Eine alte Einsiedlerin liegt tot in ihrer Hütte, weit weg vom nächsten Kaff in North Carolina. Als der Arzt Dr. Lovell (Liam Neeson) die Tote in Augenschein nimmt, stößt er auf ein völlig verängstigtes weibliches Wesen (Jodie Foster), das nur greinende, stammelnde Laute von sich gibt. Seit ihrer Geburt hat Nell keinen Menschen außer ihrer Mutter gesehen. Die Verstorbene konnte wegen einer Gesichtslähmung nicht richtig artikulieren. Ihre Sprache wurde auch die Sprache der Tochter. Die ehrgeizige Psychiaterin Paula Olsen (Natasha Richardson) wird auf Nell aufmerksam gemacht und will sie in ihre Klinik holen. Doch Dr. Lovell erzwingt vor Gericht, daß Nell zunächst drei Monate lang beobachtet wird.Hollywood-Filme über psychisch Kranke oder Andersartige zeigen meist ein eigentümlich kinogerechtes Krankheitsbild. Stets wachsen die "Kranken" im dramaturgisch wichtigen Moment über sich hinaus, offenbaren ihre tiefere Seele und verhelfen so dem Guten zum Siege. Auch "Nell" überzeugt in der entscheidenden Gerichtsverhandlung mit ihrem Plädoyer auf "Nellisch" den gutmütigen Richter von der Notwendigkeit ihres freien Weges in freier Wildbahn. Obwohl diese Szene etwas pathetisch angelegt ist, wirkt sie, wie der gesamte Film, längst nicht so aufdringlich oder kitschig wie Vergleichbares. Regisseur Michael Apted, eben noch mit seinem Dissidentenporträt "Moving The Mountain" im Internationalen Forum der Berlinale, dreht zwischen seinen Spielfilmen immer wieder einen Dokumentarfilm und hat vielleicht deshalb die Fähigkeit, genau zu beobachten und auf Zwischentöne zu setzen.Eigentlich erzählt "Nell" nichts aufregend Neues: Von der reinen, unverfälschten Wilden, deren Gefühle völlig offen liegen und die im Einklang mit der Natur lebt, lernen die Städter, ihr Leben mit anderen Augen zu sehen. Doch selten wird diese Botschaft so aufregend und intensiv vorgetragen wie hier von Jodie Foster, die den Film auch produziert hat. Als Nell tritt sie zum ersten Mal nackt auf - passend zur Rolle wie ihre zierliche Figur überhaupt. Körpersprache und Mimik machen den Film zum Erlebnis und Jodie Foster zur heißen "Oscar"-Kandidatin. Ihre Privatsprache "Nellisch" erscheint gut motiviert und ist nachvollziehbar aufgebaut.Um deren Glaubwürdigkeit auch in der deutschen Fassung zu bewahren, hat sich die deutsche Synchronfirma hingebungsvoll um eine adäquate Übertragung bemüht und schließlich mit der neuen Jodie-Foster-Stimme Heide Bartholomäus (bisher Hansi Jochmann) eine Sprecherin gefunden hat, deren "Nellisch" für eine Gänsehaut nach der anderen sorgt. +++