Man kam ins Moskauer Konservatorium, Herzenstraße 13, und merkte sofort, ob Rostropowitsch schon da war - dann roch es nämlich nach "Ma griffe", seinem Parfüm. Alle rannten in die 19. Klasse und hofften reinzukommen, auch Pianisten oder Geiger. Wir Cellisten hatten vorher geübt wie die Wilden. Es roch also nicht nur nach "Ma griffe", man hörte auch die Celli brummen.Zehn Jahre war ich in der Klasse von Rostropowitsch, von 1963 bis 1973, diese Erinnerungen prägen das ganze Leben. Am Anfang stand das Küssen. Wir wurden immer alle abgeküsst. Dann ging es sofort los. Eine Lawine von Geist und Fantasie. Das musste man auch aushalten, diesen wahnsinnigen Erwartungsdruck. An technischer Vorbereitung wurde sehr viel verlangt. Dafür gab es einen Assistenten, von dem ich alles erfuhr, was man aufschreiben kann, Fingersätze und Bogenstriche, auch die Charaktere, die Rostropowitsch manchen Stücken gegeben hatte: Das soll ritterlich klingen, das wie ein Liebeslied. In der Stunde machte Rostropowitsch dann alles anders: änderte die Striche und die Assoziationen, aber man war dafür sensibilisiert. Man musste eben reaktionsschnell sein, musste ein Stück so spielen, als ob es das erste Mal wäre.Eine Stunde bei ihm war ein Ereignis. Er wusste alle Register zu ziehen von Intellekt und Geist und Wissen und Herz. Je mehr Leute in der Klasse waren, je besser gespielt wurde, desto mehr wurde er angeregt, desto mehr riss er mit. Er kann ohne Zuschauer nicht leben, ist rastlos, braucht nicht mehr als vier Stunden Schlaf, und den Rest der Nacht zum Organisieren.Unterrichtet hat er immer vom Klavier aus, sehr selten am Cello. Wenn er plötzlich doch Cello spielte, dann war das einmalig. Ich kann die Gelegenheiten an den Fingern abzählen, aber ich kenne jede Sekunde davon. Zum Beispiel Tschaikowskys "Valse sentimentale", wo es viele Wiederholungen dieses kleinen, sich drehenden Motivs gibt: Er hat an diesem kleinen Motiv eine ganze Welt gezeigt. Er spielte nicht gern Cello, weil er Angst davor hatte, die Schüler würden ihn kopieren. Doch man konnte ihn nicht kopieren! Er saß dauernd auf dem Konzertpodium und spielte die tollsten Stücke, und als Schüler dachte man sich: Ich werde auch üben und werde auch so gut sein und noch besser. Dann fing er auch noch an zu loben: "Du hast große Fortschritte gemacht", und man dachte: Oh, man kommt weiter, man kommt ihm nah! Und dann ist er wie ein Komet weg geflogen! Noch weiter! Aber er hat uns mitgezogen.Manchmal ging ich mit einem Fernglas ins Konzert und guckte genau auf seine Finger: Wie macht er dieses phänomenale Spiccato? Dann, zu Hause, konnte ich es auch sofort! Am nächsten Morgen aber ging es nicht mehr . so sehr hing alles von seiner hypnotisierenden Wirkung ab.Er hat immer gesagt, man muss für den Menschen in der letzten Saalecke spielen. Und das tat er auch. Als er Ausreiseverbot hatte, spielte er im abgelegensten Örtchen der Sowjetunion, an der Beringstraße, nur 70 Kilometer von den USA entfernt - für eine einzige Person im Saal. Und da sagte er zum Pianisten Alexander Dedjuchin: "Sascha, spiel lauter, damit man uns in Amerika hört!"Seine außergewöhnliche Cellotechnik ist vom besonderen Bau seiner Hände bestimmt. Seine Mutter hat ihn sehr lange ausgetragen, weit über den Geburtstermin hinaus, und als er sie eines Tages fragte: "Mama, warum hast du mir in all dieser Zeit kein schöneres Gesicht gegeben?" da antwortete sie: "Dafür habe ich an deinen Händen gearbeitet." Und seine Hände sind wirklich bildschön, auch wenn er dirigiert: Ich kenne kaum einen Dirigenten, der so schöne Hände hat. Die Finger sind sehr lang und flach, das erforderte eine neue