Dem einstigen BE-Intendanten Manfred Wekwerth zum 80.: Es fehlt nicht an Gegenstimmen

Dass Manfred Wekwerth alles andere als ein "Wendehals" ist, hat seine Gründe. Heute vor achtzig Jahren als "lediges Kind" einer Kellnerin in der Kleinstadt Köthen geboren, bekam er in Kindheit und Jugend soziale Missachtung zu spüren. Eine Erweckung seines künstlerischen Talents erfuhr er durch den evangelischen Pfarrer Karl Hüllweck nach dem Krieg, in dessen "Totentanzspiel" er mitwirkte. Nach dem Abitur als Neulehrer für Mathematik und Physik angestellt, gründete er bei der "Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft" eine Laienspielgruppe, mit der er 1950 Brechts "Die Gewehre der Frau Carrar" inszenierte. 1951 von Helene Weigel, der Intendantin des 1949 gegründeten Berliner Ensembles, zum Gastspiel nach Berlin eingeladen, wurde er nach der Aufführung prompt von Brecht und Weigel für Regiearbeit engagiert.Seit 1953 Mitglied der SED, wurde er am 17.Juni zusammen mit Elisabeth Hauptmann zum Boten von Briefen Brechts an das ZK der SED und den Berliner Rundfunk, in denen Brecht eine "große Volksaussprache" forderte, sich aber gegen den Versuch wandte, die Regierung der DDR zu stürzen und dabei auch fundamentale Kritik am Westen übte. Von nachhaltigem Eindruck blieben für Wekwerth Brechts Worte auf der BE-Gewerkschaftsversammlung am Tag danach. Die Kunst müsse versuchen, "die Wurzel des Nazismus" (der, so Brecht, am 17. Juni wieder offen zu Tage getreten war, weil er in den Anfängen der DDR verdrängt wurde) "und des Kapitalismus aufzudecken".Die Regiearbeit für ein episches Theater erlernte Wekwerth an der Seite Brechts vor allem bei der Inszenierung des "Kaukasischen Kreidekreises" 1954, der 1955 beim Gastspiel in Paris triumphal gefeiert wurde. Brecht bescheinigt ihm: "Wekwerth ist einer meiner begabtesten Regisseure." Nach Brechts Tod inszeniert Wekwerth zusammen mit Benno Besson Brechts nachgelassenes Stück "Die Tage der Commune" in Karl-Marx-Stadt. Zum Welterfolg sollte 1959 die Inszenierung von Brechts Parabelstück "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" mit Ekkehard Schall in der Titelrolle werden, bei der Wekwerth die Regie noch mit dem Chefdramaturgen Peter Palitzsch teilte. 1960 wurde er zum Chefregisseur des BE berufen.Zum größten Erfolg nach dem Mauerbau wurde 1964 die Regieführung Wekwerths in Zusammenarbeit mit dem neuen Chefdramaturgen Joachim Tenschert und der Choreographin Ruth Berghaus bei der Inszenierung der von Brecht bearbeiteten Shakespeare-Tragödie "Coriolan" mit Weigel, Schall und Hilmar Thate. Sieben Jahre später werden Wekwerth/Tenschert am Londoner Nationaltheater bei der Inszenierung des "Coriolan" dem bis dahin wenig bekannten Schauspieler Anthony Hopkins in der Titelrolle zu Starruhm verhelfen.1969 kommt es zum Bruch mit der Weigel, weil Wekwerth neben Brecht auch die neuen Dramatiker der DDR stärker berücksichtigt sehen möchte, während Weigel noch zu Lebzeiten "den ganzen Brecht" auf die Bühne bringen wollte. Nachdem Wekwerth 1970 an der Humboldt-Universität mit der Dissertation "Theater und Wissenschaft" promoviert hat, nutzt er die 1970er Jahre, um sich in Babelsberg auch als Film- und Fernsehregisseur einen Namen zu machen. 