Leni Riefenstahl drehte vom 23. September 1940 an den Film "Tiefland". Er spielt in Spanien. Da sie dort - im zweiten Kriegsjahr - nicht arbeiten konnte, verlegte sie den Drehort in das Alpendorf Krün bei Mittenwald. Als Komparsen heuerte sie Sinti und Roma an, die seit August 1940 im Salzburger Zwangslager Maxglan inhaftiert waren. Die Aufnahmen in Krün dauerten bis zum 13. November. Riefenstahl beschäftigte dort auch Sinti und Roma aus dem Zwangslager Berlin-Marzahn. Da es "Zigeunern" verboten war, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, musste die Riefenstahl-Film GmbH eine Reisegenehmigung des Reichskriminalpolizeiamts beantragen.Die Innenaufnahmen begannen erst im April 1942, fast anderthalb Jahre später, in den Babelsberger Studios. Für diese Aufnahmen verpflichtete Riefenstahl ausschließlich Komparsen aus dem Marzahn-Lager. Da für einzelne von ihnen bis zu 58 Drehtage verzeichnet sind, werden die Aufnahmen bis weit in den Sommer hinein gedauert haben.Leni Riefenstahl behauptet, über ihr Wirken in den Jahren des Dritten Reiches seien lauter Lügen in die Welt gesetzt worden. Während der Pressekonferenz, die sie im Oktober 2000 auf der Frankfurter Buchmesse gab, bezeichnete sie es als größte Lüge, in ihrem Film "Tiefland" habe sie "Zigeuner aus dem Konzentrationslager" eingesetzt: "Ich könnte die Leute umbringen, die das verbreiten, so sehr hasse ich diese Lüge."Das Zwangslager in Berlin-MarzahnAls im Frühjahr 1936 die Olympischen Spiele in Berlin vorbereitet wurden - Riefenstahl drehte den offiziellen Olympia-Zweiteiler "Fest der Völker", "Fest der Schönheit" -, wünschte Hitler eine saubere Hauptstadt. Während die antisemitische Hetze aus taktischen Gründen ruhte, befahl Innenminister Wilhelm Frick, die Hauptstadt "zigeunerfrei" zu machen. Am 22. Mai 1936 eskortierte die Polizei Hunderte Berliner Sinti und Roma mit ihren Wohnwagen nach Marzahn. Dort setzte sie die Vertriebenen am Rande der Rieselfelder fest. Im Laufe der Jahre gingen etwa 1 200 bis 1 500 Sinti und Roma durch das Zwangslager Marzahn. Anfang März 1943 wurden fast alle Insassen nach Auschwitz-Birkenau deportiert.Durch Zufall hat sich eine Liste erhalten, in der die steuerpflichtigen Riefenstahl-Komparsen aus dem Lager Marzahn verzeichnet sind. Dafür muss man wissen, dass das Reichsarbeitsministerium am 26. März 1942 für Sinti und Roma eine als "Sozialausgleichsabgabe" bezeichnete Sondersteuer einführte. Von Polen und Juden wurde die Sondersteuer zur Sanierung der deutschen Sozialkassen bereits seit 1940 erhoben. Die entsprechende Liste der Riefenstahl-Film GmbH trägt den Titel: "Sozialausgleichsabgabe für die Zigeuner bei dem Film Tiefland ab 27.4.42". Sie enthält die Namen jener 65 Sinti und Roma aus dem Marzahn-Lager, die in Babelsberg als Komparsen für den Film "Tiefland" beschäftigt worden waren. Sie trägt das Datum des 6. April 1943. Die Kinder, die zu Riefenstahls Komparsen zählten, fehlen. Offensichtlich haben sie keinen Lohn erhalten, zumindest in Babelsberg nicht. In Krün, so versicherte Riefenstahl, sei jedem Kind pro Tag ein Taschengeld von 25 Pfennigen ausgezahlt worden.Fünf Wochen, bevor die Liste erstellt wurde, waren die Insassen des