Vor Ort, als nach Einbruch der Dunkelheit ein Lichtermeer aus Kerzen den Erfurter Domplatz erleuchtete, erschien die Aktion der Thüringer CDU noch als überaus gelungen. 4000 Menschen waren gekommen, um gegen eine Landesregierung unter Führung der Linkspartei zu demonstrieren. Vor allem, weil es sich dabei um die Nachfolgepartei der SED handelt. Viele ältere Demonstranten erinnerten friedlich an DDR-Unrecht, Ost-Bürgerrechtler sprachen, aber auch junge Eltern mit Kindern zeigten sich „verletzt und betroffen“. Und das am 9. November, dem Jahrestag des Mauerfalls in Berlin.

Ein veritables Eigentor

Tags darauf erschien das Ganze schon nicht mehr so gelungen: Videos und Fotos von der Demonstration zeigen, dass auch Neonazis und Anhänger der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland mitliefen. Laut Erfurts Polizeisprecher Dominique Schuh nahmen auch Mitglieder der rechtsextremen Freien Kräfte und der NPD-Jugendorganisation teil. Gegendemonstranten wurden angefeindet. Es wurde skandiert „Stasi raus!“, aber auch „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“. Und das am 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht.

Nicht nur die Linkspartei befand an diesem Montag, dass die Thüringer Union – die zu der Demo unter dem Titel „Wir verwandeln den Domplatz in ein Lichtermeer gegen Rot-Rot-Grün“ aufgerufen hatte – damit ein veritables Eigentor geschossen hat. „Der CDU war es wichtiger, gegen die Linke zu demonstrieren, als zu verhindern, dass sie Seit’ an Seit’ mit AfD und NPD marschiert“, sagte die Fraktionsgeschäftsführerin der Linken im Bundestag, Petra Sitte, dieser Zeitung – und fügte genüsslich an: „Das ist ein merkwürdiges Demokratieverständnis und es ist interessant, dass ausgerechnet diese CDU meint, sie müsse uns belehren.“

SPD zurückhaltender

Die Piratenpartei und die Grüne Jugend kritisierten die Demo als „Geschmacklosigkeit“ und „Missbrauch eines wichtigen Gedenktages“. Weil bei der Demo auch einige enttäuschte Sozialdemokraten mitliefern, die als Rot-Rot-Grün Gegner bei der internen Abstimmung klar unterlagen, äußert sich die Thüringer SPD zwar zurückhaltender. In einer Demokratie könne jeder seine Meinung äußern, sagte der designierte Landeschef Andreas Bausewein dieser Zeitung. „Allerdings wird das Thema extrem zugespitzt. Die Befürworter von Rot-Rot-Grün schweißt das sicher noch stärker zusammen.“ Auch der Thüringer SPD-Fraktionschef Matthias Hey zeigte Verständnis für die Skepsis gegenüber der Linken. „Wir glauben jedoch, dass wir es mit einer demokratisch verfassten Partei zu tun haben“, so Hey. Einige Sprechchöre seien hingegen „einer modernen Demokratie unwürdig gewesen.“

Entsprechend konsterniert ist nun die Thüringen-CDU. „Die Veranstalter haben sich vom ersten Tag an in aller Klarheit gegen den Missbrauch durch Extremisten gestellt“, sagte Generalsekretär Mario Voigt dieser Zeitung. „Der Versuch, nun 4?000 Demokraten mit 30 Extremisten in einen Topf zu werfen, ist allzu durchsichtig.“ Nur, weil einigen die geäußerte Meinung nicht passe, versuche man, die Demonstration zu diskreditieren.