Es ist schon ziemlich spät, und stickig im Saal, als das Haus Kollwitzstraße 52 aufgerufen wird. Mindestgebot 495 000 Mark, sagt der Auktionator. Mehrere Hände heben sich. Nicolaus Schmidt drückt die Hand seines Freundes ein wenig fester, mit der anderen greift er in die Tüte mit den Lebkuchen. Er war schon mal auf einer Auktion, da hat er gesehen, dass Bieter, die es ernst meinten, erst später eingestiegen sind. 550 000 Mark. 600 000. Jetzt hebt Nicolaus Schmidt seinen Arm. 650 000 Mark. Die Hände werden weniger. Bald sind nur noch Schmidt übrig und eine Frau im weißen Pelz, die ein paar Reihen hinter ihm sitzt . Eine Million Mark, sagt der Auktionator. Nicolaus Schmidt hebt nochmal die Hand. Kurz danach lässt der Mann vorne den Hammer auf das Pult knallen. Nicolaus Schmidt ist jetzt ein wenig übel. Er weiß nicht, ob es von den vielen Lebkuchen ist, oder weil er gerade ein Haus ersteigert hat.Die Tüte Lebkuchen gibt es noch, als Kopie. Sie ist in eine Mappe eingeheftet, zusammen mit Grundriss-Skizzen und Zeitungsberichten. "Erste öffentliche Auktion ostdeutschen Grundbesitzes: Hamburger Maler ersteigert für eine Million Mark veritables Wohnhaus am Prenzlauer Berg" schrieb die Süddeutsche Zeitung.Es war der Anfang eines Abenteuers, zu dessen Ende zwanzig Jahre später der gemütliche Holztisch gehört, auf dem die Mappe jetzt aufgeschlagen liegt. Die Wohnküche, in der der Tisch steht, gehört dazu, das ganze großzügige Dachgeschoss mit dem langen Balkon, von dem aus man auf die Bäume der Kollwitzstraße in Prenzlauer Berg blickt wie auf einen grünen Fluss. Auf fast jedem Haus der Straße sitzt inzwischen so ein Aufbau, er ist meist noch teurer als die Wohnungen darunter. Das Abenteuer ist gut ausgegangen für Nicolaus Schmidt und Christoph Radke, die nicht Geld, sondern Wagemut und Geduld am Ende zu Dachgeschossbesitzern machten. Allerdings erst, als sie fast nicht mehr daran glaubten.Am 11. Dezember 1990, dem Tag der Auktion, hatten die zwei Hamburger Künstler einen Besichtigungstermin für eine Wohnung in Kreuzberg, deswegen waren sie in der Stadt. Berlin, das ihnen zu Mauerzeiten nie reizvoll schien, war plötzlich spannend geworden. In Hamburg gab es kaum noch bezahlbare Wohnungen und Ateliers. Hier schon. Sie suchten im Westteil der Stadt, obwohl sie der Osten auch interessierte. Als sie die Anzeige in der Berliner Morgenpost sahen, für eine Versteigerung am Abend, fuhren sie nur aus Neugier zu der angegebenen Adresse: "Mietshaus Prenzlauer Berg, Kollwitzstr. 52. Modernisierungsgeeigneter Altbau". Mittags standen Schmidt und Radke vor einem Haus mit Transparenten an der Fassade: "Wir sind nicht zu verkaufen" und: "Heute Kollwitz 52, morgen ihr". Der Gedanke kam ihnen zur gleichen Zeit: Und wenn sie das Haus kauften? Könnte man es nicht gemeinsam mit denen sanieren, die hier wohnten? Oben ein Dachgeschoss für sie beide, bezahlbare Wohnungen für die anderen? Könnte man nicht ein guter Hausbesitzer sein?Schmidt und Radke klingelten an den Wohnungstüren, nur eine öffnete sich. Er rede nicht mit Käufern, sagte der junge Mann, und ließ sie dann doch rein. Er erzählte, dass die Mieter zusammen das Haus kaufen wollten, aber keinen Kredit bekommen hätten. Als eine zweite Mieterin dazukam, rechnete Nicolaus Schmidt schon: Wenn man die Miete von achtzig Pfennig pro Quadratmeter auf 2,50 Mark erhöht, müsste das für die Betriebskosten erstmal reichen. In Ordnung, sagten die Mieter. Versuchen wir es, sagte