1974 gründet er mit Friedo Solter das "Institut für Schauspielregie", arbeitet aber auch als Regisseur am Deutschen Theater, am Zürcher Schauspielhaus und am Burgtheater Wien.1977 kehrt er als Intendant an das Berliner Ensemble zurück, nachdem Ruth Berghaus, die die Nachfolge der 1971 verstorbenen Weigel angetreten hat, "wegen unerträglicher Atmosphäre" mit den Brecht-Erben zurückgetreten ist. Zum Stellvertreter wird Ekkehard Schall berufen, der auch auf Hauptrollen besteht, denen er, wie bei der Inszenierung von Brechts "Baal", längst entwachsen ist.Das trägt zu dem Ruf bei, das BE sei unter Wekwerth zum "Brechtmuseum" geworden. Tatsächlich stand den Brecht-Aufführungen eine Vielfalt neuer wie klassischer Stücke gegenüber, geprägt auch von neuen Regietalenten, was im Ausland stärker gewürdigt wurde als im gespaltenen Deutschland. Das kam auch in den internationalen Einladungen des BE zum Ausdruck. Die wichtigste, die Einladung nach Israel im Juni 1989, fiel bereits in die Verfallszeit der DDR.Nach der Wende wurde Wekwerth nicht nur wegen seiner Repräsentanz als bekanntester Regisseur der DDR, sondern auch wegen seiner Akademie-Präsidentschaft seit 1982 und seiner Mitgliedschaft im Zentralkomitee der SED seit 1986 angegriffen. Der Kultursenator Ulrich Roloff-Momin begründete 1991 die Abberufung Wekwerths als Intendant: "Durch seine vergangene Tätigkeit ist eine Weiterbeschäftigung Wekwerths an einem Berliner Theater mit dem Grundgesetz der Bundesrepublik nicht vereinbar." Es fehlte nicht an Gegenstimmen, so von Peter Zadek, der die Entfernung Wekwerths auf "Hopplahoppweise" verurteilte, und von Giorgio Strehler: "Wekwerth ist ein Künstler, der die Theorie Brechts in die Theater- und Lebenspraxis umsetzen kann."Wekwerth arbeitete seitdem mit seiner Frau Renate Richter freischaffend an ost- und westdeutschen Theatern, übersetzte Stücke, schrieb selbst welche, trat auch als politischer Publizist in der Zeitschrift "Ossietzky" hervor, veröffentlichte seine Erinnerungen ("Erinnern ist Leben") - und blieb Brecht treu. 2006 bearbeitete er Brechts Versifizierung des "Kommunistischen Manifests" als Rezitativ für Piano, Schlagzeug und zwei Sprecher und brachte es im Theater Karlshorst zur Uraufführung. 2009 veröffentlichte er im Homilius-Verlag ein "Brecht-Handbuch für Spieler, Zuschauer, Mitstreiter und Streiter" unter dem Titel "Mut zum Genuss". Darin versucht er, Brechts Theater "einmal nicht - wie ich es selbst häufig getan habe - hauptsächlich von der Absicht ,eingreifendes Denken' her zu beschreiben, sondern einfach als Wagnis zu besserem Theater."Ich empfände es als versöhnliche Anerkennung einer künstlerischen Lebensleistung, wenn Claus Peymann dem Jubilar anböte, im Berliner Ensemble als seiner künstlerischen Geburts- und Hauptwirkungsstätte ein Brecht-Stück oder Brecht-Programm zu inszenieren!------------------------------"Wekwerth ist ein Künstler, der die Theorie Brechts in die Theater- und Lebenspraxis umsetzen kann." Giorgio StrehlerFoto: Manfred Wekwerth: Aus dem Kind einer ledigen Kellnerin wurde in der DDR der Intendant des Berliner Ensembles und der Präsident der Kunstakademie. Nach der Wende wurde er für seine Ämter und seine ZK-Mitgliedschaft angegriffen.