Lagers Marzahn nach Auschwitz deportiert worden. Aus rassebiologischen Gründen wurden zunächst etwa zwanzig Sinti und Lalleri - ein "Zigeunerstamm", der in Himmlers Augen als besonders reinrassig galt - von der Deportation verschont. Unter den Zurückgebliebenen war auch Agnes Steinbach. Offenbar wurde ihr oder ihrem Bruder Otto Steinbach eine der Listen als Steuerbeleg ausgehändigt. Sie trägt das Aktenzeichen der Prozesse, die beide Geschwister im Jahr 1975 mit Erfolg gegen das Entschädigungsamt Berlin anstrengten.Zehn Jahre nach Ausfertigung der Liste beendete Leni Riefenstahl die Arbeiten an "Tiefland". Im Februar 1954 erlebte der Film in Stuttgart seine Uraufführung, anschließend lief er außer Konkurrenz auf den Filmfestspielen in Cannes. Zu dieser Zeit war der an Sinti und Roma begangene Völkermord längst bekannt. Im Vorspann führt die Regisseurin ihre Komparsen unter "Bauern, Mägde u. Knechte" auf. Sie verschweigt deren Herkunft und Schicksal. Sie erwähnt - wohlgemerkt 1954 - nicht, dass sie nahezu ohne Ausnahme dem nationalsozialistischen Völkermord zum Opfer gefallen sind. Im Jahr 2001 vertreibt arte Edition ("bietet beste Unterhaltung in überzeugender Qualität auf VHS und DVD") die Videokassette zum Preis von 34,99 Mark ohne jeden Hinweis auf das an den Komparsen begangene Verbrechen.Verfolgte, ins Lager gesperrte Sinti und Roma, hatten spanische Bauern, Mägde und Knechte zu spielen. Im Gegensatz zu den düster kostümierten Männern - ganz unbekümmert die hell gekleideten Mädchen und Frauen. Und die Kinder! Eine Szene ist besonders anrührend: Vier kleine Mädchen suchen einen Blick auf die fahrende Tänzerin Martha zu erhaschen. Keines der Zigeunermädchen kehrte aus Auschwitz zurück. Im Film ist ihnen allen die Freude am Komödiantischen anzusehen, ihre Hingabe an das Spiel in fremden Rollen. Das wirkliche Leben der Sinti und Roma aus den Lagern Maxglan und Marzahn dagegen war gezeichnet von Entbehrung, Hunger und Angst. Die Auftritte in "Tiefland" mögen für die Komparsen ein letztes Stück Daseinsfreude bedeutet haben.Das Melodram "Tiefland" erzählt eine Geschichte aus den Pyrenäen. Im Mittelpunkt steht - gespielt von Bernhard Minetti - der macht- und frauenversessene Großgrundbesitzer Don Sebastian. Er beschließt die schöne Tänzerin Martha, gespielt von Leni Riefenstahl, an den armen Berghirten Pedro zu verheiraten, um sie weiter als seine Geliebte zu halten. In einem Messerduell zwischen Pedro und Don Sebastian "findet der Bösewicht schließlich den verdienten Tod". Eine Meisterleistung Leni Riefenstahls, das leidende, aufbegehrende Volk mit so sparsamen Mitteln zu zeichnen.Die letzten ZeugenAußer der Berliner Steuerliste liegen zum Film "Tiefland" 50 Standfotos vor. Die Fotografin Groth-Schmachtenberger nahm sie 1940 während der Dreharbeiten in Krün auf. Nur wenige Sinti, die gemeinsam mit den Komparsen im Marzahn-Lager interniert waren, leben noch. Sie sind die Einzigen, die über den Lebensweg und das Schicksal derer, die auf den Fotos zu sehen sind, Auskunft geben können. Die Überlebenden Otto Rosenberg, Agnes Steinbach und Ewald Hanstein haben die Standfotos durchgesehen und erkannten dabei vor allem jene Komparsen, die mit