Technik beim Cellospiel. Als er jung war, sagte man ihm, wer dünne Finger habe, entwickle nicht den schönsten, wärmsten Ton. Doch er fand heraus: Wenn er seine Finger ganz flach auf die Saiten legt, bekommt er nicht nur einen schönen Ton, sondern auch eine unglaubliche Palette an Klangfarben. Sein Spiel ist ja wirklich ungeheuer farbig. Das mussten wir alle bei ihm lernen, die wir von der deutschen Schule kamen, wo man mit den gekrümmten Fingern auf die Saiten greift.Seine Fingersätze sind für mich lange ein Leitfaden gewesen: Sehr rational, alles zielt auf eine Ökonomie des Spiels. Rostropowitsch und Ökonomie, das klingt unvereinbar, absurd! Denn er braucht ja alle Mittel, um sein Ziel, den höchsten Ausdruck zu erreichen. Er sagte: Spiel mit der Nase, mir ganz egal, aber du musst den höchsten Ausdruck erreichen. Doch im Spiel verlangte er höchste Ökonomie, man musste sich mit dem Instrument total verbinden. So hat ihn Marc Chagall auch gezeichnet: als Cello mit dem Gesicht von Rostropowitsch.Natürlich war er kein Lehrer, der zweimal die Woche seine Stunde gab. Er war ständig unterwegs in den USA, in Japan. Aber stellen Sie sich vor, wenn die Klasse einen Brief bekam aus Amerika: "Wie ich euch liebe, wie ich euch vermisse" - wie sehr man dann an sich weiterarbeitete während seiner Abwesenheit! Dann kam er nach zwei Monaten in die Klasse, und - das war sehr gefährlich - konnte wie ein Computer alles exakt abrufen: "Das habe ich dir doch schon letztes Mal gesagt, dass du das nicht so machen sollst!"Er wollte nie stehen bleiben, etwas wiederholen, sagte, man müsse sich immer bemühen, der Beste zu sein. Als er als Student das Fach "Wehrkunde" belegen musste, war er so dünn und abgemagert, in solch schlechter Verfassung, dass man ihn zu den Mädchen steckte, wo er Hebammenkunde lernte: "Und da war ich auch der Beste!" Das ist eine typische Rostropowitsch-Anekdote, in eine perfekte Erzählform gegossen, aber mit einer sehr wichtigen Botschaft: Er hat es uns vorgelebt, dass er immer der Beste sein wollte. Und so hat er auch uns erzogen, als Künstler und als Menschen. Gerade in dieser Zeit, wo man spürte, wie viel menschliche Verantwortung er übernommen hat.Von seinem politischen Engagement haben wir nicht so viel mitbekommen. Als Rostropowitsch sich damals auflehnte, hatte man den Eindruck, ihm werde nichts passieren. Niemand würde es wagen, ihm etwas zu verbieten. Das war ein Irrtum. Er hat immer betont: "Das war eine menschliche Frage. Solschenizyn war jemand, dem man nicht erlaubt hatte, an seinem Ort zu leben. Ich habe ihn aufgenommen und ihm Platz gewährt". Natürlich war ihm bewusst, dass das eine politische Komponente hatte. Die polizeilichen Verordnungen in Moskau verboten den Aufenthalt ohne offizielle Erlaubnis. Für einen Menschen, der lange im Gulag und somit in seinen Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt war, ist es schon ein harter Schlag gewesen, dass er nicht in seinem geistigen Umkreis leben durfte.Eines Tages sickerte durch, dass Rostropowitsch einen offenen Brief an sowjetische Zeitungen geschrieben hätte, in dem er für Solschenizyn, für Schostakowitsch und für die Sache der Kunst seine Stimme erhob. Von da an, 1970, begann eine Periode des Kampfes. Wenn ich ihn besuchen wollte in seiner Datsche, hat er es mir verboten, es sei zu gefährlich. Er wurde die ganze Zeit abgehört und beschattet. In dieser Zeit durften wir uns auch nicht bei ihm zu Hause unterhalten, nicht in seinem Mercedes, der voller Wanzen steckte. Nur in seinem kleinen Auto, da, so war er überzeugt, war es sicher.Oft wurde sein Name nicht mehr erwähnt in der Presse. Man las: "Es war