Frau Professor Heuser, Berlin gilt als die Hauptstadt der Depressionen. Krankhafte Schwermut ist inzwischen dritthäufigster Grund für Krankschreibungen. Vereinsamen Menschen in der Großstadt eher?

Die Menschen vereinsamen in der Großstadt, aber auch in nahezu ausgestorbenen Dörfern in Ostdeutschland. Depressionen können aber nicht einzig und allein mit Vereinsamung erklärt werden. Sie nehmen weltweit zu, bei Frauen wie Männern, das ist ein allgemeiner Trend und keine spezifische Berliner Situation.

Woran liegt das?

Psychische Erkrankungen werden stärker wahrgenommen, das Stigma hat sich etwas gelockert. Betroffene sagen heute eher, dass sie eine Depression haben, anstatt etwa ein Rückenleiden vorzuschieben.

Hängt die steigende Zahl der Diagnosen auch damit zusammen, dass psychische Leiden wie Burn-out Modekrankheiten geworden sind?

Burn-out ist keine Modekrankheit, Burn-out ist überhaupt keine Krankheit, sondern eine beschönigende Bezeichnung für Depressionen. Möglicherweise sind Depressionen wie hoher Blutdruck Zivilisationskrankheiten, die auch durch Umweltbedingungen ausgelöst werden.

Was sind das für Umweltbedingungen?

Da spielen die elektronischen Medien eine Rolle, die ständige Erreichbarkeit durch Mails. Für Arbeitnehmer gibt es keine klare Trennung mehr zwischen Freizeit und Beruf. Darüber hinaus wird in den Betrieben zunehmend Personal abgebaut. Immer weniger Menschen sollen immer mehr leisten. Gratifikationen gibt es nicht mehr. Dieser Stress zerreißt einen. Aber auch Arbeitslose sind belastet, sie liegen nicht in der sozialen Hängematte. Sie stehen unter großem Druck, der sich sowohl auf die körperliche als auf die seelische Gesundheit auswirken kann.

Hat auch das Wetter Einfluss auf unser Gemüt?

Wir wissen, dass in den nordischen Ländern Depressionen häufiger sind. Insgesamt hat das Wetter in Deutschland aber nicht wirklich eine Auswirkung. Im Winter werden wir häufiger ein bisschen träger, haben mehr Lust auf Süßes, aber eine sogenannte Winterdepression ist in unseren Breiten eher selten.

Also, wenn man jetzt aus dem Fenster schaut, ...

.. ist man wegen des grauen Himmels deprimiert, aber nicht depressiv. Das ist ein großer Unterschied.

Auch Kinder sollen inzwischen zunehmend unter Depressionen leiden.

Ich denke, dass Eltern mehr Aufmerksamkeit darauf richten. Wenn das Kind morgens wiederholt nicht aufstehen will oder über Bauchschmerzen klagt, steckt häufiger eine Depression dahinter. Das ist bei Kinderärzten mittlerweile angekommen.

Aber ausgerechnet Kinder, wie kann das sein?

Kinder kriegen alle Krankheiten, die Erwachsene auch bekommen, außer Demenz.

Nicht nur psychische Erkrankungen nehmen zu, auch Antidepressiva werden laut aktuellem OECD-Gesundheitsreport immer häufiger verschrieben. Zu häufig?

Nein, das finde ich überhaupt nicht. Wenn die Zahl der Depressionen steigt, wird auch mehr verordnet. Antidepressiva haben einen Nutzen, die Suizidalität kann gesenkt werden. Und die Risiken sind überschaubar. Lediglich bei Kindern gibt es in einer bestimmten Medikamentengruppe ein höheres Risiko. Zudem ist es eine Abstimmung mit den Füßen. Ich hatte einen Patienten, dem ich 20 Stunden Psychotherapie empfohlen habe. Er wollte aber Antidepressiva, weil ihm das zu zeitaufwendig war.

Und haben Sie sich darauf eingelassen?

Ja, natürlich. Man kann nicht gegen den Willen der Patienten behandeln, sondern muss sie einbeziehen.

Antidepressiva sollen um ein Vielfaches überteuert sein.

Das ist wie bei allen Medikamenten. Wenn Pharmafirmen ein neues Präparat unter Patentschutz auf den Markt bringen, ist es sehr teuer. Aber die Behandlung mit Antidepressiva ist immer noch wesentlich billiger als Psychotherapie, die zum Teil schlecht evaluiert und nie kontrolliert wird.

Wie hilfreich ist Psychotherapie?

Psychotherapie ist ein wirksames Verfahren, vor allem zur Rückfallprophylaxe oder zur Prävention. Die Psychotherapie kann auch mit der Gabe von Antidepressiva kombiniert werden. Bei einer schweren Depression, die eine akute Behandlung erfordert, ist sie jedoch nicht geeignet.

Das Gespräch führte Thorkit Treichel.