Am 30. November, ziemlich genau 70 Jahre nach dem Tag, als zum ersten Mal jüdische Kinder nach Großbritannien ausreisten, wird am Bahnhof Friedrichstraße eine Skulptur für diese einmalige Rettungsaktion eingeweiht. Ein ähnliches Denkmal steht seit Jahren an der Londoner Station Liverpool Street - geschaffen von dem israelischen Bildhauer Frank Meisler. Rund 10 000 jüdische Kinder konnten wie Meisler selbst Deutschland noch rechtzeitig verlassen.Die Skulptur ist ein Geschenk des Künstlers. Doch die Initiative des Künstlers und einer Berlinerin wäre fast gescheitert. Durch die Kindertransporte Gerettete wie Alfred Fleischhacker und Inge Lammel fühlten sich nicht nur übergangen, sondern bemängelten historische Ungenauigkeiten. So werde eine erwachsene Figur der Skulptur, die symbolisch die Verfolgung der Juden darstellt, mit einem Davidstern gezeigt. Zum Zeitpunkt der Kindertransporte mussten Juden diesen noch nicht tragen. Generell halten beide die Verbindung zwischen Geretteten und Deportierten für eine Variante, die sich weder historisch und erst recht nicht künstlerisch verbinden lasse. Hermann Simon vom Centrum Judaicum wandte sich in einem Brief an Mittes Bezirksbürgermeister Christian Hanke, mit der Bitte, die Einwände ernst zu nehmen: "Diese Kritik ist vollkommen berechtigt und darf unter keinen Umständen überhört werden." Simon bemängelte zudem, dass die Umsetzung des Denkmal-Projekts "unter Vernachlässigung aller demokratischen Gremien" zustande gekommen sei.So wurde innerhalb weniger Tage aus der im Grunde gut gemeinten Initiative fast ein Streit, der erst am Wochenende mit einer Krisensitzung beim Bezirksbürgermeister sein Ende fand. Neben Lammel, Fleischhacker und der ebenfalls als Kinder geretteten Gerdi Colden und Kurt Gutmann nahm Andreas Nachama von der Stiftung Topographie des Terrors an der Sitzung teil, der auch Bedenken äußerte. Die Senatskulturbehörde hatte sich schon vor Monaten geweigert, die Initiative zu unterstützen.Die Überlebenden einigten sich mit Hanke auf einen Kompromiss: Zwei Tafeln, an der Skulptur oder an der Bahnhofswand angebracht, sollen mit Zusatzinformationen aufklären und Ungenauigkeiten richtigstellen. Der Text wird im Januar festgelegt. Fleischhacker etwa hält es für nötig, darauf hinzuweisen, dass fast alle Kinder vom Anhalter Bahnhof die Reise angetreten haben. Zur Eröffnung hängen die Tafeln nicht. Fleischhacker rechnet mit der Installierung im Frühjahr. "Wir können das Denkmal in dieser Form nicht verhindern", sagt Inge Lammel. Ihr wäre es lieber gewesen, von Anfang an in die Vorbereitungen einbezogen worden zu sein.------------------------------Die USA lehnten die Aufnahme abKindertransporte: Unter diesem Namen hatte 1938 Großbritannien begonnen, jüdische Kinder aus Deutschland in sein Land zu holen. Die ersten Transporte mit 196 Berliner Kindern erreichten am 2. Dezember 1938 Harwich.Rund 10 000 Kinder im Alter von bis zu 17 Jahren sollen bis September 1939 nach Großbritannien gekommen sein. Viele von ihnen wurden in Flüchtlingslagern untergebracht, manche in Pflegefamilien. Über das Schicksal ihrer Eltern, die überwiegend in Konzentrationslagern umkamen, haben viele Kinder erst nach Ende der Nazizeit erfahren.Reise und Aufnahme haben für jedes Kind, umgerechnet auf heutige Kurse, 12 500 Euro gekostet. Die britische jüdische Gemeinde verpflichtete sich, einen Teil der Kosten zu tragen. Außerdem halfen Verwandte oder Hilfsorganisationen. Ein Ausschuss des US-Parlamentes hatte im Gegensatz zu Großbritannien die Aufnahme abgelehnt.Von Berlin aus sind die Züge nach Großbritannien meist vom Anhalter Bahnhof abgefahren, einige vom Bahnhof Friedrichstraße und vom Bahnhof Lehrter Straße.------------------------------Foto: Die Gedenkskulptur für die geretteten Kinder (hier ein Modell) soll am 30. November eingeweiht werden.------------------------------Foto: Am U-Bahnhof Friedrichstraße haben die Bauvorbereitungen für die Skulptur bereits begonnen.