ein wunderbares Konzert, am meisten hat dem Publikum das Cellokonzert von Dvorak in der Interpretation des Orchesters gefallen." Aber die sowjetischen Menschen haben natürlich das Doppelbödige solcher Formulierungen verstanden. Für Rostropowitsch war es schlimm, ich weiß, dass er darunter gelitten hat. Einmal trat er mit Swjatoslaw Richter in Moskau auf; Benjamin Britten war mit einem englischen Orchester gekommen und hatte erklärt, er würde nicht auftreten, wenn Rostropowitsch nicht spielt. Es war ein unglaubliches Konzert. Natürlich wurde sein Name nicht erwähnt in der Prawda, aber am Ende des Artikels hieß es: "Das Publikum hat den beiden großen sowjetischen Künstlern Riesenapplaus geschenkt." Jetzt ist die Frage: Wurde dieser Satz übersehen, vergessen - da stand ja "beide", und vorher war nur von Richter die Rede gewesen - oder hat man ihn absichtlich stehen lassen?Schließlich ist es so hart geworden, dass er das Handtuch warf und die Ausreise beantragte. Dieser Moment war auch für meine Frau Tatjana und mich entscheidend, denn in diesem Moment war für uns die Sowjetunion erledigt. Das einzige, was uns so lange gehalten hatte, war Rostropowitsch: Seine Persönlichkeit, sein "Ma griffe", sein Geist. Er war für uns der Leitstern. Als er und seine Frau gingen, sagten wir uns: Dann gehen wir jetzt auch.Wir haben uns damals verabredet, dass wir uns wiedersehen würden, und in der Tat hat er mir unglaublich geholfen, mich zu seinem Orchester nach Washington eingeladen, mich auf die Beine gestellt im Westen. Und jetzt sind wir zu seinem 80. Geburtstag in Moskau, gestern spielte ich am Moskauer Konservatorium ein Galakonzert zu seinen Ehren, dann war Empfang beim Präsidenten.Rostropowitsch hat sich immer dafür interessiert, wie sich mein musikalisches Leben so entwickelt. Einmal, in den 80er-Jahren, bekam ich in Detroit eine Kritik, da hieß es: Er ist nicht umsonst Schüler von Rostropowitsch, er spielt wie sein Lehrer! Die zeigte ich ihm, und er sagte: "Ja, aber wenn man einmal schreibt, dass du besser spielst als dein Lehrer - das zeig mir besser nicht".Aufgeschrieben von Jan Brachmann und Wolfgang Fuhrmann.David Geringas ist Professor für Violoncello an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" Berlin.------------------------------Der Cello-WeltmeisterMstislaw Rostropowitsch, der berühmteste Cellist der Welt, wurde am 27. März 1927 in Baku geboren. Mit 19 Jahren unterrichte er am Moskauer Konservatorium. 1955 heiratete er Galina Wischnewskaja, die Primadonna des Bolschoi-Theaters.Die renommiertesten Komponisten des 20. Jahrhunderts haben für ihn geschrieben: Prokofjew, Schostakowitsch, Britten, Penderecki, Lutoslawski, Schnittke, Dutilleux. Zu seinen Schülern zählen Mischa Maisky, Natalia Gutman und David Geringas.Nach 1969 fiel Rostropowitsch in der Sowjetunion in Ungnade, als er Alexander Solschenizyn bis zu dessen Ausbürgerung 1973 in seiner Datsche bei Moskau beherbergte und sich in einem offenen Brief (1970) für die Freiheit der Kunst einsetzte. Er wurde zunächst mit einem Auftrittsverbot belegt und 1978 während eines Auslandsaufenthalts gemeinsam mit seiner Frau ausgebürgert.Kurz nach dem Mauerfall kam er spontan nach Berlin und spielte Bach am Checkpoint Charlie. 1990 kehrte er in die Sowjetunion zurück und erhielt seine Staatsbürgerschaft wieder. Berühmt wurde sein Engagement auf den Straßen Moskaus während der Revolte gegen Gorbatschow im August 1991. Zu seinem 80. Geburtstag hat die Deutsche Grammophon eine 8-CD-Box "The Glory of Rostropovich" veröffentlicht.------------------------------Foto: Eine Lawine von Geist und Fantasie: Mstislaw Rostropowitsch.