ATHEN, 29. August. Henning Fritz hatte sich als Erster gefangen. Er beobachtete das hüpfende Häuflein glücklicher Männer von der Mitte des Spielfeldes aus. Er schüttelte den Kopf, dann musste er lachen. Tatsächlich, er hat gelacht, wenigstens einen Moment. Vielleicht aus Verzweiflung, weil er zum hundertsten Male daran gedacht hat, wie es wäre, jetzt selbst eine solche Orgie feiern können, als Olympiasieger. Schließlich hat er so lange darauf gewartet, auf dieses Finale, auf diesen Tag, auf diese Stunde. Doch die freudetrunkenen Kerle, die Henning Fritz da beobachtete, waren nicht seine Kollegen. Es waren die Kroaten. Sie hatten das Endspiel gewonnen, 26:24 (11:12), und nicht die Deutschen. Niederschmetterndes LobHenning Fritz hat ihnen allen gratuliert, schon lange vor der Siegerehrung, zuerst Mirza Dzomba, zu dem er eine besondere Beziehung hat, das kann man wohl sagen. Neunmal hatte ihn Dzomba in den sechzig Minuten zuvor bezwungen. Neunmal bei zehn Versuchen. Dzomba ist der zurzeit vielleicht beste Rechtsaußen der Welt, in der olympischen Torschützenwertung lag er mit 55 Toren knapp hinter dem Gummersbacher Südkoreaner Kyung-Shin Yoon (58) - und er hat eine sensationelle Trefferquote von 77 Prozent. Es ist angebracht, darauf zu verweisen, denn vielleicht war es auch die Unsicherheit im Abschluss, die die großartigen Deutschen den Olympiasieg gekostet hat. Nur 44 Prozent aller Chancen verwerteten sie im Finale, die Kroaten machten es deutlich besser: 58 Prozent für sie. Es gibt natürlich viele Möglichkeiten, so ein Spiel zu lesen. Wie man es auch versucht, ob man die Angriffsleistung betrachtet oder die Standfestigkeit der Abwehr, die Verwertung der Kontermöglichkeiten, die Torhüterposition - alles hätte reichen können für den heftig ersehnten Sieg. Doch am Ende blieb ihnen nur Silber, und damit konnten sie sich kaum trösten. "Das beste Turnier der vergangenen Jahrzehnte" habe sein Team gespielt, sagte Bundestrainer Heiner Brand. "Wir waren nicht schlechter", meinte Stefan Kretzschmar. "Die Mannschaft hat Charakter gezeigt, da kann man sehr glücklich drüber sein", folgerte Volker Zerbe. Ja, sie können verlieren, sie können mit Anstand verlieren, das haben Brands Männer in Athen wieder einmal bewiesen - in einer Stunde, die ihnen allen wehgetan hat. Nach der EM 2002 (gegen Schweden) und der WM 2003 (gegen Kroatien) unterlagen sie zum dritten Mal in einem großen Finale. Einmal haben sie dazwischen allerdings auch gewonnen, bei der EM 2004 (gegen Slowenien). Allein, das Lob für ihren beeindruckenden sportlichen Auftritt auch nach dem Endspiel, es wird sie nicht aufheitern. Die Partie hatte äußerst hektisch begonnen. Die Deutschen verleiteten die Kroaten mit ihrer überragenden Abwehr zu technischen Fehlern. Vor allem Spielmacher Ivano Balic, der Welthandballer, agierte unsicher. So musste Balic, der zeitweise vom vorgezogenen Markus Baur abgeschirmt wurden, bald auf der Bank Platz nehmen und wurde von Kapitän Slavko Goluza vertreten. Nach siebzehn Minuten lagen die Deutschen 8:5 vorn. Natürlich verkürzte Kroatien wieder den Abstand, wie sollte es auch anders sein: Auseinandersetzungen dieses Niveaus werden immer in der Schlussphase entschieden, nicht zu Beginn. Die Deutschen blieben ihrer Linie treu: Aggressiv im Abwehrverbund mit dem Mittelblock Volker Zerbe und Klaus-Dieter Petersen. Beweglich im Angriff aber nur auf den Außenpositionen mit Stefan Kretzschmar und Florian Kehrmann. Mit einer 12:11-Führung ging es in die Pause vor 10 750 Zuschauern, und auch auf den Rängen hatten die Deutschen bis dahin einen minimalen Vorteil. Die zweite Halbzeit begann gut. Fritz hielt einen Siebenmeter von Dzomba. Deutschland führte mit drei Toren. Das nervte den kroatischen Kapitän Goluza ungemein, so dass er es fortan mit üblen Tricks versuchte. Erst rasierte er Fritz beim nächsten Siebenmeter fast den Schädel, nahm also billigend einen Knock-out des Keepers in Kauf. Dann riss er Kehrmann um und vereitelte eine Konterchance, wenig später foulte er auch Christian Zeitz brutal und konnte froh sein, hier erst seine zweite Zeitstrafe und nicht gleich die Rote Karte erhalten zu haben. Vielleicht war das schon der Wendepunkt des Spiels: Goluza durfte bleiben, und er hatte sein Team aufgeweckt. In jener Phase dominierte Stefan Kretzschmar, der insgesamt neun Mal traf und in der Torjägerwertung Rang fünf belegte. Doch zu mehr als Kontertoren hat es mit zunehmender Spielzeit kaum gereicht. Einmal blieben die Deutschen gar neun Minuten ohne Treffer, und in dieser Phase bis zur 56. Minute, als Abwehrchef Petersen verletzt auf die Bank musste, wurde das Spiel entschieden. Nun umging auch Balic mit geschickten Pässen die deutsche Abwehrwand. Linksaußen Niksa Kaleb nutzte dreimal souverän seine Chancen. Es stand 24:21, die Partie war gelaufen. Auf mehr als zwei Tore kamen die Deutschen nicht mehr heran.Der Rest ging unter im kroatischen Jubel. Henning Fritz und Stefan Kretzschmar und all die anderen mussten zusehen, wie die Weltmeister geschmückt wurden mit den goldenen Olympiaplaketten, nach denen sie sich so sehr verzehrt hatten. Es wird eine Weile dauern, das zu verkraften. ------------------------------Foto: "Wir waren nicht schlechter", sagte Stefan Kretzschmar. Es hätte reichen können für den heftig ersehnten Sieg.