Nicolaus Schmidt.In den nächsten Stunden führten sie viele Telefongespräche, bis zum Abend hatten ihnen Freunde über 150 000 Mark geliehen. Niemand wusste, was ein Haus in Ostberlin wert war. Das war der Grund für die Versteigerung: Ein Westberliner Makler wollte den neuen Immobilienmarkt testen und hatte die erste Auktion eines Ostberliner Hauses organisiert. Vielleicht ahnte er, dass Prenzlauer Berg mit seinen vielen Altbauten, der zentralen Lage und dem Ruf als Künstlerviertel in 15, 20 Jahren eine der teuersten Gegenden der Stadt sein würde. Vorerst waren da aber nur graue Straßenzüge, mit Häusern, die oft seit Jahrzehnten nicht renoviert worden waren.Am Abend kamen ebenso viele Gegner der Auktion wie Bieter, Stinkbomben flogen, die Polizei räumte den Saal, spät ging es los. Nicolaus Schmidt und Christoph Radke feierten später mit den Mietern der Kollwitzstraße. Sie wussten nicht, dass es acht Jahre dauern sollte, bis sie wirklich als Hausbesitzer im Grundbuch stehen würden. Und zwölf, bis das Dachgeschoss fertig war, ihr Traum. "Wir bereuen nichts", sagt Christoph Radke. "Aber wir würden es nicht nochmal machen", fügt Nicolaus Schmidt hinzu. Sie erzählen abwechselnd, fallen sich ins Wort, es ist nicht nur die Geschichte eines Hauses, sondern auch ihre Geschichte: die zweier Männer, die mit 40 noch mal neu anfangen wollten. Und mittendrin merkten, dass sie vielleicht zu viel riskiert hatten.Sie hatten in Hamburg schon alles aufgegeben, als klar wurde, dass die Eigentumsverhältnisse bei ihrem Haus nicht so klar waren wie der Makler behauptet hatte. Möglicherweise war die Besitzerin, die es 1937 verkauft hatte, Jüdin und das Haus "arisiert" worden. Das Amt zur Regelung offener Vermögensfragen forschte nach, das Haus wurde zwangsverwaltet, Schmidt und Radke zogen nach Mitte. Statt Hausbesitzern waren sie nun Mieter einer Wohnung, die kleiner war als die, die sie in Hamburg aufgegeben hatten. 1998 ging das Haus an die Jewish Claims Conference, die verkaufte es Schmidt und Radke, der Makler musste die Courtage zurückzahlen. Jetzt hätte es losgehen können mit der Sanierung als Hausgemeinschaft. Nur gab es die Fördermittel des Senats für solche Projekte nicht mehr. Und auch die alte Hausgemeinschaft nicht. Ein paar Mieter waren schon ausgezogen, in kleinere, komfortablere Wohnungen. Von den übrigen hatten einige ihre Arbeit verloren, sie hatten keine Kraft mehr für die Arbeit am Haus.Die Fassade hat Nicolaus Schmidt dann allein gestrichen. Sie ist eine der schlichteren in der Kollwitzstraße, für Stuck, Balustraden und Balkone war nie Geld da. Neue Fenster und Leitungen waren wichtiger. Schmidt und Radke sind doch noch gute Hausbesitzer geworden, jedenfalls wirkt es so. Es gibt jemanden, der zahlt nur drei Euro Miete pro Quadratmeter, nur zwei Parteien zahlen den Höchstsatz von neun Euro. Drei der Mieter aus DDR-Zeiten sind noch da. Es wohnen einige Künstler im Haus, nicht mehr ganz jung, aus dem Osten. Neue Mieter werden nach Sympathie ausgewählt. Würde man von Prenzlauer Berg nur dieses Haus kennen, man würde sich das Viertel und seine Bewohner anders vorstellen. Älter, gewachsener. Unaufgeregter.------------------------------Es ist nicht nur die Geschichte eines Hauses, sondern auch ihre Geschichte: die zweier Männer, die mit 40 noch mal neu anfangen wollten. Und mittendrin merkten, dass sie vielleicht zu viel riskiert hatten.Foto: Christoph Radke (links) und Nicolaus Schmidt auf ihrer Dachterrasse