Das Leben hat keinen Sinn. Nichts hat einen Sinn." Zeit seiner wissenschaftlichen Karriere, zeit seines Lebens ist Claude Lévi-Strauss nicht müde geworden, diese eine elementare Wahrheit zu wiederholen. Unter den Erforschern der Kultur, die das letzte Jahrhundert prägten, ist er der einflussreichste, originellste - und zugleich kälteste gewesen. "Was ist der Mensch?" Diese Frage leitet ihn seit über sieben Jahrzehnten, von den Dreißigerjahren bis in die Gegenwart. In sämtlichen Erdteilen hat er die Formen des Zusammenlebens erkundet, die Strukturen der Natur-Aneignung und der Ausbildung von "Kultur" - und ist immer wieder zu diesem einen Schluss gekommen: "Den Menschen gibt es nicht." Jede Erforschung der menschlichen Kultur, so Lévi-Strauss, führt direkt in den Anti-Humanismus.Am 28. November 1908 als Sohn französischer Eltern in Brüssel geboren, studierte Lévi-Strauss in Paris zunächst Rechtswissenschaften und Philosophie, wandte sich aber Mitte der Dreißigerjahre der ethnologischen Forschung zu. Er übernahm eine Professur in Sao Paulo und verbrachte die Semesterferien damit, zu den "wilden" Volksstämmen ins Innere Brasiliens zu reisen: zu den Caduveo, Bororo, Tupi-Kawahib und Nambikwara. 1939 kehrte er nach Frankreich zurück, im folgenden Jahr musste er nach New York emigrieren, wo er die Bekanntschaft mit ebenfalls exilierten Surrealisten wie André Breton und dem russischen Linguisten Roman Jakobson machte. Beide Begegnungen inspirierten seine ethnologischen Forschungen entscheidend: Die Surrealisten betonten die schöpferischen (und zerstörerischen) Kräfte des Unbewussten in Anlehnung an die Psychoanalyse Sigmund Freuds; Jakobsons Lingustik widmete sich den Strukturen der Sprache, die jeder Sprecher unbewusst beherrschen muss, um den Sinn von Worten und Sätzen zu verstehen - und um sinnvolle Worte und Sätze zu bilden.Diese beiden erkenntnisleitenden Begriffe - die Struktur und das Unbewusste - prägten Lévi-Strauss' Forschung weiter, als er nach dem Krieg nach Paris zurückkehrte und dort eine Professur an der Sorbonne, später am Collège de France übernahm. 1949 erschien seine erste umfassende ethnologische Untersuchung über "Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft" und das Inzestverbot. Warum, so fragte er darin, ist die Ehe zwischen Blutsverwandten - zwischen Bruder und Schwester, Vater und Tochter, manchmal auch zwischen Familienangehörigen entfernterer Grade - in allen menschlichen Gemeinschaften in unterschiedlicher Weise untersagt? Anders als in der Ethnologie bis dahin üblich, erkannte er hinter diesem Verbot nicht die Logik moralischer Werte oder biologischer Befürchtungen (etwa die Angst vor missgebildeten Kindern). In Wahrheit handle es sich hierbei um ein Gebot zur Kommunikation und zum Tausch, "eine Regel, die dazu zwingt, die Mutter, Schwester oder Tochter anderen zu geben," und das heißt: mit jeder Eheschließung den eigenen Verwandtschaftskreis zu erweitern.So erscheint das Inzestverbot in Lévi-Strauss' Theorie als elementares Moment der Gemeinschaftsbildung - es stiftet eine Struktur, die beliebig nebeneinander her existierende Menschen in "sinnvoller" Weise miteinander verbindet. Indem die blutsverwandte Frau nicht mehr als Objekt der Triebbefriedigung angesehen wird, sondern als "Tauschobjekt", gerät sie zum "Zeichen jenes sekundären Bezugssystems, das wir Gesellschaft nennen", so Lévi-Strauss in seiner programmatischen Schrift "Strukturale Anthropologie" aus dem Jahr 1958. Der "Sinn" der Institution lässt sich - anders herum betrachtet - also nur durch die Analyse der umgebenden Struktur ermitteln. Diese Struktur regelt das Zusammenleben der Menschen, ohne