POTSDAM. Es muss sie wirklich gegeben haben, diese Tage, an denen nichts passierte. Tage, an denen der Finanzminister kein neues Milliardenloch entdeckte, die S-Bahn ohne Pendelverkehr fuhr und die 20-Meter-Baustelle nicht schon am Morgen einen zwei Kilometer langen Stau verursachte. Es muss sie gegeben haben, diese Tage. Es muss wenigstens einen solchen Tag gegeben haben.Zumindest in Kyritz. Zumindest auf dem dortigen Marktplatz. Dieser eine Tag muss sich fest in die Erinnerung der Kyritzer eingeprägt haben. Wie sonst ist ein solcher Gedenkstein mitten auf dem Marktplatz der Ostprignitz-Stadt zu erklären? "Dieser Stein erinnert an den 14.02.1842. Hier geschah um 10.57 Uhr NICHTS" ist dort eingraviert.Herbert Brandt ist Vorsitzender des Kyritzer Heimatvereins. Angesprochen auf das Jahr 1842 sagt er sofort: "Da war hier nichts los." Hat der Verein also diesen Gedenkstein gestiftet? "Welchen Stein?" fragt Brandt. Dann fällt ihm die eingelassene Platte auf dem Marktplatz wieder ein. "Ach ja", sagt er. Darüber sei er auch schon einmal gestolpert. Aber wer den Gedenkstein gestiftet hat, weiß auch er nicht so genau.Rainer Kruschel, stellvertretender Bürgermeister, müsste es eigentlich genauer wissen. Er tut es aber nicht. "Das war irgend so ein Witzbold, der wohl eben NICHTS zu tun hatte", meint er. Allerdings nicht 1842, sondern vor noch nicht allzu langer Zeit. "Fragen Sie doch mal beim Lügenmuseum."Museumsdirektor Richard von Gigantikow gibt zu: "Ja, der Stein ist auf einem Symposium unseres Museums zum Thema ,Skulpuren aus Nichts´ entstanden. Das war 1995." Zwei Bürgermeister seien schon darüber gestolpert. "Sie haben immer behauptet, in Kyritz passiert nichts und sind dann abgewählt worden", sagt der Direktor des Museums. Ob das stimmt, bleibt offen.Jedenfall kann Vizebürgermeister Kruschel über so eine Bemerkung nicht stolpern. Er ist sich sicher, dass Kyritz nicht zu den Städten gehört, deren Geschichte sich darauf beschränkt, dass nichts passiert oder passierte. "Wie sonst ist wohl das Bier namens Mord und Totschlag zu erklären, dass seit Ewigkeiten von hier kommt", sagt Kruschel. Es klingt stolz. Um eine nicht mehr weg zu denkende Innovation geht es bei einem anderen Denkmal in Brandenburg. Das Land brillierte in letzter Zeit nicht gerade mit wirtschaftlichen Investitionserfolgen - erinnert sei nur an Cargolifter und Chipfabrik. Vor rund hundert Jahren machte Uhrmachermeister Johann Kirsten vor, wie es geht. Er hatte 1902 genug gelitten, als er ein Zettelchen an die Werkstattwand pinnen wollte und sich das Ende des Nägelchens immer wieder in den Daumen der rechten Hand bohrte. Johann Kirsten erfand die Reißzwecke.So jedenfalls stellt sich Lychens Bürgermeister Sven Klemckow die Geschichte vor. Und da die Reißzwecke jeder kennt und jeder auch wissen soll, dass das gute Stück aus der Stadt in der Uckermark kommt, haben sich die Stadtväter etwas ganz Besonderes ausgedacht. Seit kurzem ziert eine riesige Reißzwecke aus Edelstahl die zu Lychen gehörende Halbinsel Lindenhof. "Damit haben wir dem Uhrmachermeister Kirsten ein würdiges Denkmal gesetzt", sagt Klemckow. Das Patent auf die "Heftzwecke" meldete allerdings zwei Jahre später ein anderer Erfinder an. Der Bürgermeister weiß auch, dass Uhrmachermeister Kirsten noch ganz andere wichtige Dinge des Lebens erfunden hat. "Kennen Sie diesen Blubb, wenn eine Flensburger-Flasche geöffnet wird?" fragt der Bürgermeister. "Sehen Sie, auch diesen Verschluss hat der Uhrmachermeister Kirsten erfunden."Ein gutes Gedächtnis setzen die mehr als 20 Findlinge voraus, die auf dem einstigen Gutshof in Deutsch Wusterhausen, heute ein Ortsteil von Königs Wusterhausen, im Halbkreis nebeneinander abgestellt wurden. Sie müssen schon lange Zeit dort stehen. Rätselhaft die Inschrift auf einem kleineren Stein in der Mitte des Halbrundes - "100 Jahre Lenin". Lenin ist ja noch bekannt, auch dass er 1870 geboren wurde. Aber was sagen uns die 100 Jahre? Müsste die Zahl nicht alle zwölf Monate aktualisiert werden? Auch Lenin altert schließlich."Das Denkmal haben wir wirklich 1970 eingeweiht", sagt der Ortschronist Siegfried Schust. Er war damals Lehrer im Ort und erinnert sich an die Feier. "Von der Gemeindevertretung kam jemand, die Belegschaft des Gutes war dabei, die Schulkinder sangen Lieder." Der Gutshof steht heute auf der Denkmalliste.Wer die Idee hatte, Lenin mit der Inschrift auf Dauer jung zu erhalten, weiß der Chronist nicht mehr. "Es sollte alles nicht viel kosten", sagt Schust. "Die Findlinge konnten von den Feldern geholt werden. Und über den Spruch hat sich wohl niemand Gedanken gemacht." Ganz unverändert blieb das Denkmal aber nicht. "Ein kleiner Lenin-Kopf, der auf dem Stein stand, verschwand kurz nach der Einweihung spurlos", sagt Ortschronist Schust.Kuriose Kunst // Das Lügenmuseum im Kyritzer Ortsteil Gantikow zeigt 10 001 kuriose Kunstwerke. Gegründet wurde das Museum, das in einem Schloss untergebracht ist, bereits 1884. Es ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet für Autofahrer drei Euro, Radfahrer zahlen die Hälfte.Die Gedenkplatte in Kyritz, mit der an Nichts erinnert wird, entstand auf einem Symposium des Lügenmuseums zum Thema "Skulpturen aus Nichts". Es ist das Werk eines Australiers.Weitere Infos im Internet unter www. luegenmuseum. de.BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN (3) Da kritisiere noch mal einer, in Brandenburg sei nichts los - dafür setzt man - wie in Kyritz (l. )- sogar Gedenksteine. Gedacht wird auch solcher Kleinigkeiten wie etwa der Reißzwecke und ihres Erfinders in Lychen (r. oben) oder - in Königs Wusterhausen - eines 100-jährigen Revolutionärs ohne Zeitbezug.