Er war klein und spillerig und trug immer zu große Jacketts. Am Zeichnertisch wie beim Gehen machte er eine leichte Hucke. Das riesige Hornbrillengestell verlieh dem gütigen Gesicht unter den ein wenig abstehenden dünnen Haaren etwas Eulenhaftes: Es wirkte scharf und weise. Und so war auch sein Strich, den noch eine Vorliebe fürs entschlossen Knappe charakterisierte, verbunden mit Lapidar-Symbolischem, leicht Lesbarem.Heute jährt sich Herbert Sandbergs Geburtstag zum 100. Mal, was etliche Ausstellungsorte der Stadt zum Anlass für Ehrungen nehmen. Dieser Künstler konnte ausgesprochen rasch in Gesichtern, in Haltungen, Gesten und Posen lesen. Er schaute sich Charaktere heraus. Und das waren in seinem Zeichnerleben - 1991 starb der gebürtige Posener Jude - eine Menge bekannter, beliebter und verhasster Leute. Sandberg, der in den 1920ern in Breslau die Kunstakademie absolviert hatte, kam 1928 nach Berlin und wurde Pressezeichner bei liberalen und linken Blättern. Wegen seiner spitzen Hitler-Karikaturen kam das junge KPD-Mitglied 1934 ins Zuchthaus - das Urteil lautete "Vorbereitung zum Hochverrat" - und 1937 schließlich ins KZ Buchenwald. Er trug auf dem gestreiften Drillich den gelben Stern und das rote Dreieck und hat doch, irgendwie, das Todeslager überlebt. Als erstes gründete er nach der Befreiung mit dem Schriftsteller Günter Weisenborn die Satirezeitschrift "Ulenspiegel" . Später gab Sandberg als "Frecher Zeichenstift" im Ostberliner "Magazin" Pointiertes zur alten und neuen Zeit ab.Der journalistische Geist in diesem Künstler, der in den 1950ern auch die Zeitschrift "Bildende Kunst" leitete, gab nie Ruhe. Kein Thema war ihm zu gering, um es nicht ästhetisch zu kommentieren, und wenn er gefragt wurde, welcher Tradition er sich dabei verpflichtet fühle, dann fielen Namen wie Goya, Daumier, Grosz - und Zille. Zu Sandbergs Meisterleistungen zählt ein hommagehaftes Kafka-Porträt aus den 1950ern; es entstand gleichsam als Bekenntnis - in einer Zeit nämlich, da der jüdische Prager Dichter in der Stalinzeit zum Mittelpunkt erbittertster Auseinandersetzungen um politischen "Revisionismus" und künstlerische "Dekadenz" gemacht wurde.Der theaterbesessene Sandberg war mit Grafikern wie John Heartfield und Musikern wie Hanns Eisler ebenso befreundet wie mit Brecht. Sein "Brecht-Skizzenbuch" enthält schönste Beispiele dieser Beziehung. Fast alle BE-Inszenierungen jener Zeit wurden Zeichnerstoff. Zu Brechts "Anachronistischem Zug" radierte er eine markante Serie. Auch die KZ-Zeit reflektierte Sandberg schmerzlich-bissig in der Grafikfolge "Der Weg". Die Kunst war dem bis ins hohe Alter Agilen, der auch an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig lehrte und 1983 Akademiemitglied wurde, ein operatives Medium, mit dem er seine Überzeugungen weitergab. Unlängst überließen Herbert Sandbergs Erben sein Archiv mit dem künstlerischen wie schriftlichen Nachlass der Akademie der Künste.Ausstellungen: Akademie der Künste, Pariser Platz 4: Vitrinenschau "Mit spitzer Feder", bis 31. Mai, tgl. 10-22 Uhr. Kunststiftung Poll, Gipsstr. 3: "Aus finsteren und kalten Zeiten", Vernissage heute, 19 Uhr, bis 17. 7., Di-Sa 15-18 Uhr. Galerie F 92, Pfefferwerk, Fehrbelliner Str. 92: Politische & satirische Grafik, Vernissage 20 Uhr, bis 6. 6. Mi-Sa 10-19 Uhr.------------------------------Foto: Ironische Sicht: "Selbstbildnis", 1946, Feder, Tusche auf Papier.------------------------------Foto: Sandberg-Holzschnitt zu Einheit und Kampf der Widersprüche: "Verschiedener Meinung", 1948.

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