ihnen nahe verwandt waren.Ewald Hanstein berichtet: "Paul Hanstein war ein Zwillingsbruder meines Vaters. Früher haben sie in Hannover gewohnt. Sie sind noch gereist, und dann hat man sie nach Marzahn gebracht. Paul hatte mehrere Kinder. Vom Marzahn-Lager aus ist er auf Arbeit gegangen, in eine Fabrik. Bis sie uns alle nach Auschwitz transportiert haben."Dort erhielt Paul Hanstein die Häftlingsnummer Z-4975. Von seinem Todestag sind nur Monat und Jahr lesbar: November 1943. Der SS-Arzt Dr. Josef Mengele, mit Zwillingsforschung befasst, ließ am 15. April 1943 von der "SS-Zahnstation für SS-Angehörige" von neun Sinti-Zwillingspaaren "Modelle der Zähne nehmen", darunter auch von Paul Hanstein. Im Protokoll des "leitenden Zahnarztes im K. L. Auschwitz" findet sich bei ihm der Zusatz: "Zwillingsbruder im K. L. Neuengamme." Dieser Zwillingsbruder, Peter Hanstein, war wie viele andere Sinti aus dem Marzahn-Lager in ein Konzentrationslager überstellt worden. Er erlebte die Befreiung. Sein Sohn Ewald ist heute Vorsitzender des Landesverbands Deutscher Sinti und Roma, Land Bremen.Otto Rosenberg erkannte auf den Standfotos einen Bruder seiner Großmutter Charlotte: Balthasar Kretzmer. "Als sie ihn nach Auschwitz verschleppten, war er schon 52. In dem Alter gab es für keinen Häftling die Chance zu überleben. Wie die meisten unserer Familie, kam auch er nicht wieder." Balthasar Kretzmer befand sich in dem Transport, der am 3. März 1943 in Auschwitz eintraf. Seine Häftlingsnummer lautete Z-5660; der Todestag ist unleserlich.Rosenberg entdeckt auch einen seiner Cousins: "Christian Kreuzer gehörte zu unserer Familie, ein Cousin von mir - sein Vater war ein Bruder meiner Mutter. Christians Sinti-Name war Ritzetant. Mit ihm bin ich bis Ellrich zusammen gewesen: Buchenwald, Dora, Ellrich . den langen schlimmen Weg, immer zusammen. Ritzetant war mehr als zwanzig Jahre älter als ich. Ein wunderbarer Mann! Er konnte Körbe machen und Tische aus Wurzelholz, konnte Vögel schnitzen, ganz bunt, ganz fein. Auch eine Flöte hat er sich gemacht. Dann hat er den Vogel angeschaukelt und dabei auf der Flöte gezwitschert wie ein Cirklo, so heißt auf Romanes der Vogel. Das hat ihm im KZ Ellrich Vorteile gebracht, denn er hat dort Körbe und Tische und Vögel für die SS geschnitzt." In Auschwitz trug Christian Kreuzer die Nummer Z-4880.Spuren einer zerstörten WeltVor dem Beginn der Dreharbeiten an "Tiefland" hatten sich Reinhold Laubinger und fünf andere Sinti - damals Häftlinge in Sachsenhausen - nach Bombenangriffen auf Berlin "freiwillig" zum Entschärfen von Blindgängern gemeldet. Als Anerkennung befahl Heinrich Himmler am 2. Dezember 1940, die sechs aus dem KZ in das Zwangslager Marzahn, von den Berliner Stadtverwaltung "fester Rastplatz" genannt, zu überstellen.Reinhold Laubinger fand im Wohnwagen seiner Mutter Adelheid Unterkunft. Er suchte sofort Arbeit in einer Berliner Möbelfabrik. Während der Aufnahmen zu "Tiefland" wirkte er an zwanzig Drehtagen mit. Seine "Zigeuner-Personalakte" schließt mit dem Vermerk: "Laubinger, Reinhold, . am 27.3.43 in das Zigeunerlager (K. L. Auschwitz) überführt." Im Hauptbuch des "Zigeunerlagers" ist er unter der Nummer Z-5591 