Im September 1961, nach dem Bau der Mauer, stand Berlin ganz im Zeichen des Kalten Krieges. Kurz vor meinem Besuch erwartete ich überall Panzer auf den Straßen. Was kommt da auf mich zu? Doch längst nicht überall waren Unruhe und Gereiztheit zu spüren. Entspannt und gediegen ging es stattdessen im vornehmen Restaurant des Maison de France auf dem Kudamm zu. Damals galt dieses Restaurant als das beste am Platz. Mein Gastgeber und Gesprächspartner war der stellvertretende Kommandant des britischen Sektors. Als Redakteur der BBC war ich mit dem Auftrag von London in die Frontstadt geschickt worden, über die Stimmung in Berlin eine Reportage zu verfassen. Am besten, dachte ich, höre ich mir zu Beginn an, was die Vertreter Ihrer Majestät dazu zu sagen haben. Das Gespräch war interessant, aber aus journalistischer Sicht frustrierend. Was dieser überaus freundliche britische Offizier off the record, also vertraulich, mitteilte, war zwar spannend, aber weit entfernt von dem, was ich on the record, also offiziell, berichten durfte - das nämlich, was ohnehin weltweit schon bekannt war: "Wir verurteilen aufs Schärfste diesen Bruch des Viermächteabkommens über Berlin, diese Verachtung der Menschenrechte, diese Einsperrung der Bevölkerung des Pankower Regimes. Und wir sehen diese Mauer im weiteren Rahmen als Eskalation des Kalten Krieges durch die letztlich verantwortliche Sowjetunion".Off the record - mit dem Hinweis, keinesfalls davon Gebrauch zu machen, auch nicht zwischen den Zeilen - hörte ich fast das genaue Gegenteil: "Wir Westmächte sind über den Mauerbau eigentlich erleichtert. Für absehbare Zukunft ist Westberlin gesichert. Der destabilisierende Flüchtlingsstrom war einfach nicht mehr tragbar. Ein ökonomischer Zusammenbruch Ostdeutschlands hätte eine unkalkulierbare sowjetische Reaktion ausgelöst. Die Gefahr eines neuen Krieges ist nun erst einmal gebannt. Zwar hat uns der Zeitpunkt des Mauerbaus überrascht, nicht aber die Mauer an sich. Die Sowjets wussten sehr wohl, dass sie keine westlichen Gegenmaßnahmen zu befürchten hatten. Und schlussendlich hat man uns mit der Mauer auch noch eine nützliche Propagandawaffe geliefert".Ein Jahr später hatte die Welt längst gelernt, mit der Mauer zu leben. Am 3. Dezember 1962 war ich wieder in Berlin zu Besuch, diesmal im Auftrag der noch jungen Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Es ging Amnesty um die Befreiung Heinz Brandts, des damals prominentesten politischen Häftlings der DDR. Als Alt-Kommunist und ehemaliger Berliner Parteisekretär der SED zuständig für Propaganda und Agitation, hatte Brandt sich 1958, als seine Verhaftung drohte, mit seiner Familie in den Westen abgesetzt. Der Stalinismus Ulbrichts war ihm wie seinem Freund Wolfgang Leonhard zuwider geworden. Dafür hatte er nicht zehn Jahre lang als Gefangener Hitlers gelitten. Brandt war nach innerparteilichen Auseinandersetzungen 1954 aus der Partei und allen Ämtern entlassen worden. Dennoch empfand Walter Ulbricht seine Flucht nicht nur als politischen, sondern auch als persönlichen Verrat. Als Heinz Brandt kurz vor dem Mauerbau im Auftrag seines Arbeitgebers IG Metall nach Westberlin fuhr, wurde er von Stasispitzeln, die sich als Freunde tarnten, betäubt, entführt und nach Ostberlin verschleppt. In einem Geheimprozess wurde er zu dreizehn Jahren verurteilt. Weltweite Proteste setzten ein. Dieser Häftling ließ dem Regime keine Ruhe.Nach vielen Anläufen erklärte sich der Staatsratsvorsitzende der DDR schließlich dazu bereit, unter strenger Geheimhaltung über Brandt zu verhandeln. Solch ein Unterfangen war nur unter dem Deckmantel der Friedensbewegung denkbar, und zwar über die bestehenden Kontakte zwischen dem staatlichen Friedensrat der DDR und der britischen Anti-Atomwaffenbewegung CND. Dessen damaliger Präsident war Pfarrer John Collins, Domherr der Londoner Sankt Pauls Kathedrale. Walter Ulbricht willigte ein, ein Gespräch mit Collins und mir unter der Bedingung zu führen, es handele sich dabei um eine Friedensdelegation. Wir willigten ein, wohl wissend, dass wir die Propagandabegleitmusik der DDR in Kauf nehmen müssten. Die Befreiung eines Menschen war uns das wert.Von der Aktuellen Kamera des DDR-Fernsehfunks begleitet, verewigten wir uns im Ehrenbuch des Roten Rathauses. Die Stadtbesichtigung führten auch zum Brandenburger Tor. Als wir uns ins Gästebuch des Kommandeurs der Grenztruppen eintragen sollten, war das Maß des Erträglichen überschritten. Der Mauer auf diese Weise unseren Segen zu erteilen, das ging zu weit. Hatten wir mit dieser Weigerung die Chance auf ein Gespräch mit dem SED-Chef verspielt, fragten wir uns.Nein, alsbald fuhren wir hinter verdunkelten Scheiben zum Schloss Schönhausen, wo uns ein