ZÜRICH. Es hätte ein ruhiger Nachmittag werden sollen für Dennis Oswald, im Kreise seiner Lieben. Für die Fifa ist Oswald, Präsident des Ruder-Weltverbandes, so etwas wie ein Maskottchen. Er ist immer dabei, wenn der Kongress tanzt, und sitzt meist in der ersten Reihe. Oswald leitet das Sportinstitut an der Universität Neuchatel, das die Fifa mit dem IOC finanziert. Während Oswald diesmal also den salbungsvollen Eröffnungsreden lauschte, wurde er von der Realität eingeholt, die sich etwas hässlicher darstellt als die Postulate der Fifa-Granden und ihrer Gäste.Während der Kongresseröffnung teilte das IOC am Mittwochabend mit, eine Untersuchungskommission zu den Dopingpraktiken im Team Telekom eingerichtet zu haben. Multifunktionär Oswald, der auch dem IOC-Exekutivkomitee angehört, leitet diese Dreier-Kommission, der Sergej Bubka (Ukraine) und die Schwedin Gunilla Lindberg angehören. Oswald und Bubka hatten mit dem deutschen IOC-Vorständler Thomas Bach auch jene Disziplinarkommission geleitet, die sich mit dem Dopingskandal im österreichischen Wintersport befasste. Die Bestrafungen waren beachtlich: Unter anderem wurden sechs Athleten lebenslang für olympische Wettbewerbe gesperrt. Österreichs NOK (ÖOC) wurde ein Strafzoll von einer Million Euro aufgebrummt.Kaum war der erste Teil des Fifa-Kongresses beendet, sah sich Oswald mit Fragen konfrontiert. Er wusste bis dahin nur zu sagen, dass IOC-Präsident Rogge seinen Vorstand um Stellungnahme per Email gebeten hatte. Die Kollegen kamen der Forderung nach, und so wurde die Kommission eingesetzt. So viel zum Procedere. Inhaltlich, daran ließ Oswald keinen Zweifel, wird sich auch dieses Gremium an den Vorleistungen der Österreich-Causa orientieren: So soll die Rolle der Freiburger Ärzte untersucht werden. Und die Olympiamedaillen der Telekom-Fahrer könnten aberkannt werden. Jan Ullrich gewann bei den Spielen 2000 Gold und Silber, Alexander Winokurow Silber und Andreas Klöden Bronze. "Wenn es bewiesen ist, dass jemand gedopt war oder irgendwie anders betrogen hat, sehe ich kein Problem bei einer Aberkennung", sagte Oswald. "Es wäre nicht richtig, dass jemand eine Medaille behält. Was wir wissen, können wir nicht ignorieren."Oswald stellte noch einmal klar, "dass ein positiver Test keine Bedingung für eine Dopingstrafe ist". Die gesperrten Österreicher waren auch nicht positiv getestet worden, doch die Beweislage war erdrückend. "Wir bestrafen für Doping, das ist schließlich verboten", sagte Oswald: "Und wenn ein Athlet selbst dazu steht und sagt: Ich habe das genommen, oder wenn wir Rechnungen haben, dass jemand etwas gekauft hat, dann ist das auch eine Art, Doping zu beweisen." Gespannt erwartet auch er deshalb jene Unterlagen, die die spanischen Ermittler in der Operacion Puerto sicherstellten. Momentan sei jede Art der Bestrafung denkbar, auch der Ausschluss des Radsports und des Weltverbandes UCI von den nächsten Sommerspielen. "Es ist noch zu früh, diese Frage zu beantworten", sagte Oswald, "aber es ist wirklich alles offen. Wir haben jeden Spielraum bei den Sanktionen."Zweifel an der GlaubwürdigkeitAuf die Frage, wie glaubwürdig es sei, wenn deutsche Radprofis behaupten, sie hätten nur in einem eng begrenzten Zeitrahmen Blutdoping betrieben, mochte Dennis Oswald zunächst nicht direkt antworten. Doch er gab sich keine Mühe, seine Meinung zu verbergen. "So eine Frage kann sich jeder selbst beantworten", sagte er, um dann den Fragesteller seinerseits rein rhetorisch zu fragen: "Was denken Sie?" Dass es nicht glaubwürdig ist. "Eben", sagte Oswald. "Und wir müssen in der Disziplinarkommission nun klären: Wer hat da wie lange gedopt? Und wer hat angeblich plötzlich gestoppt? Wie war es dann möglich, weiterzufahren und dieselben Leistungen zu bringen?"Im Abdrehen sagte Dennis Oswald doch noch, was er von den Geständnissen zeitlich eng begrenzten Dopings hält. Der Satz lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen: "Ich glaube das auch nicht."------------------------------Foto: Noch baumelt die Plakette: Radprofi Jan Ullrich mit der Goldmedaille nach seinem Olympiasieg in Sydney.