registriert, seine Mutter unter Z-4610.Unter den Komparsen waren auch zwei bosnische Roma: Willy Munk und Pierro Jorjewitsch alias Vasilcovic. Sie zogen - wie die bosnischen Roma traditionell - als Bärenführer umher, anfangs sogar vom Marzahn-Lager aus. Insgesamt 22 Frauen (Z-754- Z-775) und 19 Männer (Z-661-Z-679) der Bärenführer-Familien sind aus Marzahn nach Auschwitz deportiert worden, unter ihnen die beiden Komparsen Riefenstahls. Zwei Frauen aus den Bärenführer-Familien seien hier genannt, obwohl sie nicht zu den Komparsen zählten: Maria und Stana, ihre Tante. Maria war Otto Rosenbergs Freundin. Im KZ Auschwitz-Birkenau erhielt sie die Häftlingsnummer Z-769, geboren am 5. Dezember 1927 in Münster-Mayfeld. Ihr Todestag ist im Häftlingsbuch registriert: 29. April 1944 - ermordet im Alter von 16 Jahren.Agnes Steinbach erkannte auf einem Foto Stana Lassisch mit ihren Bären. "Sie sind mit uns in Marzahn gewesen, bis sie alle weggekommen sind - nach Auschwitz." Dort erhielt sie die Häftlingsnummer Z-770. Sie gehörte dem Transport von 490 Frauen an, der Auschwitz am 2. August 1944 verließ, unmittelbar vor der Liquidierung des "Zigeunerlagers". Er führte nach Ravensbrück. Stana überlebte. Ewald Hanstein ergänzt: "Ich bin ihr nach der Befreiung in Nürnberg begegnet, 1955 oder 1956. Sie hatte wieder einen Wohnwagen, aber keine Bären mehr. Sie war auf Sozialhilfe angewiesen."Die RosenbergsOtto Rosenberg erkennt den Komparsen Ridu: "Ridu war der Bruder meiner Mutter. Sie hatten ihn zu den Soldaten eingezogen. Er sah aus wie ein Inder, nicht wie ein Sintu. Ridu ist rausgekommen aus dem KZ. Nach der Befreiung hat er eine ganze Zeit in Neu-kölln gewohnt, in der Erlanger Straße. Dann ist er an TBC gestorben, die hatte er sich im Lager geholt." Seine Nummer in Auschwitz: Z-9864. Am 24. Mai 1944 kam er als Arbeitsfähiger mit einem Transport in ein anderes Konzentrationslager.Die Familie Rosenberg stellte noch weitere Komparsen: "Meine Großmutter Charlotte", so erzählt Otto Rosenberg, "war eine herrliche Frau. Im Marzahn-Lager war sie immer für ihre Enkelkinder da. Jedem, der gekommen ist, hat sie eine Stulle gegeben, obwohl sie selbst oft Hunger litt. Sie war mir das Liebste, das ich hatte. Auch in Auschwitz hat sie sich um ihre Enkel gekümmert, so gut es eben ging. Als das Zigeunerlager am 2. August 1944 liquidiert wurde, war meine Großmutter unter ihnen, aber auch die anderen Cousins und Cousinen und Enkelkinder - alle haben sie umgebracht." In Auschwitz ist Charlotte Rosenberg unter der Nummer Z-5406 eingetragen.Einer der Onkel von Otto Rosenberg trug den Sinti-Namen Laubmann. "Er hat immer auf dem Bau gearbeitet, als Hucker und Steinsetzer. Schon am Tage hat Onkel Florian einen ganzen Kasten Bier ausgetrunken und ist trotzdem auf der Leiter drei Stockwerke hoch gegangen. Das hat er abends im Lager stolz erzählt, denn mein Onkel Florian arbeitete von Marzahn aus weiter als Hucker. Er kaufte sich schöne Sachen, auch eine Lederweste. Das war damals etwas Besonderes. Unsere Leute waren alle arbeitsam!" Ob arbeitsam oder nicht - auch Florian ist nach Auschwitz deportiert worden. Als er mit dem großen Transport vom 13. März 1943 im "Zigeunerlager" eintraf, tätowierten sie ihm die Nummer Z-2725 auf den linken Unterarm.