Der Albtraum jeder Online-Redaktion - beim Kölner Musikmagazin Spex wurde er wahr. Während eines technischen Routine-Vorgangs ging der gesamte Internet-Auftritt des Heftes verloren. Die Spex-Redaktion steht Kopf und machte zunächst das Beste aus der Misere - Netz-Avantgarde.Eigentlich wollte lediglich der Provider den Rechner, auf dem sämtliche Spex-Websites lagern, erneuern. Dabei wurden sämtliche Daten komprimiert und auf einem anderen Rechner gespeichert. Routine. Doch dann das: "Beim Wiederöffnen des Archivs ist wohl durch ein Zusammenspiel dummer Zufälle der gesamte Datenbestand kaputt gegangen", sagt der Online-Chef des Magazins (Auflage: 30 000), Carsten Sandkämper. Sicherheitskopien existieren nicht. Alles ist weg bei www.spex.de.Für die Redaktion ist das eine Katastrophe. Erst Anfang Mai wurde ihr Auftritt neu gestaltet. Danach fanden sich auf den Spex-Seiten, verpackt in schlicht-modernem Design, CD-Rezensionen, News, Berichte über Musiker, ein rege frequentiertes Forum, Audio- und Video-Streams. Etwa 300 000 Seitenaufrufe zählten die Macher in guten Monaten. Dass die Seiten nun unwiederbringlich im virtuellen Orkus stecken, "tut uns gewaltig weh", sagt Sandkämper. Viele Spex-Surfer, so fürchtet er, weichen nun zu den Auftritten der Konkurrenzmagazine (Intro und Visions) aus. Was also machen, wenn der Auftritt im Eimer ist, die Surfer verwirrt sind? Netz-Anarchie, dachten die Spexer. Deswegen explodierte auf der Startseite mit einem saftigen Krachen des Spex-Logo und Besucher lasen: "Drehen die Online Spinner jetzt total am Rad? Anarchiewochen bei Spex. Es kann nur noch schlimmer werden." Auf der Behelfs-Homepage fanden sich nun diverse Worte, unter den sich Links zu anderen Seiten verbergen. Wer auf "Lesen" klickte, fand Texte von und über Max Goldt. Unter "Wischen" präsentierte sich lediglich ein Stück weißes Klopapier. Außerdem schrieb jeden Tag ein Spex-Redakteur in genau 666 Sekunden einen Text, der hernach unbearbeitet abgedruckt wurde, was sich dann recht chaotisch las. Der Online-Gau wurde mit keinem Wort erwähnt. Improvisationsvermögen und eine Portion Fatalismus machen eben manche Panne leichter. Katastrophen jedoch nicht. Drum gaben die Spexer am vergangenen Mittwoch die Anarchie auf und informierten lieber mit Augenzeugenberichten und Kommentaren über die tragischen Geschehnisse in New York. Anfang dieser Woche soll nun die Anarchie weitergehen. Um zumindest einen kleinen Teil des üblichen Online-Programms zu bieten, soll in den nächsten Tagen das eiligst zusammengeschusterte Spex-TV anlaufen. Wie das aussehen wird, wussten die Spex-Redakteure am Wochenende selber nicht. Auch nicht, wann wieder Foren, News, Audio-Streams und Rezensionen auf die Surfer warten werden. "Das wird auf jeden Fall noch Wochen dauern", sagt Online-Chef Carsten Sandkämper.SPEX/BERLINER ZEITUNG Fast leere Seiten: Das provisorische Online-Angebot von Spex. de.