Eine Million Menschen leiden in Deutschland an einer Demenzerkrankung, bei 70 Prozent wurde Alzheimer festgestellt. Fast immer sind es Menschen über 65 Jahre. Schon vor fast 20 Jahren hat eine Studie der amerikanischen Massachusetts-Universität gezeigt, dass bereits Menschen mit leichter Demenz bei Fahrtests schlechter abschneiden und öfter an Verkehrsunfällen beteiligt sind. Statistisch fiel das lange nicht auf, da sie kürzere Strecken fahren und im Vergleich zu Fahranfängern immer noch weniger Unfälle verursachen. In Deutschland hat die Diplom-Psychologin Christine Gudelius an der Universität Köln jüngst Patienten mit einer beginnenden Alzheimer-Demenz untersucht und einer Fahrprobe unterzogen. Handfeste Kriterien, so das 2009 veröffentlichte Ergebnis, hat Gudelius zwar nicht finden können. Es gebe keinen "Wert X", ab dem das Autofahren zu riskant wird und unbedingt vermieden werden müsse. "In den ersten zwei bis drei Jahren der Erkrankung passieren häufig nur Bagatellunfälle, dann kommt es plötzlich zu gravierenden Fahrfehlern", sagt sie. Zudem werde die Erkrankung häufig erst spät erkannt. Dennoch weisen verschiedene Anzeichen schon früh auf eine schwindende Fahrtauglichkeit hin. Die Demenz-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin nennt als Beispiel, dass sich die Person häufiger als sonst verfährt. Auch wenn die Zahl der Verkehrsunfälle oder der Verstöße gegen die Verkehrsordnung zunehmen, sollten die Angehörigen aufmerksam werden. Wenn der ältere Mensch von sich aus weniger Auto fährt als früher oder bestimmte Fahrsituationen wie etwa Fahrten bei Regen oder in der Nacht vermeidet, kann dies auf eine Demenz hindeuten. Wie Matthew Rizzo, amerikanischer Forscher an der Iowa-Universität, 2004 berichtete, schauten die von ihm untersuchten Patienten während der Fahrt häufiger über die Schulter, um sich zu vergewissern, wo sie gerade sind. Dabei wichen sie mit ihrem Wagen oft von der Fahrspur ab. "Menschen mit leichter Demenz können den Abstand zum Fahrzeug vor ihnen schwerer einschätzen", ergänzt Expertin Gudelius. "Insgesamt fahren sie sehr vorsichtig und langsam, manchmal zu langsam. Das kann insbesondere junge Autofahrer zu riskanten Überholmanövern verleiten." Während die Reaktionszeiten von Alzheimer-Patienten noch lange gut sind, verlieren sie schon mit Beginn der Erkrankung ihr Orientierungsvermögen und den Überblick. "Automatisierte Abläufe sind noch gut erhalten", sagt Gudelius, "daher kommen sie mit bekannten Fahrstrecken häufig gut zurecht." Im weiteren Verlauf nehmen Aufmerksamkeit und Urteilungsvermögen jedoch ab, die Orientierung im Raum wird schwieriger. Die Erkrankung ist nicht umzukehren -es folgt immer der vollständige Verlust der Fahreignung. Da bei Demenzerkrankten die eigene Urteilsfähigkeit eingeschränkt ist, kommt man als Angehöriger mit Appellen oft nicht weit. "Dann müssen die Verwandten zu drastischen Mitteln greifen und die Autoschlüssel wegnehmen", sagt Christine Gudelius. Auch können Ausreden den praktischen Umgang mit dem Erkrankten im Alltag erleichtern. So kann man ihnen etwa sagen, dass die Medikamente, die jemand einnehmen müsse, die Fahrtauglichkeit einschränken oder dass das Auto gestohlen worden sei. Ist die Demenz noch mild ausgeprägt, kann ein Fahrtest sinnvoll sein. Die Betroffenen sind nach den Erfahrungen von Gudelius dann mit einer solchen Prüfung einverstanden, wenn nicht die Angst besteht, dass der Führerschein sofort entzogen wird. Denn der Verlust an Mobilität im Alter kann Menschen unzufrieden machen oder Depressionen erzeugen. Gudelius: "Es ist im Einzelfall schwierig abzuwägen, ob man einen dementen Menschen weiter auf bekannten Strecken fahren lässt." Geschieht ein Unfall, sind Menschen mit der Alzheimer-Krankheit für den angerichteten Schaden nicht immer selbst verantwortlich. Die Folge: Weil nach den Bestimmungen für die Kraftfahrzeugversicherung durch "Geistesstörung" verursachte Unfälle nicht unter den Versicherungsschutz fallen, kann eine Auto-Haftpflichtversicherung die Schadenssumme vom Erkrankten zurückfordern. ------------------------------ INFORMATIONEN Demenz-Leitlinie: Siehe Informationsseite des Universitätsklinikums Freiburg zum Thema Demenz für Betroffene, ihre Angehörigen, Pflegepersonal und Ärzte. www.demenz-leitlinie.de Broschüre: Leitlinie "Demenz" der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, Dt. Alzheimer-Gesellschaft, Friedrichstraße 236, Mitte. www.deutsche- alzheimer.de Alzheimer-Telefon: Bundesweite Beratung Tel. 01803-17 10 17 oder Tel. 259 37 95 14, besetzt von Montag bis Donnerstag von 9 bis 18 Uhr, Freitag von 9 bis 15 Uhr. ------------------------------ Foto: Die meisten Alzheimerkranken sind älter als 65 Jahre. Routinestrecken bewältigen sie noch gut, dennoch nimmt das Orientierungsvermögen deutlich ab.