Jochen Gartz wirkt mit seinem Poloshirt und der weißen Hose wie ein Biedermann, der sich auf eine Karnevalsparty verirrt hat. Auf dem Kongress, auf dem der Chemiker seinen Vortrag halten wird, tragen die Wissenschaftler keine Anzüge, sondern Batik-T-Shirts in bunten Farben, Stirnbänder und schwarze Lederhosen. Dazwischen tummeln sich junge und alte Hippies, nietenbewehrte Rocker und verstrahlte Drogen-Jünger.Der Kongress heißt "Entheovision", ein halb griechischer, halb lateinischer Begriff. Er bedeutet etwa: "Das Göttliche in sich selbst erkennen". Es geht um Drogenpflanzen: vom Hanf, aus dem Haschisch gewonnen werden kann, über Pilze mit psychoaktiv wirkenden Inhaltsstoffen bis hin zu noch fremden Gewächsen, die Naturvölker gebrauchen, um sich bei Ritualen in Trance zu versetzen. Der zottelige Ethnobotaniker Christian Rätsch hat auf dem Kongress schon referiert und der amerikanische LSD-Forscher Alexander Shulgin. Nächstes Wochenende findet "Entheovision" zum vierten Mal statt, im Botanischen Garten Berlin. Das ist praktisch, die Anschauungsobjekte wachsen vor der Tür.Viele der Wissenschaftler entstammen der Generation der Spontis, der Woodstock-Generation. Jochen Gartz schlägt aus der Art. Der 54-Jährige trägt sein Haar korrekt gescheitelt, seine Wangen sind glatt rasiert. Er kommt aus Leipzig und spricht mit sächsischem Zungenschlag. Jochen Gartz war Mitglied der Akademie der Wissenschaften der DDR, hat zwei Doktortitel auf dem Gebiet der Chemie, war SED-Mitglied.In der Szene der Drogenfreunde ist Jochen Gartz ein Star. Seine Publikationen über Pilze, die das dem LSD ähnliche Psilocybin enthalten, werden in Internet-Foren eifrig diskutiert, er spricht auf dem Mushroom Day oder dem LSD-Symposium. In den 90er-Jahren, als die Droge Ecstasy aufkam, entdeckte die Szene auch die sogenannten Zauberpilze oder Magic Mushrooms. Wer sie isst, erleidet eine Art Psychose, Wahrnehmungen verwischen, Halluzinationen treten auf. Über den Wirkstoff, die verschiedenen Pilzarten und ihre Vorkommen war recht wenig bekannt. Es erscheint kurios, dass mit Jochen Gartz sich ausgerechnet ein DDR-Forscher als der führende Experte für jene Drogenpilze entpuppte.Ein Zufall hatte den jungen Wissenschaftler auf die Spur der Zauberpilze gebracht. Anfang der 80er-Jahre arbeitete Jochen Gartz beim Arzneimittel-Kombinat in Leipzig. "Analyse" nannte man vornehm, was in der Praxis bedeutete, Formeln von patentierten Medikamenten aus dem Westen zu knacken. Nach zwei Jahren wechselt er in die Akademie der Wissenschaften, in das Institut für Biotechnologie. "Ich dachte, da warten die großen Forschungsthemen", sagt er. "Es gab aber keines."Eines Morgens fiel sein Blick auf eine Zeitungsmeldung. In der Nähe von Berlin habe es ungewöhnliche Pilzvergiftungen gegeben. Niemand könne die Pilze bestimmen, die Vergifteten seien extrem euphorisch und ausgelassen gewesen. Jochen Gartz, leidenschaftlicher Pilzsammler, horchte auf. Stoffe, die extreme Dinge bewirken, haben sein Interesse seit jeher geweckt. Seine erste Doktorarbeit schrieb er über TNT und Dynamit. Er schlug seinem Vorgesetzten vor, sich mit den rätselhaften Pilzen zu befassen. Wider Erwarten stimmte der Chef zu: Jochen Gartz durfte auf Kosten der Akademie Pilze suchen. Schließlich konnte er nachweisen, dass die unbekannten Pilze wohl aus Ungarn eingeschleppt worden waren. Und er fand eine Besonderheit. "Eigentlich hätten die Pilzesser ja denken müssen, sie hätten sich vergiftet und müssten sterben. Das hätte zu Angstzuständen führen müssen. Aber wir haben nur Euphorie beobachtet."Als er die Geschichte vor rund hundert Zuhörern auf dem Entheovision-Kongress erzählt, herrscht gespannte Stille. "Wir glauben, dass diese Wirkung mit einem unbekannten Alkaloid zu tun haben könnte, das wir in dem Pilz gefunden haben." Stille. Jemand sagt halblaut: "Das Zeug will ich haben." Jochen Gartz lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. In sachlichem Tonfall trägt er die Ergebnisse seiner Exkursionen vor. Der Projektor wirft zahllose Bilder von Pilzen an die Leinwand. Mit jedem neuen Dia geht ein Raunen durch den Saal. "Der Spitzkegelige Kahlkopf", sagt Jochen Gartz und fährt mit einem Taschenlaser die Konturen der Gewächse ab, "relativ geringer Wirkstoffgehalt, pendelt sich bei einem Prozent der Trockenmasse ein. Das nächste Dia, bitte."Danach wird Jochen Gartz von Zuhörern bestürmt. Ein Mann mit Dreadlocks und Bob-Marley-T-Shirt fragt, ob