dass sie zugleich in ihr Bewusstsein tritt. Sie ist also unbewusst in dem Verständnis, in dem auch - nach der psychoanalytischen Lehre Freuds - das menschliche Ich von seinen unbewussten Wünschen und Vorstellungen gelenkt wird."Das Ich ist nicht Herr im eigenen Hause" , hatte Freud geschrieben. Lévi-Strauss erkundete nun, wie das Wir von seinen unbewusst wirkenden Grundlagen abhängt. Dazu "las" er menschliche Gemeinschaften wie eine symbolische Struktur, ein Zeichensystem oder - letztlich - eine Sprache. Nur so, glaubte er, könne man zu jener unbewussten, sich stetig verändernden Grenze gelangen, an der "Sinnloses" in "Sinn", "Natur" in "Kultur" übergeht oder das eine wieder ins andere regrediert."Strukturalismus" ist diese wissenschaftliche Methode später genannt worden. Neben dem schweizer Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure gehört Lévi-Strauss zu ihren bedeutendsten Vertretern. Saussure hatte in seinen "Grundlagen der allgemeinen Sprachwissenschaft" die Sprache erstmals nicht mehr als historisch gewordene Ausdrucksform analysiert, sondern als System von lautlichen Differenzen, aus deren Spiel sich jede größere sprachliche Einheit und jede Bedeutung überhaupt erst als nachträgliche "Effekte" ergeben. Viele von Lévi-Strauss' späteren Studien kann man als direkte Anwendung dieser Methode betrachten.Zum Beispiel seine Erforschung des Totemismus in den 60er-Jahren. In der älteren Ethnologie war dieser als Vorform religiöser Weltdeutungen interpretiert worden. In der Beziehung "primitiver" Gemeinschaften zu ihren Schutzgeistern zeige sich das Bedürfnis nach Metaphysik, hieß es. Nein, erwiderte Lévi-Strauss: Totemismus rühre nicht aus dem Wunsch nach "Sinn", sondern bringe unbewusste Strukturen der Kommunikation zur Erscheinung. Indem sich eine Gemeinschaft ein Totem erwähle, wolle sie sich von anderen Gemeinschaften mit anderen Totems unterscheiden - um mit diesen wiederum in eine kommunikative Beziehung treten zu können. So ergibt sich der "Sinn" der Schutzgeister nicht aus ihren Eigenschaften (etwa der Kraft des Bärs, die sich auf die Gruppe übertragen soll), sondern aus der Struktur des Austauschs, die sich mit ihrer Hilfe ausbildet.Das ist der Kern des Lévi-Strauss'schen Anti-Humanismus: die Erkenntnis, dass jeder Versuch, nach "letzten Dingen", dem "Sinn des Lebens" oder dem "Wesen des Menschen" zu fragen, sich in der Dialektik des Unbewussten verstrickt. Die Strukturen der Sprache und der Vergemeinschaftung, in denen der Mensch zum Bewusstsein und zu einem Begriff seiner eigenen Identität gelangt - und damit zum Bewusstsein der Unterschiedenheit von der nicht-bewussten Natur -, sind diesem Bewusstsein prinzipiell entzogen. Die Grundlagen unserer Erkenntnis sind uns nicht gegeben.Wäre dieser Begriff nicht so zuschanden, könnte man Lévi-Strauss als konsequenten Nihilisten bezeichnen. Doch erwachsen aus diesem Nihilismus, anders als bei Nietzsche und manchen seiner Schüler, keine Allmachtsfantasien. Es gibt keine andere Philosophie, die sich so gründlich von den Illusionen der Metaphysik und der Religion verabschiedet hat - und zugleich so demütig die Grenzen der eigenen Erkenntnis benennt, die unüberwindbare Unzulänglichkeit aller Versuche, die Welt und sich selbst zu verstehen. Haben wir die Weisheit und Größe, die diese Denkart besitzt, überhaupt jemals richtig begriffen? Heute feiert Claude Lévi-Strauss, der Vater des Strukturalismus, seinen 100. Geburtstag.------------------------------"Ich bin fest davon überzeugt, dass das Leben keinen Sinn hat." Claude Lévi-Strauss------------------------------Foto: Claude Lévi-Strauss, geboren am 28. November 1908 in Brüssel.