Über Maria Rosenberg berichtet Otto Rosenberg: "Mariechen war die Schwester meiner Großmutter. Beide Frauen sind auf einem der Standfotos zu erkennen. Sie waren also in Krün dabei. Auf der Liste der Berliner Riefenstahl-Komparsen sind ihre Namen jedoch nicht zu finden." Maria wurde am 29. Mai 1883 in Ossendorf geboren. Als sie nach Auschwitz deportiert wurde, war sie 55 Jahre alt. Die Alten und die Kinder erlagen den unmenschlichen Bedingungen zuerst. Maria ist unter der Nummer Z-6187 eingetragen, ihr Todestag war der 4. August 1943.Auch Alma Steinbach zählte zu den Komparsen. Ihre Enkelin Agnes erinnert sich, die Großmutter habe sie zu den Dreharbeiten mitgenommen. Auf der Berliner Komparsen-Liste erscheint Alma wahrscheinlich unter "Steinbach, J.", denn in einer Urkunde wird sie mit dem Namen Juliane Steinbach genannt. Alma Steinbach gehörte dem ersten großen Häftlingstransport aus Marzahn an. Er traf am 5. März 1943 in Auschwitz ein. Sie erhielt die Häftlingsnummer Z-520. Ihr Todestag ist nicht vermerkt und erst recht nicht das einmalige, kaum vorstellbare Ereignis, das sich nach ihrer Ermordung zutrug: Ihr Mann Heinrich Steinbach, Oberhaupt und Rechtssprecher der Familie, erreichte, dass Almas Leichnam nach Berlin übergeführt wurde. Im Sterberegister des Friedhofs Marzahn ist Auschwitz als ihr Todesort eingetragen. Vermerkt sind auch ihre Einäscherung am 28. Mai 1943 und die Beisetzung der Urne am 11. Juni 1943.Die Asche der Riefenstahl-Komparsin ruht heute im Grab ihres Mannes. Er starb 1952. Seine Angehörigen errichteten ihm auf dem Friedhof Marzahn ein würdiges Grabmal. Agnes Steinbach, die Enkelin, ließ Almas Urne in sein Grab umbetten. Auf dem Friedhof Marzahn sind zwei weitere Komparsen bestattet: Karl Weinlich und Lani Ernst. Karl Weinlich stand an 31 Drehtagen vor der Kamera. Er starb am 2. Februar 1943 im Alter von 69 Jahren - so blieb ihm die Deportation nach Auschwitz erspart.Rudolf Wesel, damals 55 Jahre alt, hatte 25 Drehtage in Babelsberg. Er starb am 25. April 1946. Seine Urne ist im Mausoleum der Lalleri-Familie Weinlich auf dem Friedhof des ehemaligen Dorfes Radewell in Halle beigesetzt. Das Mausoleum steht seit 1998 unter Denkmalschutz.Vorletzte StationMüßig, mit der Regisseurin und Hauptdarstellerin Leni Riefenstahl oder mit ihren Apologeten darüber zu streiten, ob das Marzahn-Lager ein KZ war oder nur ein KZ-ähnliches Sammellager oder was auch immer. Jedenfalls handelte es sich für die Inhaftierten um die vorletzte Station ihres Todesweges. Die letzte folgte wenige Monate nach den Babelsberger Dreharbeiten: Auschwitz.Unter den Deportierten konnten wir 29 ehemalige Riefenstahl-Komparsen ermitteln. Anhand der fragmentarisch erhaltenen Hauptbücher der KZ-Verwaltung Auschwitz ließen sich die Häftlingsnummern feststellen. In 16 Fällen ist der Tod ausdrücklich vermerkt. Der Erste, Wilhelm Ritter, starb am 24. April 1943. Bis auf einige wenige Ausnahmen sind die Sinti und Roma des Marzahn-Lagers Anfang März 1943 in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert worden, unter ihnen auch die Riefenstahl-Komparsen.In den Hauptbüchern des "Zigeunerlagers" sind die Häftlinge verzeichnet. Für 29 Riefenstahl-Komparsen haben wir die Häftlingsnummer ermitteln können. Stellvertretend für alle anderen seien genannt: Robert Adler (Z-5792); Karl Dewüs (Z-4145), ermordet am 7. Juli 1943; Heini Ernst (Z-5696); Wilhelm Ritter (Z-4883), ermordet am 24. April 1943; Albrecht Rose (Z-752), ermordet 1943; Charlotte Rosenberg (Z-5406) in der Gaskammer ermordet am 2. August 1944; Werner Rosenberg (Z-4860), Todestag unleserlich; Otto Schmelzer (Z-5448); Karl Steinbach (Z-4875); Ludwig Weisenbach (Z-4857), ermordet 1943; Hermann Weiß (Z-644), Todestag unleserlich; Johann Weiß (Z-643), ermordet im August 1943; Willy Zander (Z-5933); Hans Zens (Z-178), Todestag unleserlich.Im Film ist den Komparsen die Freude am Komödiantischen anzusehen, die Hingabe ans Spiel in fremden Rollen.Das Dokument // "Sozialausgleichsabgabe für die Zigeuner bei dem Film ,Tiefland ": Die Liste der Riefenstahl-Film GmbH enthält die Namen jener 65 Sinti und Roma aus dem Lager Marzahn, die in Babelsberger Studios für den Film "Tiefland" beschäftigt worden waren.Das Zwangslager Marzahn // "Fester Rastplatz" wurde das Zwangslager für Sinti und Roma in Berlin-Marzahn beschönigend genannt. Von hier aus wurden sie Anfang 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert, über ihr Schicksal geben die Bücher und Karteien der einstigen KZ-Verwaltung Auskunft. Am 2. August 1944 wurde das "Zigeunerlager" Auschwitz liquidiert.Die Regisseurin und ihre Kleindarsteller // Riefenstahl während der Dreharbeit: Sie war nicht nur die Regisseurin des Films, sondern auch die Hauptdarstellerin, ihren Widerpart spielte Bernhard Minetti.Standfotos aus Krün // Großmutter und Großtante Otto Rosenbergs: Am Spinnrocken sitzt Charlotte Rosenberg, links steht ihre Schwester Maria. In Auschwitz erhielt Charlotte Rosenberg die Häftlingsnummer Z-5406. Maria Rosenberg ist unter der Nummer Z-6187 eingetragen. Ihr Todestag war der 4. August 1943.Bärenführer auf der Landstraße, 1930: Rechts im Bild Stana Lassisch mit ihren Kindern. Sie erhielt in Auschwitz die Häftlingsnummer Z-770. Unmittelbar vor der Liquidierung des Zigeunerlagers wurde sie zur Zwangsarbeit nach Ravensbrück überführt, ein Umstand, der ihr das Leben rettete.Kalfuni, Daveli, Schweindl und Blech-Peter: Hinter dem Brunnen steht der alte Kalfuni, auf dem Brunnenrand sitzt Daveli. Die beiden rechts sind Schweindl und Blech-Peter. Sie alle kamen aus dem Lager Marzahn nach Krün, an die standesamtlichen Namen können sich die Zeitzeugen nicht mehr erinnern.Sinti mit Spanierhüten: Albert Rosenberg (links), Balthasar Kretzmer (Mitte) und Gono Weiß. Balthasar Kretzmer kam mit einem Transport am 3. März 1943 in Auschwitz an. Er war damals 52 Jahre alt und erhielt die Häftlingsnummer Z-5660."Tiefland" spielt in den spanischen Pyrenäen, wo wegen des Krieges nicht gedreht werden konnte. Stattdessen wurde das Dorf Krün im oberen Isartal genommen. Riefenstahls Film gehört in die Kategorie der damals beliebten Melodramen mit viel Wald, Wasserfällen und bezaubernden Landschaften. Im Mittelpunkt steht das geknechtete und missachtete Volk, das sich noch nicht zur modernen Volksgemeinschaft erhoben hat.