Mensch empfing, der das Schicksal Heinz Brandts in der Hand hatte. Wir wussten allerdings: Über den Inhalt dieses Gesprächs dürfte nichts an die Öffentlichkeit dringen, sonst wäre alles verspielt.Walter Ulbricht empfing uns in Anwesenheit von Albert Norden, seinem Propagandachef, und Otto Winzer vom Außenministerium. An einem runden Tisch wurde Kaffee serviert. Das Gespräch dauerte zweieinhalb Stunden. Nur die letzte halbe Stunde galt Heinz Brandt. Der Staats- und Parteichef wollte uns unbedingt über seine "Friedenspolitik" aufklären. Er allein hatte das Wort.Ulbricht gab sich freundlich, staatsmännisch souverän. Die Inhalte seiner Selbstrechtfertigung waren für uns überraschend. Vom Sprachstil des Neuen Deutschland keine Spur. Wir sollten nun auch Ulbricht off the record erleben. Streng sinngemäß, wenn auch nicht ganz wörtlich, zitiere ich: "Mein Staat war gefährdet. Die bürgerlich erzogene Bevölkerung, die noch kein Verständnis für den Sozialismus entwickelt hat, floh in Scharen davon. Krankenhäusern fehlten Ärzte, die ganze Wirtschaft war bedroht. Zur Rettung des sozialistischen Lagers - und damit des Weltfriedens - war die Mauer (sic! - das Wort Schutzwall kam nicht vor) eine tragische Notwendigkeit".Frage an Ulbricht: "Hätten Sie mit einer liberaleren, menschenfreundlicheren Politik, wie sie neuerdings von Chruschtschow praktiziert wird, nicht das Gleiche erreichen können?" Antwort: "Der da hinten (wörtlich!) kann sich allerhand leisten. Ich sitze an vorderster Front. Ein Soldat im Schützengraben zündet keine Zigarette an. Nur auf diese Weise konnte ich den Sozialismus retten. Die Früchte werden kommende Generationen ernten. Ich werde das nicht mehr erleben, ich muss den Hass meiner Bürger auf mich nehmen."Ich fragte: "Sind die Schüsse an der Mauer nicht ein viel zu hoher Preis?" Ulbrichts Antwort: "Auch da bleibt mir keine Wahl. Es wird zwar nicht immer geschossen, wie die Statistik beweist, aber ohne Schießbefehl hätten wir die Mauer gar nicht erst zu bauen brauchen. Jeder Schuss an der Mauer ist zugleich ein Schuss auf mich. Damit liefere ich dem Klassenfeind die beste Propagandawaffe. Den Sozialismus und damit den Frieden aufs Spiel zu setzen, würde aber unendlich mehr Leben kosten."Siehe da: Der Weg vom Speisesaal im Maison de France zur Kaffeerunde im Schloss Schönhausen war gar nicht so weit. In Ost wie West verschanzte man sich hinter dem Argument vom gefährdeten Frieden. Es wurde nun höchste Zeit, über Heinz Brandt zu verhandeln, der eigentliche Sinn dieser Begegnung. Die Stimmung änderte sich schlagartig. Darüber wollte Ulbricht eben doch nicht sprechen. "Herr Ulbricht, Sie halten Heinz Brandt zu Unrecht gefangen. Von Ostberlin nach Frankfurt am Main zu ziehen, ist kein Verbrechen. Dreizehn Jahre Einzelhaft ist nicht Recht, sondern Rache. Befreien Sie diesen unschuldigen Menschen, der alles andere ist als ein westlicher Kaltkrieger. Nehmen Sie bitte diese Akte über den Fall entgegen, reichen Sie die Akte Ihrem Justizminister und sorgen Sie dafür, dass Brandt baldmöglichst auf freien Fuß gesetzt wird - auch um des Friedens willen." Ulbricht war offensichtlich verärgert. "Wie kommen Sie dazu, diesen Verräter, der ohne Zweifel zu Recht inhaftiert ist, zu unterstützen? Wie soll das dem Frieden dienen?"Ulbricht versprach nichts, nahm aber trotzdem unsere Dokumentation entgegen. Wir ahnten, er wird widerwillig nachgeben, wenn auch nicht sofort. Nicht dreizehn Jahre musste Heinz Brandt in Haft bleiben, sondern drei. Immer noch drei zu viel. "Meine Herren", rief uns Ulbricht zuletzt noch nach, "Sie sind beide Christen. Dieser Brandt ist das ganz bestimmt nicht. Was geht er Sie an?" - "Herr Ulbricht, er ist ein Mensch."In der Tat war er ein Mensch einzigartiger Aufrichtigkeit und Güte. Er blieb der überzeugte Verfechter eines humanen Sozialismus, den Stalin und seine Gefolgsleute verraten hatten. Brandt glaubte, was nun in den Moskauer Akten erwiesen ist, dass Stalins Angebot einer "österreichischen Lösung" (also Einheit, aber Blockfreiheit) für Deutschland ernst gemeint war. Schon damals hätte Ulbrichts Herrschaft beendet werden können. Aber der Westen hatte an der deutschen Einheit kein Interesse und muss damit auch für die Mauer ein Stück Verantwortung tragen.Paul Oestreicher, geb. 1931 in Meiningen, musste 1939 als Kind mit seiner Familie aus Deutschland emigrieren. Der Politologe und Pfarrer arbeitete vier Jahre für die BBC, bevor er Osteuropa-Referent des Britischen Kirchenrates wurde. Von 1985 bis 1998 leitete er das Internationale Versöhnungszentrum Kathedrale von Coventry. Er ist Gründungsmitglied von Amnesty International.------------------------------Foto: Amerikanische Panzer am Checkpoint Charlie, August 1961