RECKLINGHAUSEN, 6. Februar. Es ist Montagabend, kurz nach halb sieben. Kurt Meyer ist da, wo er sich jeden Montag und Donnerstag um diese Zeit herumtreibt: halb links an der Ecke des 16-Meter-Raums der Sportanlage Lange Wanne in Recklinghausen. Er ist in dieser Woche Deutschlands gefragtester Fußballspieler, denn er schoss Tor Nummer fünf von fünf Vorschlägen für das "Tor des Monats" der ARD-Sportschau - und das, obwohl Meyer mehr als 50 Jahre älter ist als sein ältester Mitbewerber."Von Schlappen gerutscht"Von seiner halblinken Lieblingsecke zirkelte er den Ball oben rechts ins Eck, obwohl er ihm erst "ein bisschen vom Schlappen rutschte", wie er anschließend zu Protokoll gab. Das denkwürdige Tor, das Kurt Meyer ins Rampenlicht rückte, schoss er in einem Spiel, das eigens zu seinem 80. Geburtstag von seinen Sportsfreunden von Blau-Weiß Post Recklinghausen gegen den FC Hillerheide organisiert wurde. Und weil im Januar nicht so viel Fußball in Deutschland stattfand und ein WDR-Kamerateam vor Ort war, sahen Millionen Zuschauer das Kabinettstückchen.Auf so eine Auszeichnung warten Fußballer jahrelang. Bei Kurt Meyer waren es genau 70. Mit zehn Jahren trat er in den Verein ein, vorher hatte er mit den Nachbarsjungen den Ball in der Zechensiedlung herumgedroschen. Es folgte eine Amateur-Karriere in verschiedensten Ligen. Die unterbrach er auch nicht, als er 1949 auf Zeche "König Ludwig" als Bergmann anfing. 38 Jahre malochte Meyer als Hauer. Und wenn die Zeit mal knapp wurde, dann lief er zum Trainung mit "schwatten Augen und ner Tonne Kohle auf der Haut auf", wie die Weggefährten am Spielfeldrand berichten.Später übernahm er 35 Jahre lang die Jugendarbeit und förderte einen, der für einen anderen blau-weißen Verein aus dem Pott später den Uefa-Pokal holte: Martin Max. Der wurde in der Saison 1999/2000 Torschützenkönig und schickte zu Meyers 80. Geburtstag ein persönlich gewidmetes 1860-München-Trikot. Treffsicher wie Max ist auch das Strafraum-Monster "Kuat", wie Mitspieler den 80-Jährigen rufen. In den 70er-Jahren, als er noch Trainer war, bekam er einmal einen Pokal, weil er im Training im Laufe eines Jahres mehr als 300 Tore schoss.Heute dauert es nur sechs Minuten, bis er wieder eine "Hütte" macht. Der Angriff läuft über links, Kurt Meyer kriegt den Ball - wo wohl? - auf halb links, geht zwei, drei Schritte, schaut und schon ist der Ball flach verwandelt. 1:0 für die ohne Leibchen. Statt Leibchen trägt Kurt Meyer einen blau-weiß-roten Trainingsanzug, Handschuhe und neue Puma-Sportschuhe, die bei diagonalem Dauerregen auf rotem Ascheplatz hart rangenommen werden. So etwas Albernes wie einheitliche Sportkleidung brauchen sie hier in der Langen Wanne nicht. Und so einen Blödsinn wie Abseits oder Halbzeit auch nicht. Hindert nur am Toreschießen.Der nächstjüngere Spieler ist 63, der jüngste so um die 30, obwohl die Senioren-Klasse, in der Kurt Meyer spielt, eigentlich 40 Jahre vorschreibt. Was soll s, der Nachwuchs braucht eine Chance. Mit 50 hat Meyer noch als Spieler-Trainer mitgekickt. Früher besetzte er die Spielposition, die gerade benötigt wurde. Das hat er heute nicht mehr nötig, er ist als Stürmer gesetzt. Als Vollblut-Stürmer. Was auch das RTL-Team erfahren muss, das ihn zwischen zwei Angriffen am Spielfeldrand interviewen will. Sobald er das wunderschöne Geräusch eines auf einer riesigen Pfütze aufklatschenden Lederballes hinter sich hört, unterbricht er seinen Vortrag, dreht sich um und rennt volle Kanne dahin, wo es weh tut. Das RTL-Funk-Mikro nimmt er gleich mit.Die Organisation der Presse-Arbeit überlässt er inzwischen seinem Kumpel Klaus Prahl, die Interviews gibt Meyer selbst. Und der ganz große Auftritt, der kommt noch. Sonntag wird der Gewinner der Tor-des-Monats-Trophäe bekannt gegeben. Die offizielle Auszählung endet heute, aber aus Köln gab es schon eindeutige Signale. "Der Studiochef hat gesagt, ich hätte einen ziemlichen Vorsprung. Da sind mir zum ersten Mal in meiner Fußballerzeit Tränen die Backen runtergelaufen", sagt Meyer.Die Angebote sondierenEr hat sich nach Spielschluss mit seinen Mitspielern in der Kabine zusammengesetzt. Wie immer. Es gibt Würstchen, eingelegte Bratheringe und zwei Kisten Pils. Traditionell werden einige Meyer-Schlachtgesänge angestimmt. Wahrscheinlich lässt sich Kurt Meyer heute mal nach Hause fahren. Zur Feier des Tages. Gewöhnlich geht er die drei Kilometer zum Sportplatz hin und zurück zu Fuß. Training muss sein, 20 Jahre will er noch Tore schießen, wenn der liebe Gott mitspielt. Und seinen Sportsfreunden hat er angedroht: "Zehn Jahre hab ich noch einen Vertrag bei euch. Dann werde ich mal die Angebote sondieren.""Der Studiochef hat gesagt, ich hätte einen ziemlichen Vorsprung. Da sind mir Tränen runtergelaufen. " Kurt Meyer CHRISTOPH BAUER Nach dem Training gibt es für Kurt Meyer (vorn) und seine Sportsfreunde Würstchen, eingelegte Bratheringe und Pils.

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