Jochen Gartz Pilzführungen anbietet. Ein Jüngling mit langen Locken will wissen, was der Wissenschaftler von der Idee hält, Psilocybin mit einer selbst entwickelten Methode zu synthetisieren. Jochen Gartz wickelt ein Wurstbrot aus einer geblümten Serviette. "Damit kommen Sie nicht weiter", winkt er ab, "viel zu laienhaft."Als nach der Wende die Akademie der Wissenschaft der DDR aufgelöst wurde, beschäftigte man die Forscher eine Zeit lang in einer Überbrückungsgesellschaft. Zunächst ließ man Jochen Gartz gewähren. Er reiste mit Geldern der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu Kongressen nach Mexiko, nach Südafrika, in die USA. Er traf Kollegen: Albert Hofmann, der das LSD entdeckte, den Psilocybin-Forscher Franz Xaver Vollenweider und John Allen, einen Pilzkundler aus Hawaii, mit dem zusammen Jochen Gartz einen elektronischen Pilzkatalog veröffentlichte.Doch das Leben wurde mühsamer. Dazu kam, dass in Deutschland niemanden zu interessieren schien, was der Wissenschaftler trieb. Die Forschung an psychoaktiven Substanzen unterliege einem Tabu, glaubt Jochen Gartz. "Im Sozialismus wurden meine Forschungen wertfrei gesehen; es gab ja keine Drogenszene. Ich vermisse heute oft die Wissenschaftlichkeit bei solchen Themen."Ein Freund vermittelt ihm den Kontakt zum Schweizer Nachtschatten-Verlag, der sein erstes Buch veröffentlichte: "Narrenschwämme", eine Art Kulturgeschichte der psychoaktiven Pilze. Dass der Verlag auch Titel verlegt, die "Pro Jugend - mit Drogen?" heißen oder "Das Kifferlexikon", war Jochen Gartz egal. "Dafür waren farbige Bilder in meinem Buch.""Narrenschwämme" machte ihn in der Szene zur Kultfigur. Inzwischen hat Jochen Gartz fast ein Dutzend Monografien herausgebracht, so über die Drogenpflanze Salvia Divinorum oder "Wahrsagesalbei", die vor kurzem wegen zunehmenden Missbrauchs in die Schlagzeilen geraten ist.Reizpeitsche des KapitalismusIn der DDR sei ihm erzählt worden, LSD sei "die Reizpeitsche des sterbenden Kapitalismus'". "Die Konsumenten der Droge würden reihenweise aus dem Fenster springen und die kapitalistischen Staaten sich entvölkern. Bloß hab ich mich immer gefragt, warum die das Zeug dann überhaupt nehmen?" Dies habe sich ihm bis heute nicht erschlossen. Mit den Ideen der Hippies hatte der Wissenschaftler nie etwas im Sinn, auch zur alternativen Szene in der DDR habe er keine Kontakte gehabt. Jochen Gartz wuchs in Mansfeld im Vorharz auf, tief in der Provinz. Politisches Denken, das gibt er offen zu, liegt ihm fern: "Über den Staat habe ich nie nachgedacht." Man sieht ihm an, dass er auch nie darüber nachgedacht hat, in welche Kreise er jetzt eigentlich geraten ist.Was hält er davon, dass viele Fans seine Forschungen missbrauchen? Jochen Gartz beginnt auf seinem Stuhl zu ruckeln. "Die Wissenschaft forscht, und die Gesellschaft entscheidet, was sie mit den Forschungen anstellt", sagt er kurz. Gartz ist für die Legalisierung der Drogenpilze. "Das ist besser, als wenn man die Pilze draußen sucht und versehentlich wirklich giftige isst." Der Pilzwirkstoff habe kein Suchtpotenzial, glaubt er. "Er ist zu unberechenbar, um zu einer Massendroge zu werden." Mal rufe er Glücksgefühle, mal Albträume hervor. Ob er jemals selbst davon gekostet hat, will der Forscher nicht verraten. Wovor hat er Angst? Jochen Gartz blickt stumm durch das Fenster nach draußen, und sein Blick fällt auf einen braunen Fleck auf dem Rasen. Ein Pilz. "Wunderbar", ruft er aus und ist weg.------------------------------Zwischen Wissenschaft und DrogenszeneRechtslage: Psilocybin ist in der Bundesrepublik Deutschland laut Bundesbetäubungsmittelgesetz ein nicht verkehrsfähiges Betäubungsmittel. Der Umgang ohne Erlaubnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte ist grundsätzlich strafbar. Der Fliegenpilz unterliegt nicht dem Betäubungsmittelgesetz.Der Kongress Entheovision 4, findet am 29. und 30. September 2008 im Botanischen Garten Berlin statt.Informationen unter: www.entheovision.deDie bereits erschienenen Texte dieser Serie finden Sie unter: www.berliner-zeitung.de/wie-leben------------------------------Foto: (2) Im Park, recht nah bei den Seinen: der Pilzforscher Jochen Gartz.KORREKTUR vom 13./14.Oktober 2007- Im Artikel über den Pilzforscher Jochen Gartz (Seite 10, 24. 9. 2007) hat sich ein Fehler eingeschlichen: Er hat in Diplom und Promotion A ( 1976 und 1980) lediglich organische Peroxide untersucht, nicht aber TNT und Dynamit.