Von den vielen großen Dirigenten, die in diesem Sommer einen runden Geburtstag feiern, ist Michael Gielen der einzige, für den die ernste Musik kein abgeschlossenes Kapitel ist. Nicht nur, weil er auch komponiert und ungeheuer viele Uraufführungen dirigiert hat. Sondern auch, weil er darauf insistiert, dass die neue Musik mit der älteren zusammenhängt, die neuere aus der älteren hervorgegangen ist: So hat er es selbst in seinen Erinnerungen "Unbedingt Musik" ausgedrückt. Dies ist eine alte Idee der musikalischen Moderne. Ihr erster Protagonist, Arnold Schönberg, hat sich unbedingt als Nachfolger Bachs, Beethovens, Wagners und Brahms' verstanden.Natürlich fragt man sich, warum das eigens betont werden muss, wenn es denn wirklich so wäre. Ist der bürgerliche Fortschrittsimpuls nicht schon zwischen Wagner und Brahms ausgefranst in eine klangliche und eine konstruktive Avantgarde, die nicht mehr zusammenzuzwingen waren und daher auch keine Musik mehr hervorbrachte, die den alleinigen Anspruch der "Konsequenz" rechtfertigte?Die musikalische Interpretation hat sich in der Hauptsache um die klanglichen Konsequenzen der Kompositionsgeschichte bemüht. Die erfolgreichsten Dirigenten waren die Klangmagier vom Schlage Karajans, die ihren karrierebewussten Nachfolgern zum Vorbild wurden. Vielleicht vorschnell, aber nicht unverständlich kamen solche polierten Oberflächen als Verrat an der musikalischen Substanz in Verruf, und so gab es immer eine kleine Gruppe von Dirigenten, die den Akzent auf die Konstruktion der Musik legten.Was Gielen von Karajan unterscheidet, wird im Finale von Brahms' erster Sinfonie schlagend deutlich. Die Streicher haben da ein hymnisches Thema, das Karajan mit solch breitem, runden Klang spielen lässt, als ob er schon gar nicht mehr das Thema, sondern nur das Schöne und Hymnische darstellen wollte. Schon fühlt man sich als Hörer manipuliert und empfindet das Schöne nicht mehr spontan, sondern stimmt ihm bestenfalls zu.Bei Gielen ist der Auftritt der Streicher nicht nur bescheidener, im Mittelteil gestaltet er den Konflikt von Melodie und chromatischer Mittelstimme so plastisch, dass seine Auflösung im Nachsatz den Hörer emotional bezwingt.Gielen hat einen Aufführungsstil gefunden, der ein ungemein stetiges Tempo und exakte Phrasierung mit einem dennoch atmenden Sinn für die Gesten verbindet. Es liegt ihm nicht an einem abgetönten Klangfluss. Sein Orchesterklang ist sehr fokussiert, sehr direkt und transparent, fast, als würde mit historischen Instrumenten gespielt. Freilich zieht ein derartiges Beharren auf das Detail dem Dirigenten auch Grenzen. In den großen Brucknerschen Quadern denkt sich Gielen sehr viel, nichts wird einfach wiederholt, um die Taktgruppen voll zu machen, immer gibt es einen Übergang, ein Steigern oder Abwandeln. Das großrhythmische Schwingen der Musik aber stellt sich auf diese Weise nicht ein.Gielen geht vom Kleinen aus und baut von dort die Form - mit nicht selten bezwingender Konsequenz. Die Vorstellung der Komponisten der Wiener Schule, aus größerer konstruktiver Dichte müsse auch eine gesteigerte Intensität des Ausdrucks hervorgehen, wird von Gielen in seinen besten Momenten so schlüssig umgesetzt, dass man sie noch immer für das A und O modernen Musikdenkens halten könnte.Nun hat Gielen solches Denken von früh auf gelernt. Als Sohn eines Theater- und Opernregisseurs und Neffe des Pianisten und Schönberg-Freundes Eduard Steuermann heute vor 80 Jahren in Dresden geboren, bekam er nach der Emigration der Familie nach Buenos Aires Klavierunterricht von einer Bekannten von Alban Berg. In Buenos Aires selbst wirkte der ebenfalls emigrierte Erich Kleiber als Dirigent, der die Uraufführung von Bergs "Wozzeck" geleitet hatte. Gielen setzte sich ebenfalls früh für die Wiener Schule ein: Mit 23 Jahren führte er das gesamte Klavierwerk Schönbergs auf.Ab 1950 baute er seine Dirigentenlaufbahn auf: Er begann als Korrepetitor in Wien, dirigierte dort auch, bis er 1960 in Stockholm Generalmusikdirektor wurde. Daneben begann seine Karriere als gesuchter Uraufführungsdirigent: In Stockholm leitete er das "Requiem" von György Ligeti, in Köln "Die Soldaten" von Bernd Alois Zimmermann. Nach Stellungen in Brüssel und Amsterdam wurde er 1977 Operndirektor in Frankfurt am Main und schuf hier zusammen mit dem Chefdramaturgen Klaus Zehelein einen neuen Typus des Musiktheaters.Mit Regisseuren wie Hans Neuenfels oder Ruth Berghaus wurden die bekannten Werke des Repertoires neu gelesen, was heute als "Regietheater" die Bühnen überschwemmt und geliebt und gehasst wird, hatte seine Wurzeln zum großen Teil in der Ära Gielen in Frankfurt.Neben den Repertoirewerken verhalf Gielen aber auch bis dahin selten gespielten Opern zur Aufführung: Hector Berlioz, Franz Schreker und Leos Janacek verdanken ihre gestiegene Reputation an deutschen Opernhäusern nicht zuletzt dem Engagement Michael Gielens.Im Publikum war Gielens Wirkung von Anfang bis Ende umstritten - aber gerade das hat natürlich dazu beigetragen, dass die Oper überhaupt wieder ins Gespräch kam. Nach Frankfurt ging Gielen nach Baden-Baden und leitete dort das Orchester des Südwestfunks - das traditionsreichste deutsche Orchester für neue Musik. Die Uraufführungen verschiedenster Komponisten, die Gielen bis 1999 dirigierte, sind kaum zu zählen.Nebenbei erfand er, schon in Frankfurt, die "musikalische Montage", bei der bekannte Werke mit anderen kontrapunktiert werden, das drastischste Beispiel war die Einfügung von Schönbergs "Überlebendem aus Warschau" vor das Finale von Beethovens Neunter. In abgemilderter Form und mit geringerem ethischem Anspruch, stattdessen mit musikgeschichtlicher Lehrabsicht, hat auch das Schule gemacht. Michael Gielen ist einer der wenigen Dirigenten, die das Musikleben nicht bedient, sondern verändert haben.------------------------------Foto: Der Dirigent und Komponist Michael Gielen - ein Miterfinder des geliebten und gehassten Regiemusiktheaters.