die deutsche Literatur, es ist das Geburtsjahr von Christa Wolf, Peter Rühmkorf, Walter Kempowski und Hans Magnus Enzensberger. Der Jahrgang ist es jedoch auch, der bestimmte Lebenswege bereithielt und andere unmöglich machte. Günter Kunert darf als Sohn einer jüdischen Mutter nur die Volksschule besuchen. "Wehrunwürdig" ist er deswegen auch. Sein - und das seiner Mutter - Überlebensglück besteht vor allem in der Treue seines Vaters. Hätte dieser als so genannter Arier sich gegen Frau und Kind entschieden, hätten sie Hitlers Reich nicht in Asche fallen sehen.In den Nächten der Angst, als Nachbarn und Bekannte sich abwenden, als Freunde und Verwandte verschwinden, da ist "Moskau" das Sehnsuchtswort für ihn, das er nicht aussprechen darf. Nach dem Krieg weiß er, auf welche Seite er gehört und tritt mit 18 in die SED ein. Als die gerade gegründete Hochschule für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee Studenten sucht, bewirbt er sich mit ein paar Zeichnungen und wird prompt genommen. Sein zweites künstlerisches Talent, das Gespür für Sprache, beschert ihm fünf Semester später einen Platz im "Ersten Lehrgang des deutschen Schriftstellerverbandes", mit den Kommilitonen Erich Loest und Heiner Müller. Für seinen ersten Gedichtband "Wegschilder und Mauerinschriften" lobt Johannes R. Becher, damals Kulturbundpräsident, Günter Kunert dort vor Publikum.Der junge Autor ist sehr produktiv, experimentiert mit den Formen, wird früh im Ausland bemerkt und kommt als dichtender Gast an die Universität von Austin in Texas, an die Universität von Warwick in England. Was in der DDR nicht erscheinen kann, druckt der Hanser Verlag in München. Sein Verleger Michael Krüger schmuggelt Manuskripte und Bücher über die deutsch-deutsche Grenze, in seinem Haus in Berlin-Buch treffen sich Autoren von beiden Seiten der Mauer, bis er 1979 das "doppelte Berlin" verlässt und ins grüne Schleswig-Holstein zieht. Im Jahr darauf kommt noch ein Gedichtband bei Aufbau im Osten heraus, 1988 der nächste. Der Ausgereiste war den zurückgebliebenen Lesern nie ganz verloren. Das Gedicht bleibt ihm die liebste, die wichtigste Ausdrucksform, daneben entstehen Reisebücher, ein Roman und Kurzgeschichten. In den letzten Jahren pflegt er Kürzestgeschichten, Notate, Erinnerungssplitter. Einige davon sind jetzt in dem bibliophilen Buch "Gestern bleibt heute" im Verlag Thomas Reche erschienen.Als im Jahr 2002 der Band "So und nicht anders" mit einem Querschnitt von Kunerts lyrischem Werk herauskommt, enthält er auch fünf Gedichte aus dem allerersten Buch von 1950. Sie haben noch immer Bestand. "Über einige Davongekommene" heißt es in der Manier seines anderen Mentors Bertolt Brecht: "Als der Mensch/ unter den Trümmern/ seines/ bombardierten Hauses/ hervorgezogen wurde,/ schüttelte er sich/ und sagte:/ Nie wieder.// Jedenfalls nicht gleich."In jenem frühen Gedicht klingt schon an, was Kunert bis heute gern unter die Nase gerieben wird: Sein illusionsloser Blick auf das Leben im Kleinen wie im Großen. "Pessimist bin ich immer nur in den Augen der so völlig grundlosen Optimisten", sagt Kunert dazu in dieser Zeitung. Wenn er Wetterdaten sammelt, Möglichkeiten der Wissenschaft weiterdenkt, die Natur sterben sieht und eigene Gebrechen konstatiert, sind das Beweise seines Realitätssinns. Und wenn er in seinem Gedicht "Allerneueste Atlantis Hypothese" von 1999 schreibt: "Von Dichtern gehegt, von Ahnungslosen/ gepflegt: War doch alles gar nicht so/ schlecht. Brüder, in Unschuld die Hände,/ auf zum allerletzten Gefecht und bereit/ zur nächsten persönlichen Wende", dann formuliert er scharf, aber nicht düster. Gegen die ihm oft zu freundliche Rückbesinnung auf die DDR setzt er im Erinnerungsbuch auch die Geschichte seines Vaters, der den Status als "Opfer des Faschismus" verliert, als er sich weigert, Agitationsbroschüren in seinem Laden auszulegen. Seine Mutter muss wieder arbeiten und darf als Buchhalterin bei der Müllabfuhr ihren Mann ins betriebseigene Erholungsheim mitnehmen: "Es war eben doch nicht alles schlecht in der DDR", so Kunert, "es konnte einem nur schlecht werden."Selbsttherapie für alleAls nichts anderes als Selbsttherapie bezeichnet Günter Kunert einmal sein Schreiben. Einen Band nennt er explizit "Ohne Botschaft". Und doch ist es natürlich immer eine Auseinandersetzung mit der Welt - in der DDR bald von Wanzen und Spitzeln belauscht, später eben unter dem fotografischen Auge des Satelliten, mit den Nachrichten von Krieg und Umweltzerstörung im Sinn. "Solange man schreibt, ist der Untergang gebannt, findet Vergänglichkeit nicht statt, und darum schreibe ich: um die Welt, die pausenlos ins Nichts fällt, zu ertragen." Eine Nabelschau ist das nicht. Als Leser kann man von Kunerts Sicht auf sich selbst und die Welt profitieren. Seine bildstarken Gedichte bohren sich ins Ohr und geben dem Hirn zu tun.------------------------------Ausstellung "Ein anderer K." bis 15.3. in der Saarländischen Galerie, Am Festungsgraben, Mitte: 100 Beispiele dafür, dass Kunert der Bildenden Kunst treu geblieben ist.------------------------------"Pessimist bin ich immer nur in den Augen der so völlig grundlosen Optimisten." Günter Kunert------------------------------Foto: Günter Kunert im vergangenen Jahr auf der Leipziger Buchmesse