Nach dem ersten Sturm der Entrüstung ist Sachlichkeit eingekehrt. Dirk Zingler, der Präsident des 1. FC Union Berlin, hat an die aufgebrachten Fans appelliert, sich jetzt zurück zu halten. "Kollektive Selbstdisziplin" nennt es Daniel Blauschmidt, seit vielen Jahren einer der führenden Köpfe in der Köpenicker Fan-Szene: "Die Faust in der Tasche ist geballt, aber da bleibt sie auch drin." Vorerst zumindest.Denn Ende der Woche, Donnerstag oder Freitag, trifft sich Unions Vereinsführung mit den Vertretern des Bezirks Treptow-Köpenick und des Berliner Senats. Auch der Berliner Fußball-Verband wird einen Abgesandten an den runden Tisch schicken und Union unterstützen im Bemühen, den Fußballstandort Alte Försterei im Südosten zu retten. "Wir sind für alle Modelle offen, damit wir in unserem Stadion bleiben können", sagte Zingler, "die Stadt kann uns nicht unsere Heimat und Identität nehmen, und eine traditionsreiche Sportstätte zur Wiese verkommen lassen." Zuletzt war dieser Eindruck durchaus entstanden, weshalb die Zuschauer protestierten, auf zahlreichen Plakaten. Die Spieler trugen im Spiel gegen Braunschweig am Sonnabend (2:2) auch ein Transparent aufs Feld: "Das ist unser Stadion. Die Alte Försterei muss leben."Viel war an diesem stimmungsvollen Tag die Rede von der Einzigartigkeit des urwüchsigsten und lautesten Berliner Stadions. Immer wieder besangen die Fans während des Spiels choralartig ihr Stadion, in dem viele von ihnen auch immer wieder unentgeltlich handwerklich aktiv waren - und das sie lieben. Trotz allen Einsatzes ist Berlins einziges reines Fußballstadion ohne Laufbahn stetig zerfallen. Ohne Baumaßnahmen gibt es keine Profifußball-Lizenz mehr vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) für den Klub, der wohl kommende Saison in Liga zwei oder drei spielen wird. "Die Stadt kommt hier schon lange ihrer Sorgfaltspflicht nicht mehr nach, das Stadion ist nicht mehr sicher", sagt auch Zingler. 3,2 Millionen Euro würden benötigt, um die Arena fit für die zweite Liga zu machen, für Liga drei - in der noch keine Rasenheizung Pflicht ist - etwas weniger. Union wollte das selbst in die Hand nehmen, doch aus dem mit der Stadt fast sicher vereinbarten Ein-Euro-Geschäft zur Übernahme wurde nichts, weil die Europäische Union eine zu hohe Subventionierung sah. Nun liegt Union ein Angebot zum Kauf über 1,89 Millionen vor. Eine Summe, die zusätzlich zu den 17 Millionen für den Umbau zur einer modernen Alten Försterei geschultert werden müsste und deshalb inakzeptabel sei. "Das mag der Verkehrswert des Geländes sein", sagt Zingler, "der Nutzwert aber liegt bei null, weil alles so kaputt ist, dass der DFB kommende Saison kein Auge mehr zudrücken will."Thomas Härtel, der Staatssekretär für Sport und Inneres, hat eine Übernahme der Sanierung durch die Stadt abgelehnt, nimmt den ebenfalls klammen Bezirk in die Pflicht - und verweist auf das Olympiastadion und den Jahnsportpark als Ausweichspielorte. Im Falle des Aufstiegs in die zweite Liga würde man in der schmucklosen Arena im Prenzlauer Berg auch eine Rasenheizung einbauen. "Der Senat wittert die Chance, das Millionengrab Jahnstadion doch noch zu rechtfertigen, indem man uns dort reinsetzt", sagt Dirk Zingler. Und das trotz einer nicht zu vernachlässigenden historischen Komponente: Nur widerwillig betritt ein Unioner die einstige Spielstätte des Rivalen BFC Dynamo. "Dauerhaft würden wir dort nicht spielen", sagt Zingler, der die Aussagen von Härtel als "noch nicht verbindlich" ansieht.Unions Hauptgläubiger Michael Kölmel, der seine Kinowelt unlängst verkaufte, hat gegenüber dieser Zeitung Interesse an einem Berliner Stadionprojekt bekundet. Zum mindestens zehnten Mal seit der Wende geistern auch russische Investoren durch die Wuhlheide. Die Anwesenheit von zwei Marketingmitarbeitern des Konzerns Gazprom beim Spiel werteten einige als Indiz für einen Einstieg. Allerdings hat die Firmenzentrale des Gasgiganten oft betont, man werde im deutschen Fußball nur in Schalke 04 investieren. Diese Aussage wurde am Wochenende von Gazprom erneuert. Zingler sieht die Stadt in der Pflicht. Union aber sei, so Zingler mittlerweile, bereit, über einen eigentumsähnlichen Erbpachtvertrag zu reden. Dieses Modell kann sich auch Härtel vorstellen.------------------------------"Die Stadt kommt ihrer Sorgfaltspflicht nicht nach." Dirk Zingler, Union-Präsident